Liu, Z., X. Xiao, X. Wei, J. Li, J. Yang, H. Tan, J. Zhu, Q. Zhang, J. Wu & L. Liu (2020): Composition and divergence of coronavirus spike proteins and host ACE2 receptors predict potential intermediate hosts of SARS-CoV-2. – Journal of Medical Virology 92(6): 595-601.

Die Zusammensetzung und die Unterschiede der bei den Coronavirus–Spike (Stachel)–Proteinen und ihren Wirtsspezies–ACE2-Rezeptoren liefern Vorhersagen über potentiell mögliche Zwischenwirte für SARS-CoV-2.

DOI: 10.1002/jmv.25726

Grüne Meeresschildkröte, Chelonia mydas – © Hans-Jürgen Bidmon
Grüne Meeresschildkröte,
Chelonia mydas,
© Hans-Jürgen Bidmon

Seit Anfang 2002 und 2012 haben die schwere Lungenentzündungen hervorrufenden Coronaviren (SARS-CoV) und Mittlerer-Osten-Atemwegssyndrom-Coronavirus (MERS-CoV) ihre ursprünglichen Wirtsspeziesgrenzen überschritten und infizieren jetzt auch Menschen bei denen tausende unter Infektionen leiden und hunderte verstorben sind. Derzeit sorgt ein neu identifizierter Coronavirus (SARS-CoV-2) für Krankheitsausbrüche – 2019 (COVID-19). Bis zum 18. Februar 2020 waren 72.533 Infektionsfälle mit COVID-19 bestätigt (davon 10.644 mit schwerem Krankheitsverlauf) und es war zu 1.872 Todesfällen in China gekommen. SARS-CoV-2 verbreitet sich in der Bevölkerung und verursacht substantielle Einschränkungen da es sich von Mensch zu Mensch überträgt. Allerdings sind die möglichen tierischen Zwischenwirte für SARS-CoV-2 bislang nicht identifiziert. Es ist daher eine dringende Notwendigkeit die tierischen Zwischenwirte für SARS-CoV-2 zu identifizieren um damit auch eine weitere Verbreitung der Epidemie einzudämmen. In dieser Studie benutzten wir systematische Vergleichsanalysen um vorhersagen zu können mit welchen Rezeptorbindungsproteindomainen (RBD) des Angiotensin-Converting-Enzyms 2 (ACE2) das Coronavirus-Spike-Protein mit den Wirtstierzellen eine Verbindung eingehen kann. Die Interaktionen zwischen den Schlüsselaminosäuren des S-Protein-RBD und ACE2 zeigten wie schon früher angedeutet, dass jene von Schuppentieren und Schlangen dazugehören aber auch einige von verschiedensten Schildkröten (Chrysemys picta bellii, Chelonia mydas und Pelodiscus sinensis) können demnach als potentielle Zwischenwirte infrage kommen und SARS-CoV-2 auf den Menschen übertragen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Das heißt jetzt nicht, dass diese Schildkröten SARS-CoV-2 auf den Menschen übertragen haben, aber die Studie macht deutlich, dass das Virus an deren Zellen binden und sie infizieren kann ebenso wie es uns infizieren kann. Ob die Schildkröten daran erkranken würden bleibt fraglich, aber diese Tierarten können dazu beitragen, dass sich SARS-CoV-2 vermehren kann und bei entsprechendem Kontakt auch auf Menschen weiter übertragen werden könnte. Wie viele andere Schildkröten- oder Reptilienarten dazu auch in der Lage wären bleibt derzeit noch offen, denn diese schnellen Daten waren nur für die Spezies zu erarbeiten, für die die Gensequenz für die entsprechenden ACE2–RBDs schon früher einmal untersucht worden waren und in international zugänglichen Datenbanken verfügbar gemacht worden waren. Wenn wir aber einmal davon ausgehen, dass darunter durchaus auch Arten sind die zumindest in tropischen Regionen und auch in Südeuropa als invasiv sich ausbreiten können, dann erkennt man daran schon welches Gefahrenpotential daraus langfristig erwachsen kann. Die Konsequenz daraus wäre zumindest, dass falls sie sich infiziert haben sollten und gleichzeitig Exotenhalter/in sind sie auch im Umgang mit ihren Pfleglingen vorsichtig sein sollten, um später nicht mit einer möglichen, potentiellen Dauerinfektionsquelle die Zukunft verbringen zu müssen. Mal sehen wie lange es dauert bis eventuell auch Trachemys-Arten auf dieser Liste auftauchen. Sicher könnte jetzt jemand auf die Idee kommen die Haltung solcher Spezies zu verbieten um die Quellen in denen sich die Viren vermehren können und eventuell weiter gefährliche Mutationen hervorbringen so gering wie möglich zu halten, aber das käme wohl längst zu spät, da der Virus bislang alle Kontinente und damit auch jene auf denen die Arten natürlich vorkommen erreicht haben dürfte. Trotz dieser Gefahren derer man sich bewusst sein sollte, wäre aber auch hierzulande eine Ausweitung von Haltungsverboten sinnlos und retrospektiv nicht wirklich hilfreich, denn wenn so ein Virus erstmal bei unser eigenen Spezies angekommen ist hilft sowieso nur der Aufbau der eigenen individuellen Immunität und wenn verfügbar der Einsatz entsprechender Impfstoffe.

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