Mueller-Paul, J., A. Wilkinson, G. Hall & L. Huber (2012): Radial-Arm-Maze Behavior of the Red-Footed Tortoise (Geochelone carbonaria). – Journal of Comparative Psychology 126(3): 305–317.

Verhalten im Radial-Arm-Labyrinth bei Köhlerschildkröten (Geochelone carbonaria).

DOI: 10.1037/a0026881

Das Radialarmlabyrinth ist eine etablierte Methode, um das räumliche, belohnungsorientierte Lernverhalten von Tieren zu testen. Forschungsarbeiten mit Säugetieren, Vögeln und Fischen haben gezeigt, dass diese Aufgabe mittels zweier Verhaltensmuster gemeistert werden, die in unterschiedlichen Maße eingesetzt werden, wobei die beiden Strategien zum Einen auf externe Stimuli (z. B. Landmarken) oder auf einem stereotypen Vorgehen (also immer in gleicher Weise ablaufenden Mustern) basieren. In dieser aktuellen Studie trainierten wir vier Köhlerschildkröten (Geochelone carbonaria) darauf, in einem achtarmigen Labyrinth zu navigieren, wobei wir ihnen in verschiedenem Maße sichtbare Orientierungshilfen im Raum anboten. Die Ergebnisse deuten an, dass sie hauptsächlich die Strategie des stereotypen Vorgehens nutzen, obwohl sie sich auch an sichtbaren Orientierungshilfen orientieren, wenn sie es vorher gelernt haben. Die Befunde zeigen, dass die räumliche Orientierung der Schildkröten ähnlicher zu der bei Säugetieren und Vögeln beobachteten ist, als man früher gedacht hatte.

Köhlerschildkröte, Chelonoidis carbonaria – © Hans-Jürgen Bidmon
Köhlerschildkröte,
Chelonoidis carbonaria,
© Hans-Jürgen Bidmon

Kommentar von H.-J. Bidmon

Es ist schon interessant zu erfahren, dass vieles von dem, was früher nur den so bezeichneten „höheren“ Tieren zugetraut wurde, auch bei vielen anderen, einschließlich der Schildkröten, zu beobachten ist. Allerdings denke ich, dass man auch hier erst am Anfang der Erkenntnis steht. Denn woran es heute oft mangelt, ist das Wissen darüber, was für eine Schildkröte oder ein bestimmtes Reptil einen adäquaten Reiz oder Anreiz darstellt. Denn wir lernen ja gerade zunehmend, dass solche Verhaltensweisen sich als Anpassung an einen bestimmten Lebensraum entwickelt haben und den kennen wir für unsere üblicherweise getesteten Labortiere recht gut, nicht aber für die Vielzahl von Wildtieren. Wer einmal beobachtet hat, mit welcher Ausdauer (stereotype Penetranz) und Genauigkeit manche Schildkrötenweibchen das Loch im Zaun, durch das sie im Vorjahr einen geeigneten Nistplatz gefunden haben, an der gleichen Stelle im nächsten Jahr wieder suchen, wobei sie sich nach einem Winterhalbjahr sicher nicht mehr am Geruch orientieren können, dem sollte eigentlich auch so klar werden, dass auch Schildkröten je nach aktuellem Anreiz beide Strategien sehr gezielt zum Einsatz bringen können.

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