Gazzola, A., G. Vallortigara & D. Pellitteri-Rosa (2018): Continuous and discrete quantity discrimination in tortoises. – Biology letters: 14(12): 1-4.

Kontinuierliche und diskrete Mengenunterscheidung bei Landschildkröten.

DOI: 10.1098/rsbl.2018.0649

Die Fähigkeit eine Menge abzuschätzen ist sehr wichtig in verschiedensten Lebenslagen und für das Verhalten von Tieren (z.B. während der Futtersuche) und diese Fähigkeit wurde mit Ausnahme der Reptilien intensiv für viele Taxa untersucht. Die wenigen Studien die es für Echsen gibt beschreiben das Fehlen einer spontanen Fähigkeit zur Mengenunterscheidung was vermuten lässt, dass Reptilien unter den Wirbeltieren eine Ausnahme darstellen in Bezug auf ihre numerischen Fähigkeiten. Wir untersuchten hier die spontane Fähigkeit von Griechischen Landschildkröten (Testudo hermanni) zwischen unterschiedlichen Futtermengen zu wählen. Die Landschildkröten waren in der Lage das größere Futterstück auszuwählen, wenn sie zwei Auswahlmöglichkeiten mit Größenunterschied hatten die dabei aber in gleicher Anzahl angeboten wurden (0.25, 0.50, 0.67 und 0.75 Verhältnis). Ebenso konnten sie zwischen zwei Gruppen mit gleichgroßen Stücken aber mit unterschiedlicher Anzahl von Stücken unterscheiden (1 versus 4, 2 versus 4, 2 versus 3 und 3 versus 4 Stücken). Die Landschildkröten waren also in beiden Unterscheidungstests erfolgreich und konnten sowohl nach Größe wie auch nach Anzahl unterscheiden wobei sich abzeichnete, dass ihre Fähigkeit dazu von dem Verhältnis der Stücke zueinander abhängt (sie folgen also dem Weber’schen Gesetz). Diese Befunde bei Schildkröten liefern einen Beweis für ein altes ursprüngliches System zur Extrapolation von numerischen Größen beim Vorliegen einer gegebenen Menge von Elementen die von allen Wirbeltieren geteilt wird.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun diese Fähigkeit haben nicht nur Wirbeltiere, sondern eines der bekanntesten Beispiele sind wohl Bienen die mit ihrem Schwänzeltanz diese Information über Menge und Entfernung der neuen Pollenquelle sogar ihren Stockgenossinnen mitteilen können. Insofern wieder ein Befund der uns zeigt zu welchen Kognitionsleistungen selbst Schildkröten fähig sind (siehe Kommentare zu Poschadel et al., 2006; Wilkinson & Huber, 2012; Roth et al., 2019). Zudem sollte uns dieses Beispiel auch mal an uns selbst erinnern: Können sie sich noch an die Mengenlehrenstuden im Mathematikunterricht zurückerinnern? Nur soviel mal zu den alten Forendiskussionen über kleine stumpfsinnige Hirne von den sogenannten „niederen Wirbeltieren“.

Literatur

Poschadel, J. R., Y. Meyer-Lucht & M. Plath (2006): Response to chemical cues from conspecifics reflects male mating preference for large females and avoidance of large competitors in the European pond turtle, Emys orbicularis. – Behaviour 143: 569-587 oder Abstract-Archiv.

Roth II, T. C., A. R. Krochmal & L. D. LaDage (2019): Reptilian Cognition: A More Complex Picture via Integration of Neurological Mechanisms, Behavioral Constraints, and Evolutionary Context. – Bioessays 41(8): e1900033 oder Abstract-Archiv.

Wilkinson, A. & L. Huber (2012): Cold-Blooded Cognition: Reptilian Cognitive Abilities. – S. 129–143 in: Vonk, J. & T. K. Shackelford (Hrsg.): The Oxford Handbook of Comparative Evolutionary Psychology. – New York, NY, (Oxford University Press) oder Abstract-Archiv.

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