Perez, M., R. Bour, J. Lambourdiere, S. Samadi & M. C. Boisselier (2006): Isolation and characterization of eight microsatellite loci for the study of gene flow between Testudo marginata and Testudo weissingeri (Testudines: Testudinidae) – Molecular Ecology Notes 6 (4): 1096-1098.

Isolierung und Charakterisierung von acht Mikrosatelliten-Loci zum Studium des Genflusses zwischen Testudo marginata und Testudo weissingeri (Testudines: Testudinidae)

Der taxonomische Status der griechischen Testudo-Spezies, der Breitrandschildkröten (Testudo marginata Schoepff, 1793) und der Zwergbreitrandschildkröte (Testudo weissingeri Bour, 1995), ist immer noch umstritten. Um nun den Genfluss (Austausch) zwischen diesen griechischen Testudo-Spezies zu analysieren, charakterisierten wir acht polymorphe Mikrosatellitenmarker und untersuchten damit 32 Individuen. Die Anzahl der Allele pro Genlocus schwankte zwischen zwei und 19. Die beobachteten Heterozygotien variierten zwischen 0,235 und 0,830. Diese Mikrosatelliten-Loci wurden auch erfolgreich an sieben nahe verwandten Spezies der Testudinidae getestet. Dieses Set von Mikrosatelliten stellt ein effektives Handwerkszeug dar, um die genetische Differenzierung zwischen den Arten der Testudinidae aufzuklären.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hierbei handelt es um eine sehr schöne, saubere Arbeit zur Beschreibung und Zurverfügungstellung von Gensequenzen zur Untersuchung der Verwandtschaftsverhältnisse der Testudo-Spezies. Neben den Genannten wurden die Mikrosatelliten auch an T. hermanni, T. boettgeri, T. kleinmanni, T. anamurensis, T. graeca ibera, T. g. nabeulensis und A. horsfieldii kazachstanica getestet. Allerdings vermisst man sowohl im Titel als auch im Text eine klare Angabe, ob man klare Belege für die Aufrechterhaltung von T. weissingeri als eigenständige Art erzielen konnte, denn deren Existenz war ja eigentlich anhand der Befunde von Fritz et al. (2005): Molecular Phylogenetics and Evolution 37 (2): 389-401 oder Abstract-Archiv) widerlegt. Dennoch sind solche Arbeiten wichtig, zum einen zur Charakterisierung und Abklärung von Arten, zum andern zur Analyse von Populationsstrukturen und direkten Verwandtschaftsbeziehungen. Allerdings zeigen die widersprüchlichen (oder besser gesagt ergänzenden Befunde) an, dass man eigentlich eine neue klare Definition benötigt, um klare Aussagen machen zu können, ab wann es sich um eine neue Art handelt. Diese molekulargenetischen Techniken haben ihre Vorteile und die bestehen darin geringste Unterschiede im Genom sehr präzise zu lokalisieren und signifikante Unterschiede dingfest zu machen. Allerdings finden sich solch signifikanten Unterschiede nicht nur zwischen klar abgrenzbaren Arten, sondern auch zwischen Unterarten und zwischen verschiedenen Populationen innerhalb ein- und derselben Spezies (siehe Gaur et al. oder Schildkröten im Fokus 03/2006). Der Artbegriff muss aber durch eine allgemeingültige Definition klar definiert sein! Und genau an dieser Stelle liegt das eigentliche Problem, denn wir können nicht anfangen, anhand einiger signifikanter molekularbiologischer Unterschiede wahllos neue Arten abzugrenzen, die sich weder geographisch, noch klar morphologisch von der Ursprungsart unterscheiden und vielleicht nur durch Unterschiede auf Populationsniveau abzugrenzen sind oder durch morphologische und/oder physiologische Biotopanpassungen sich etwas von der Nominatform unterscheiden. Denn der Artbegriff hat ja eine gewisse Allgemeingültigkeit und da muss ich ganz klar sagen, dass sich T. marginata und T. weissingeri wohl in Bezug auf alle bislang beschriebenen Charakteristika weit weniger von einander unterscheiden, als wir das zum Beispiel für den Menschen kennen, denn da wird man unschwer feststellen, dass es zwischen Europäern, Asiaten, Afrikanern und etlichen ethnischen Gruppen sowohl morphologische wie physiologische Unterschiede gibt, die sich auch auf molekulargenetischer Basis nachweisen lassen. Dennoch gibt es meines Wissens keine wissenschaftlichen Bestrebungen aufgrund dieser Unterschiede die Art Homo sapiens in mehrere Unterarten oder gar Arten aufzuspalten. Der neue Artbegriff sollte aber für alle Spezies einschließlich unserer eigenen Art gelten. Insofern müssen wir uns schon fragen, sind diese im vorliegenden Fall für Schildkröten erarbeiteten molekulargenetischen Daten eine Sammlung interessanter Unterschiede, die zur Charakterisierung von Verwandtschaften oder Lokalformen nützlich sind, aber noch viel zu unstrukturiert sind, um damit eine wirklich allgemeingültige neue Definition für eine Art bzw. Arten vorzunehmen?
Ungeachtet dessen liefern diese Methoden aber ganz klar das Handwerkszeug zur Abklärung von direkten Verwandtschaftsbeziehungen, dass heißt, dass man mit diesen Daten in nicht allzu ferner Zukunft in der Lage sein wird, Mutterschaftsnachweise, Vaterschaftstests und sogar Populationszugehörigkeiten für Einzelindividuen der verschiedensten Spezies nachzuweisen (für etliche ist es ja heute schon möglich siehe Abstract-Archiv: Thema: Genetik). Wenn einmal die Sequenzen bekannt sind, nach denen man bei den einzelnen Arten suchen muss, um diese Feststellungen zu treffen, kann das jedes molekulargenetische Institut, das heute in der Lage ist Vaterschaftstests durchzuführen, denn mittels der PCR-Technik kann man sich alle publizierten Gensequenzen (Marker) selbst herstellen. Damit wird es, wie für den Menschen längst üblich, möglich anhand von Vergleichsproben (Speichelproben, Blutproben) Identitäten und eventuell sogar die Herkunft (Populationszugehörigkeit) von illegalen Tieren festzustellen. Ebenso wird es wohl sowohl für Privatleute als auch für Zuchtbuchvereinigungen möglich werden, Zuchttiere, die bestimmten Populationen angehören, zu identifizieren und zu Zuchtgruppen zusammenzustellen. Sie fragen nach dem Preis? Nun der wird vom Markt bestimmt, aber letztendlich, wenn sich einige Labore (die z. B. heute mittels PCR-Technik Herpesdiagnostik machen) darauf spezialisiert haben werden, dürften die Kosten nur unwesentlich höher als für einen humanen Vaterschaftstest liegen, aller Voraussicht nach sind sie billiger, denn auch in der Humandiagnostik wird meist für die Formulierung des Gutachtens mehr berechnet, als was der eigentliche Test gekostet hat und eine Begutachtung wäre ja nur im Falle von Straftaten und kriminaltechnischen Ermittlungen notwendig.

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