Poulakakis, N., S. Glaberman, M. Russello, L. B. Beheregaray, C. Ciofi, J. R. Powell & A. Caccone (2008): Historical DNA analysis reveals living descendants of an extinct species of Galapagos tortoise. – Proceedings of the Natural Acadamy of Science USA 105 (40): 15464-15469

DNS-Analysen aus historischen Spezies zeigen, dass noch Nachfahren einer ausgestorbenen Spezies leben

Riesenschildkröten sind ein Symbol für den Galapagos-Archipel und illustrieren den Einfluss, wie geologische Geschichte und natürliche Selektion zur Aufspaltung (Diversifikation) von Organismen führen. Aufgrund der starken Ausbeutung durch den Menschen wurden 4 der 15 bekannten Spezies (Geochelone spp.) ausgerottet. Charles Darwin selbst lieferte detaillierte Angaben über die immensen Entnahmen der Spezies G. elephantopus, die einst endemisch auf der Insel Floreana existierte. Es wurde angenommen, dass diese Art innerhalb von nur 15 Jahren nach dem Besuch von Darwin auf Galapagos in 1835 ausgerottet war. Die Anwendung moderner DNS-Untersuchungstechniken an Museumspräparaten in Kombination mit Langzeituntersuchungen des (phylogenetischen) Systems eröffnet neue Möglichkeiten zur Identifizierung noch lebender Überbleibsel von im Freiland ausgestorbenen Taxa. Hier benutzen wir mitochondriale DNS und Microsatellitendaten von Museumspräparaten, um aufzuzeigen, dass die Population von Floreana eine distinkte Evolutionsline darstellte, die sich von allen anderen Galápagosschildkrötenpopulationen abgrenzen lässt. Es konnte ebenfalls nachgewiesen werden dass einige lebende Individuen auf der nahegelegenen Insel Isabela von den anderen auf dieser Insel lebenden Schildkröten genetisch klar abgrenzbar sind. Überraschender Weise fanden wir, dass diese „nicht-einheimischen“ Schildkröten der Insel Isabela die nächsten Nachfahren derer von Floreana sind und ihr genetisches Material eine große Übereinstimmung mit den genetischen Daten aus den Museumspräparaten zeigt. Somit können wir zeigen, dass die genetische Linie von G. elephantopus nicht komplett ausgerottet wurde und dass sie derzeit noch in einer gemischten (Hybrid-) Population auf Isabela existiert. Mit genug Individuen und unter Realisierung eines konsequenten Zuchtprogramms kann diese Erkenntnis helfen, eine Art zurückzubringen, die seit mehr als einem Jahrhundert als ausgestorben galt. Zudem zeigen die Daten die Möglichkeiten, die genetische Langzeitanalysen liefern, und unterstreichen die wichtige Rolle, die die Museumspräparate für die Arterhaltungsbiologie spielen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine wirklich zuversichtlich stimmende Arbeit, die die Möglichkeiten der molekularen Genetik deutlich macht. Letztendlich zeigt sich aber auch an diesem Beispiel, wie Evolution verlaufen kann und dass Hybridbildung durchaus für die Gene eine Überlebensmöglichkeit darstellt. Zumindest scheint diese Hybridpopulation auf Isabela – wie die Wissenschaftler selbst andeuten – vital und groß genug zu sein, um daraus zurückzuzüchten. Insofern also immer noch wesentlich bessere Bedingungen als die der durch Lonesome George vertretenen Spezies Geochelone nigra abingdoni. Der hat sich zwar nach neueren Berichten nun auch zur Hybridisierung bewegen lassen, aber dennoch bleibt der Ausgang dieser Bemühungen abzuwarten. Insofern sollte man wirklich auch in modernen Arterhaltungskonzepten weiterdenken und bei geringen Individuenzahlen nicht nur auf Artreinheit, sondern auch auf Hybriden bauen. Denn das Risiko mit reinen Arten ist ein „Alles oder Nichts Spiel“ und gefährlicher und wohl auch unnatürlicher als beide Optionen zu nutzen. Man sollte weniger aus abstrakten Konzepten als aus der Natur lernen. (siehe dazu auch Bowen, B. W. & S. A. Karl (2007): Population genetics and phylogeography of sea turtles. – Molecular Ecology 16 (23): 4886-4907 oder SiF 5(1) 2008 oder Spinks & Shaffer (2007): – Conservation Genetics 8 (3): 641-657 Abstract-Archiv.

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