Hodges, K., S. Donnellan & A. Georges (2014): Phylogeography of the Australian freshwater turtle Chelodina expansa reveals complex relationships among inland and coastal bioregions. – Biological Journal of the Linnean Society 111(4): 789–805.

Die Phylogeographie der australischen Wasserschildkröten Chelodina expansa enthüllt komplexe Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den inländischen und küstennahen Bioregionen.

DOI: 10.1111/bij.12221

Wir untersuchten die Verbreitungsgebiet übergreifende mitochondriale phylogeographische Struktur der flussbewohnenden Wasserschildkröte Chelodina expansa, um abzuklären, ob diese Art eine tiefreichende genetische Divergenz zwischen den küstennahen und inländischen hydrologischen Lebensräumen aufweist, wie sie für andere koexistierende Süßwassertaxa bekannt ist. Wir sequenzierten zwei mitochondriale Loci, adressierten genealogische Beziehungen mit Hilfe von Netzwerkanalysen und untersuchten die Beziehungen zwischen den biogeographischen Regionen anhand der Analyse der molekularen Varianz. Die Populationsgeschichte wurde anhand von Neutralitätstests, den Anzeichen für die demographische Ausbreitung und mit Miss-Match-Analysen erfasst. Es wurden 21 Haplotypen gefunden, die sich auf zwei mitochondriale Haplogruppen aufteilten, die eine ungefähre Nukleotiddivergenz von 4 % aufwiesen. Die Haplogruppen wiesen diskrete geographische Abgrenzungen auf, aber es ergaben sich nur zum Teil Anzeichen für die Hypothese einer tiefer reichenden Divergenz zwischen den küstennahen und inländischen Bioregionen. Die erste Haplogruppe umfasst Populationen aus dem inländischen Murray-Darling Basin und den Gewässern südlich des Mary-Flusses im südöstlichen Queensland. Die zweite Haplogruppe umfasste die Populationen der küstennahen Gewässer nördlich des Mary Flusses. Kryptische (kleine) phylogeographische Barrieren, die die benachbarten küstennahen Populationen trennen, stimmen mit jenen überein, die für andere Süßwassertaxa bekannt sind, und könnten durch die gemeinsamen Einwirkungen der Clondale Hügelkette und den alluvialen Ablagerungen an der Mündung des Mary Flusses zustande kommen. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass Süßwassertaxa im Allgemeinen eine genetische Differenzierung innerhalb einer biogeographischen Region aufweisen, obwohl keine eindeutigen Abgrenzungen erkennbar sind. Letzteres hebt hervor, wie wichtig es ist, die mikrobiogeographischen Regionen zu identifizieren, um sie bei der Erhaltung von Süßwasserlebensräumen zu berücksichtigen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun ist es mittlerweile hinlänglich bekannt, dass es gerade in natürlichen Wasserlebensräumen zu einer vielfältigen Zonierung kommt wo z.B. allein schon unterschiedliche Gefälle und Fließgeschwindigkeiten oder Unterschiede in der Wassertiefe und Sedimentdrift unterschiedliche Lebensraumanpassungen nach sich ziehen und somit zu Veränderungen und eventuell auch zur Speziation führen können (siehe auch Kommentar zu Ennen et al. 2014). Dennoch zeigt ja gerade das Fehlen einer tiefer greifenden Divergenz zwischen den Populationen, dass es sich nicht gleich um getrennte Arten handeln muss. Zudem kommt ja bei langlebigen Spezies auch noch dazu, dass sich selbst hydrologische und damit verbunden auch geologische Veränderungen sogar innerhalb einer Generation bemerkbar machen, z. B. während größerer Überschwemmungen, die dazu führen, dass sich getrennte Flusssysteme wieder vereinen oder durch die Überschwemmung verursachte Sedimentablagerungen zu neuen Barrieren führen. Letztendlich sind die Schildkröten und auch die anderen Lebewesen diesen landschaftsverändernden Langzeitdynamiken unterworfen und müssen im Sinne eines langfristigen Überlebens sich diesen mit ihren jeweiligen Populationen anpassen können. Diese Langzeitdynamiken haben wir zwar in Bezug auf Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge und dem Auseinanderbrechen oder Zusammenstößen von Kontinentalplatten annäherungsweise erkannt, aber die Einflussnahmen der viel kleineren und häufigeren Veränderungen wie Eiszeiten und eben auch Überschwemmungen (Stichwort: Jahrhunderthochwasser) etc. haben wir noch längst nicht durchschaut. Da aber Lebewesen davon betroffen sind und sich im Sinne des Überlebens damit auseinandersetzen müssen, sollten wir aus den phylogeographischen und phylogenetischen Datensätzen, die wir uns heute erschließen können, nicht die falschen Schlüsse ziehen und Populationen als getrennt ansehen, die eigentlich bezogen auf ihre Langzeitdynamik immer noch zusammengehören.

Literatur

Ennen, J. R., M. E. Kalis A. L. Patterson, B. R. Kreiser, J. E. Lovich, J. Godwin & C. P. Qualls (2014): Clinal variation or validation of a subspecies? A case study of the Graptemys nigrinoda complex (Testudines: Emydidae). – Biological Journal of the Linnean Society DOI: 10.1111/bij.12234 oder Abstract-Archiv.

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