Lapid, R. H., I. Nir, & B. Robinzon (2005): Growth and body composition in captive Testudo graeca terrestris fed with a high-energy diet. – Applied Herpetology 2(2): 201–209.

Wachstum und Körperzusammensetzung bei in Gefangenschaft gehaltenen Testudo graeca terrestris, die mit einer energiereichen Nahrung gefüttert wurden.

DOI: 10.1163/1570754043492090

Maurische Landschildkröte, Testudo graeca – © Hans-Jürgen Bidmon
Maurische Landschildkröte,
Testudo graeca
© Hans-Jürgen Bidmon

Wilde Populationen von Testudo graeca sind zunehmend dem Risiko des Aussterbens ausgesetzt, da immer noch große Stückzahlen in den Handel gehen sowie durch den stetig fortschreitenden Habitatverlust. Die Einrichtung von Zuchtfarmen könnte die Gefährdung durch Absammeln wild lebender Exemplare verringern, allerdings erfordert das Management solcher Farmen Richtlinien zur Ernährung der Schildkröten. Unsere anfänglichen Aufzuchtversuche scheiterten aufgrund der schlechten Ernährung der Schildkröten, die weiche Panzer bekamen (Soft Shell Syndrom) oder an Gicht litten. Diese Probleme konnten behoben werden, indem wir für die Schlüpflinge und für junge, subadulte Schildkröten eine energiereiche Nahrung mit ausgewogenem Aminosäureanteil einführten. Diese Nahrung führte auch dazu, dass die aufgezogenen Schildkröten schneller wuchsen als die wild lebenden Exemplare. Wir bestimmten bei den so aufgezogenen Schildkröten die chemische Zusammensetzung des Körpers in Bezug zur Körpergröße, um herauszufinden, wie wir die Nahrung für jedes Altersstadium und seine Wachstumsphase optimieren können. Der Wasseranteil frisch geschlüpfter Schildkröten betrug 70 % und dieser stieg bis zur Verdopplung ihres Schlupfgewichts leicht an, um danach langsam abzunehmen und sich dann bei etwa 60 % zu stabilisieren, was etwa bei einem Gewicht von 170 g der Fall war. Der Aschegehalt (Mineralanteil) beim Schlupf betrug 5 % und nahm stetig bis auf 15 % zu, was ebenfalls bei einem Gewicht von 170 g erreicht wurde. Danach blieb der Ascheanteil stabil. Der Fettanteil lag beim Schlupf bei 7 %, was wahrscheinlich zum Teil durch den internalisierten Dotter bedingt war. Dieser Fettanteil sank danach langsam ab und erreichte sein Minimum von 2,8 % bei einem Körpergewicht von 94 g, stieg aber anschließend bei gleicher Fütterung wieder an und lag bei einem Körpergewicht ab 170 g aufwärts wieder bei etwa 7 %. Die Spiegel der schwefelhaltigen Aminosäuren (Methionin und Cystein) waren niedriger als die Werte, die für homöotherme Tiere (Vögel, Säuger) bekannt sind. Es zeigte sich aber eine deutliche negative Korrelation zwischen der Schwefelmenge und dem Proteinanteil, was vermuten lässt, dass Landschildkröten Schwefel in einem anderen, nicht in Aminosäuren gebundenen Körperkompartiment enthalten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dieses Abstract wird sehr spät besprochen, da es in einer nicht allzu leicht zu findenden Zeitschrift erschienen war, die es heute auch schon nicht mehr gibt. Ich habe mich aber trotzdem entschlossen, es noch aufzugreifen, weil diese an der Universität von Jerusalem durchgeführte Studie durchaus wichtige Grundlagen liefert, die uns heute in Bezug auf die Ernährung bei der Aufzucht einiges aufzeigen können. Vorweg möchte ich noch anmerken, dass die Autoren auch auf die älteren Arbeiten zum Thema eingehen und auch selbst andeuten, dass ihre früheren Versuche gescheitert waren, die Aufzucht mit Wildkräutern oder rein vegetarischer Fütterung zu gewährleisten und in Panzerdeformationen einschließlich der Pyramidenbildung resultierten. Zudem stellen sie hier sehr schön klar, was in der Veterinärmedizin unter schnellem Wachstum gemeint ist, denn die Autoren beschreiben sehr schön, dass der normale tägliche Zuwachs bei wild lebenden Schlüpflingen mit 0,03 % pro Tag gering ist. Allerdings wird auch der Zuwachs der Schildkröten, die die energiereiche Nahrung bekamen, von ihnen als gering eingestuft, da er nur bei 0,11 % pro Tag liegt, während schnelles Wachstum, wie es Veterinäre vom Masthähnchen her kennen, bei einer täglichen Gewichtszunahme von 15 % angesetzt wird. Die höhere Wachstumsgeschwindigkeit der künstlich ernährten Schildkröten führen die Autoren auch eher auf die bessere und stetige Nahrungsverfügbarkeit sowie die stabileren klimatischen Bedingungen in Gefangenschaft zurück, als nur auf das Futter allein. Es bleibt außerdem festzuhalten, dass die Autoren mit diesem energiereichen Futter die meisten Probleme beheben konnten, die vorher bei der Aufzucht aufgetreten waren, und die die Tiere verstarben weder am Soft Shell Syndrom, noch an Gicht. Das führen die Autoren darauf zurück, dass sie eben eine kohlehydratreichere, aber nicht aminosäurearme Nahrung anboten. Denn 78 % Katzenfutter plus 22 % Getreidestärke würde man heute zwar auch nicht mehr als optimal ansehen, aber immerhin, konnten sie damit die gängigen Aufzuchtprobleme beheben, die vorher beobachtet worden waren. Auffällig war außerdem, dass die Schildkröten – wenn auch noch unbekannt wo – relativ viel Schwefel speicherten, ohne es gleich in Proteine einzubauen. Könnte das der Grund dafür sein, warum junge Schildkröten den schwefeligen Geruch hart gekochter Eierschalenreste so mögen? Was fällt noch auf? Nun es wird immer behauptet, dass herbivore Landschildkröten kaum Fett (Lipide) brauchen, nirgends steht aber, wie viel. Und hier liefert diese Studie an biochemischen Analysen einen wichtigen Befund, nämlich dass Schlüpflinge und Junge in den ersten Monaten durchaus etwas mehr zu brauchen scheinen, ebenso wie Tiere, die über 94 g wiegen, da vielleicht ab diesem Zeitpunkt auch die Gonadenentwicklung deutlicher einsetzt, wobei auch hier der Wert von 7 % ein guter Anhaltspunkt ist, der vielleicht später bei geschlechtsreifen Weibchen, die Dottersynthese betreiben saisonbedingt sogar noch überschritten werden könnte. Liest man sich diese Arbeit durch, fragt man sich natürlich: Wie realisieren das wild lebende Schildkröten? Denn diese wurden aus tierversuchsrechtlichen Vorgaben auch in dieser Studie als zusätzliche Kontrollgruppe nicht getötet und analysiert. Wie die Autoren hier selbst in ihrer Diskussion andeuten, ist das langsamere Wachstum der wild lebenden Exemplare durch die klimatischen Bedingungen verzögert, die den Tieren sowohl Hibernations- wie Ästivationsphasen abverlangen, und selbst in den Aktivitätszeiten ist nicht jeder Tag so optimal, dass die Schildkröten wirklich aktiv sind. Wenn Schildkröten ruhen, fressen und wachsen sie nicht. Wenn sie jedoch aktiv sind, dann sind sie das meist während der Zeiten, wenn ihnen frisches Grünfutter und auch ein gewisser Anteil tierischer Kost in Form von Insekten, Schnecken und Würmern zur Verfügung steht. Insofern können sie sich dann nach den Frühjahrs- und/oder Herbstregenfällen durchaus entsprechend ernähren – eben nur für einen wesentlich kürzeren Zeitraum als die ganzjährig optimal versorgten Farmtiere. Siehe dazu auch die Erläuterungen zur Jahresenergiebilanz (Bidmon 2009). Kommen wir zum Schluss noch auf einen weiteren interessanten Punkt, den die Autoren in ihrer Arbeit ansprechen, nämlich dass sie beobachtet haben, dass die Schildkröten diese energiereiche Diät nur dann so gut akzeptieren, wenn sie vom Schlupf an damit versorgt werden, während Tiere, die erst rein pflanzlich gefüttert wurden, zwar später diese energiereiche Nahrung nicht verweigerten, aber doch verhältnismäßig weniger davon fraßen. Das erinnert mich an die Befunde von Bouchard & Bjorndal (2005), die ja auch feststellten, dass der Energiegewinn aus pflanzlicher Nahrung sinkt, wenn der Anteil tierischer Nahrung 14 % übersteigt, weil sich dann die Darmpassagezeit für eine ausreichende Fermentation der pflanzlichen Nahrung zu sehr verkürzt. Somit kann man davon ausgehen, dass sich die rein herbivor angefütterten Schildkrötenschlüpflinge instinktiv vor zu viel tierischem Nahrungsanteil schützen. Allerdings heißt das nicht, dass ihnen ein geringer Anteil tierischer und proteinreicher Nahrung nicht gut tun würde. Dennoch muss auch die Interpretation des Mineralhaushalts, wie er in dieser Arbeit dargestellt wird, als zum Teil falsch angesehen werden, denn die neuen Erkenntnisse von Gramanzini et al. (2013) lassen da auch andere Schlussfolgerungen zu. Wie ich finde, bleibt aber trotzdem festzuhalten, dass diese Autoren durch eigene wissenschaftliche Versuche und unter Berücksichtigung des damaligen publizierten Erkenntnisstands anderer Wissenschaftler (das ist gerade erst 8–9 Jahre her) festgestellt haben, dass sie mit dieser energiereichen Kost im Gegensatz zu den Vorversuchen und den Erfahrungen anderer Autoren, die sie zitieren, Maurische Landschildkröten relativ fehlerfrei und auch ohne nennenswerte Pyramidenbildung aufziehen konnten, etwas dass selbst bei Gramanzini et al. (2013) in der rein vegetarisch auf Wildkräuterbasis ernährten Testudo hermanni Gruppe nur unzureichend gelang. Letzteres deutet auch darauf hin, dass wild lebende Landschildkröten eben nur dann normal und glatt wachsen können, wenn sie ihre Wachstumsphasen (Schübe) übers Jahr zu den Zeiten realisieren, wenn Feuchtigkeit (Bodenfeuchte, Taubildung etc.), Temperatur und das Vegetationswachstum optimal sind, während sie die nicht optimalen Perioden eben ruhend bei entsprechender Bodenfeuchte ohne zu deutlichen Zuwachs überdauern. Letzteres ist wahrscheinlich auch mit ein Grund dafür, warum Jahresringe am Carapax bei etlichen Schildkröten keine guten Indikatoren für das wirkliche Alter sind, da je nach Region und klimatischen Bedingungen pro Jahr auch mehr als ein Zuwachsschub und Ring vorkommen kann.

Literatur

Bidmon, H.-J. (2009): Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht. – Schildkröten im Fokus 6(1): 3–26.

Bouchard, S. S. & K. A. Bjorndal (2005): Microbial fermentation in juvenile and adult pond slider turtles, Trachemys scripta. – Journal of Herpetology 39(2): 321–324 oder Schildkröten im Fokus 3(1), 2006.

Gramanzini, M., N. Di Girolamo, S. Gargiulo, A. Greco, N. Cocchia, M. Delogu, I. Rosapane, R. Liuzzi, P. Selleri & A. Brunetti (2013): Assessment of dual-energy x-ray absorptiometry for use in evaluating the effects of dietary and environmental management on Hermann’s tortoises (Testudo hermanni). – American Journal of Veterinary Research 74(6): 918–924 oder Abstract-Archiv.

Galerien

 

Seitenanfang