Mali, I., M. W. Vandewege, S. K. Davis & M. R. Forstner (2014): Magnitude of the Freshwater Turtle Exports from the US: Long Term Trends and Early Effects of Newly Implemented Harvest Management Regimes. – PLoS One 9(1): e86478.

Der Umfang der Wasserschildkrötenexporte aus den USA: Langzeittrends und erste Auswirkungen der neu eingeführten Managementregime für den Schildkrötenfang.

DOI: 10.1371/journal.pone.0086478 ➚

Die nicht regulierten kommerziellen Entnahmen bleiben eine der bedeutendsten Gefährdungen der Schildkröten weltweit. Aufgrund der anhaltenden Nachfrage auf den asiatischen Märkten werden große Stückzahlen an Schildkröten aus den USA exportiert. Beginnend im Jahr 2007 führten einige der südöstlichen Bundesstaaten einige Beschränkungen für die kommerzielle Entnahme von Schildkröten ein, um die nicht als nachhaltig zu bezeichnenden Entnahmen zu regulieren. Wir summierten die Wasserschildkrötenexporte aus den USA zwischen 2002 und 2012 und zeigen, dass der Umfang der Schildkrötenexporte aus den USA hoch geblieben ist, obwohl die Exporte während der letzten Dekade auch abnahmen. Louisiana und Kalifornien stellten die Hauptexporteure. Der Hauptteil der exportierten Tiere war in Gefangenschaft nachgezogen (captive bred) und bezog sich auf zwei Gattungen, Pseudemys und Trachemys. Wir fassen die Veränderungen während der 10 Untersuchungsjahre zusammen und überdenken die Situation dahingehend, dass die Exportzunahme von wildgefangenen Schildkröten aus dem Bundesstaat Louisiana, die nach 2007 erfolgte, die Konsequenz aus der strikten Regulierung des Handels in den Nachbarstaaten ist (z.B. Alabama, Florida). Wir vermuten, dass, wenn es darum geht den Schutz von wild lebenden Schildkröten als Ziel anzustreben, es dann zu einer Zusammenarbeit zwischen den Staaten kommen muss, um umfassende Regulierungen und Reformen für den Fang wilder Schildkröten durchzusetzen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Ehe wir uns den eigentlichen Erkenntnissen aus dieser interessanten Arbeit widmen, ein paar grundlegende Anmerkungen. Föderalismus hat für eine demokratische Gesellschaft durchaus Vorteile, allerdings werden diese auch manchmal aus Gewinnsucht und Kommerz schamlos ausgenutzt, und gerade Letzteres zeigt die Arbeit auf. Das gilt nicht nur für den Tierschutz und die Erhaltungsbiologie, wo hier der Bundesstaat Louisiana wegen seiner mangelnden Handels- und Fangbeschränkungen dazu missbraucht wird, die Tiere eben erst nach Louisiana zu verbringen, um sie zu exportieren, sondern es gilt in anderer Weise auch im amerikanischen Prostitutionsgewerbe, das eben nur im Bundesstaat Nevada erlaubt geblieben ist. Ja und auch hierzulande wird so manches Landesgesetz, wenn auch zum Nachteil der auf Bundesebene angestrebten Umweltschutzziele den angeblich landesspezifischen Interessen angepasst, wobei man sogar Gesetzesänderungen erwägt, um die gerichtlich untersagte Inbetriebnahme eines Kohlekraftwerks doch noch zu ermöglichen (siehe NRW). Es wäre auch da sicher sehr kurz gedacht, wenn bei der derzeitigen Stimmung jemand glauben mag, dass dadurch die Stromkosten stabiler zu halten wären. Was aber sicher angenommen werden kann, dass die daraus resultierenden Folgekosten für unsere Nachkommen teurer werden.
Nun aber zu einem für uns alle gerade im Hinblick auf die aktuelle Diskussion über ein Einfuhrverbot von Wildfängen nach Deutschland oder generell über die angebliche Nachhaltigkeit der „gefarmten“ oder „gerangten“ Nachzuchten. Hier wird ja häufig den Autoren unterstellt, die über die derzeitige Wirkungslosigkeit solcher Maßnahmen publizieren und darüber berichten, dass sie meist nur zum Umdeklarieren von Wildfängen als Nachzuchten dienen, dass sie aufgrund ihrer Unterstützung durch den WWF einseitige Darstellungen liefern, die längst der Realität widersprechen. Hier wird einmal für die USA, also ein hoch entwickeltes demokratisches Land und einen so genannten Rechtsstaat mit westlichem Vorbildcharakter gezeigt, wie auch dort die Realität aussieht. Dabei sollte man auch berücksichtigen, dass in diesen südlichen Bundesstaaten der USA die klimatischen Bedingungen für Reptilienzuchtfarmen sehr günstig sind, und man eigentlich davon ausgehen sollte, dass gerade hier der Zugriff auf Wildfänge gar nicht mehr notwendig sein sollte. Dennoch er findet statt, auch dort, wo er illegal ist! Die Autoren beschreiben hier sehr schön, dass z. B. aus „gerangten Bestand“ nicht heißt, dass es sich um keine Wildfänge handelt, nein es handelt sich um Wildfänge die lediglich in einer Farm aufgezogen wurden oder dort eine Zeit lang gehalten wurden, bevor sie in den Export gingen. Ebenso sind Farmnachzuchten nicht in jedem Fall als keine Wildfänge zu bezeichnen, denn der Begriff Farmnachzucht sagt nur, dass diese aktuell zu exportierenden Tiere dort geschlüpft oder geboren wurden, die Herkunft der Elterntiere ist damit nicht gemeint und da kann man sehr wohl Wildfänge als Zuchttiere einsetzen. Nun mag ja so mancher anmerken, dass ja Schildkröten sehr langlebig sind und deshalb sicher auch Elterntiere in den Farmen leben, die als Wildfänge dorthin gelangten. Dem ist auch so, nichtsdestotrotz scheint man aber auch Elterntiere nicht nur durch Nachzuchten zu ergänzen, sondern immer noch auch durch Wildfänge, denn die sind ja schon geschlechtsreif und müssen nicht erst aufgezogen werden. Es soll hier aber auch ermunternd betont werden, dass sich in etlichen Staaten der USA strengere Regeln in den letzten Jahren durchgesetzt haben, die langsam Wirkung zeigen, aber auch hier bleibt es fraglich, wie lange es dauern wird, bis sich die Bestände erholen (siehe Brown et al. 2011, 2012). Wenn allerdings solche Regulierungen des Handels schon in einem der modernsten westlichen Industrienationen so schwierig sind, wie sollte man dann erwarten können, dass es in anderen wesentlich ärmeren Schwellen- und Drittweltstaaten besser sein sollte, so dass ich durchaus davon ausgehe, dass die Publikationen wie die von Sung et al. (2013) und Calame et al. (2013) sowie die dort zitierten Arbeiten durchaus ernst zu nehmen sind und nicht nur als geschönte Lobbyistenarbeiten für den WWF abgetan werden können.

Literatur

Brown, D. J., V. R. Farallo, J. R. Dixon, J. T. Baccus, T. R. Simpson & M. R. J. Forstner (2011): Freshwater Turtle Conservation in Texas: Harvest Effects and Efficacy of the Current Management Regime. – Journal of Wildlife Management 75(3): 486-494 oder Abstract-Archiv.

Brown, D. J., A. D. Schultz, J. R. Dixon, B. E. Dickerson & M. R. J. Forstner (2012): Decline of Red-Eared Sliders (Trachemys scripta elegans) and Texas Spiny Softshells (Apalone spinifera emoryi) in the Lower Rio Grande Valley of Texas. – Chelonian Conservation and Biology 11(1): 138-143 oder Abstract-Archiv.

Calame, T. , T. N. E. Gray, M. Hurley, R. J. Timmins & K. Thongsamouth (2013): Field Observations of the Vulnerable Impressed Tortoise, Manouria impressa, from Southern Laos and Notes on Local Chelonian Trade. – Asiatic Herpetological Research 4(2): 151-154 oder Abstract-Archiv.

Sung, Y.-H., N. E Karraker & B. C. H. Hau (2013): Demographic Evidence of Illegal Harvesting of an Endangered Asian Turtle. – Conservation Biology 27(6): 1421-1428 oder Abstract-Archiv.

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