Mitchell, T.S. & F. J. Janzen (2019): Substrate Influences Turtle Nest Temperature, Incubation Period, and Offspring Sex Ratio in the Field. – Herpetologica 75(1): 57-62.

Das Substrat beeinflusst die Nesttemperatur, die Inkubationszeit und das Geschlechterverhältnis der Schlüpflinge im Feld.

DOI: 10.1655/D-18-00001

Chrysemys picta – © Hans-Juergen Bidmon
Zierschildkröte, Chrysemys picta
© Hans-Juergen-Bidmon

Die temperaturabhängige Geschlechtsausprägung bei der die Inkubationstemperatur unwiderruflich das Geschlecht der Nachkommen festlegt ist ein weitverbreiteter Geschlechtsfestlegungsmechanismus bei Reptilien. Das Wetter ist der primär bestimmende Faktor für die Temperatur in Reptiliennestern wobei die Auswirkungen des Wetters auf die Nesttemperatur durch die Mikrohabitatauswahl der Mütter mitbeeinflusst wird (z. B., Beschattung durch Baumkronen etc.). Ein weiterer potentiell wichtiger Aspekt des Nestmikrohabitats sind die physikalischen Eigenschaften des Nistsubstrats. Allerdings wurde der Einfluss den der Nistsubstrattyp auf die Nesttemperatur hat im Freiland nie experimentell untersucht. Wir inkubierten die Eier von Zierschildkröten (Chrysemys picta) in drei Substrattypen die gleich jenen sind die normalerweise auch zur Anlage von Nestern bei unserer Studienpopulation gewählt werden. Innerhalb einer der Studienlokalitäten legten wir Gruben an die wir mit Lehm, Sand, oder Kies füllten. Dann legten wir darin künstliche Nistgruben in jedem Substrattyp an und wir verteilten dann nach dem Zufallsprinzip Eier in die Nester jeden Substrattyps. Der Substrattyp beeinflusste die Nesttemperatur und die Bodenfeuchte und er wirkte sich auf die Inkubationszeit aus, aber beeinflusste keine anderen phänotypischen Parameter der Schlüpflinge mit Ausnahme des Geschlechterverhältnisses. Die kühleren Lehmnester brachten mehr Männchen hervor. Diese Befunde demonstrieren die Wichtigkeit des Nestsubstrats als eine Komponente der Auswahlkriterien für die Nistplatzauswahl und als einen Faktor zur Nesttemperaturmodulation in zukünftigen Nisttemperaturszenarios.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun für Meeres- und Flussschildkröten gibt es ja die Möglichkeit bei globaler Zunahme der Temperatur im Rahmen des Klimawandels in andere Zonen abzuwandern in denen sie ihren Bedürfnissen entsprechende Nisttemperaturprofile finden, da ihre Lebensräume nicht so lokal begrenzt sind wie für viele der terrestrischen Arten. Aber auch an diesem Beispiel sehen wir, dass auch terrestrische Populationen Auswahl- und damit Ausweichmöglichkeiten haben wobei ein Zusammenwirken von Pflanzenbedeckung (Beschattung) und Substratwahl zur Nistplatzwahl beitragen können. Auch geographische Eigenschaften wie Nord- bzw. Südexposition könnten die Nistplatzwahl beeinflussen. Insofern sollten wir den Tieren schon ein Überleben zutrauen, denn sie haben schon mehr Warm- und Kaltzeiten überdauert als wir. Man sollte auch nicht vergessen, dass es wohl auch während einer Warmzeit einige kühlere Jahre gibt, sodass es für langlebige Spezies ja ausreichen mag, wenn vielleicht nur alle 5 oder 10 Jahre Männchen schlüpfen. Allerdings sollte dabei nicht vergessen werden, dass es wohl in manchen Regionen auch wesentlich trockener werden dürfte und diese Trockenheit dürfte dann auch Vegetationsveränderungen mit sich bringen, die die eine oder andere terrestrische Population zum Aussterben bringen kann. Insofern muss man schon mit Veränderungen bei der Verbreitung von Arten ausgehen die entweder durch Aussterbeereignisse oder durch Abwanderung der jeweiligen Arten in andere lebensfreundlichere Regionen gekennzeichnet sein werden. Siehe dazu z. B. Javanbakht et al., (2017). Hier wird klar, dass es das schon häufiger gegeben hat. Aber solche lokalen Veränderungen gab es schon immer und sie sind nicht nur dem Klimawandel geschuldet. Diesbezüglich müssen wir uns als Homo sapiens sogar auf solche Verschiebungen einstellen, denn auch wir sind trotz technologischer Errungenschaft nicht so Umweltunabhängig, dass uns solche Klimaverschiebungen unbeeinflusst lassen würden. Sie haben ja ein paar kleine Anzeichen 2018 erleben dürfen, wobei sich selbst der Wasserniedrigstand im Rhein auf die Spritpreise auswirkte und Versorgungsengpässe auftraten. Ja und letztendlich sehen wir alljährlich schwerer verlaufende Brände in Kalifornien und wie in diesem Jahr in Australien auf solche Verschiebungen hin. Wir sollten aber auch nicht unbedingt bei solchen Untersuchungen vorsichtig sein, denn es erscheint mir wenig sinnvoll bei lehmigem Substrat nur die Temperatur im Auge zu haben, denn hier dürfte auch eine Veränderung beim Gasaustausch eine Rolle spielen. Siehe auch Xu et al., (2015) und Kommentar zu Loehr et al., (2019).

Literatur

Javanbakht, H., F. Ihlow, D. Jablonski, P. Siroky, U. Fritz, D. Roedder, M. Sharifi & P. Mikulicek (2017): Genetic diversity and Quaternary range dynamics in Iranian and Transcaucasian tortoises. – Biological Journal of the Linnean Society 121: 627-640 oder Abstract-Archiv.

Loehr, V.J.T., C. G. P. Voogdt & D. Nolan (2019): Ultrastructure of Eggshells from Wild and Captive Speckled Dwarf Tortoises, Chersobius signatus. – Herpetologica 75(1): 63-68 oder Abstract-Archiv.

Xu, W., W. Dang, J. Geng & H. L. Lu (2015): Thermal preference, thermal resistance, and metabolic rate of juvenile Chinese pond turtles Mauremys reevesii acclimated to different temperatures. – Journal of Thermal Biology 53: 119–124 oder Abstract-Archiv.

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