Carlson - 2020 - 02

Carlson, B. E. & S. J. Tetzlaff (2020): Long‐term behavioral repeatability in wild adult and captive juvenile turtles (Terrapene carolina): Implications for personality development. – Ethology 126(6): 668-678.

Langanhaltende Verhaltenswiederholung bei wilden adulten und juvenilen Schildkröten (Terrapene carolina): Einsichten über die Entwicklung von Personalität.

DOI: 10.1111/eth.13024 ➚

Carolina-Dosenschildkröte, Terrapene carolina, – © Hans-Jürgen Bidmon
Carolina-Dosenschildkröte,
Terrapene carolina,
© Hans-Jürgen Bidmon

Personalität bei Tieren ist dadurch definiert, dass bei verwandten Individuen konsistent eigenständige Verhaltensreaktionen beobachtet. Persönlichkeit wird dabei typischer Weise durch die Wiederholbarkeit der Verhaltensweise identifiziert die dadurch zutage tritt, dass die individuelle Verhaltensweise kaum Unterschiede aufweist im Vergleich zu der Schwankungsbreite, die verschiedene Individuen einer Population in Bezug auf ein bestimmtes Verhalten zeigen. Intraspezifische Vergleiche zur individuellen Wiederholbarkeit bestimmter Verhaltensweisen bei jungen und adulten innerhalb eines Jahres oder über mehrere Jahre sind sehr selten, sie würden aber hilfreich sein diese Hypothesen über die Entwicklung von Personalität bei Tieren zu testen und um Aussagen darüber zu machen ob die Individuen konstante oder sich während der Ontogenese (Entwicklung) verändernde Verhaltensmuster ausprägen. Um nun die Wiederholbarkeit von Verhaltensweisen innerhalb eines Jahres oder über mehrere Jahre hinweg bei der östlichen Dosenschildkröte (Terrapene carolina) zu untersuchen testeten wir deren Mut (definiert als Zeitperiode die sie brauchen um nach einem kurzen Zugriff wieder mit der Bewegung zu beginnen) bei in Gefangenschaft geschlüpften acht Monate alten Juvenilen und zwar zweimal innerhalb von 3 Tagen. Wir wiederholten dann diese Versuche bei denselben Individuen nach einem weiteren Jahr. Diese juvenilen Schildkrötenindividuen zeigten sowohl innerhalb eines Jahres wie auch nach einem Jahr das gleiche Mut-Verhalten. Obwohl wir eine leichte Erhöhung der Körpertemperatur in Assoziation mit einer verkürzten Latenzzeit (Testjahr 1+2) beobachteten hatten weder die Haltungsbedingungen (Aufzucht in einer angereicherten Umwelt versus einer Standardgehegeunterbringung) keine Auswirkungen auf die individuelle Latenzzeit (Mut). Wir erfassten die über Jahre hinweg zu beobachtende Wiederholbarkeit bei der Latenzzeit (Zeit die vergeht bis nach einer Ergreifung der Tiere sie wieder den Kopf aus dem Panzer strecken) bei adulten wildlebenden Schildkröten bei 1-3 jährigen Intervallen. Diese adulten Schildkrötenindividuen zeigten über die Testjahre hinweg wiederholter maßen die gleiche Latenzzeit und zwar in einer gleichen Größenordnung wie bei den Jungtieren. Wir beobachteten dabei keine Anzeichen dafür, dass das Geschlecht oder der Umstand, dass manche der Individuen einen Radiosender trugen einen Einfluss auf das Mutverhalten hatte. Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass östliche Dosenschildkröten eine individuell-konstante Latenzzeit (Mutigkeit) von frühester Jugend an zeigen die größtenteils unbeeinflusst von Alter und Umweltveränderungen beibehalten wird. Diese individuellen Verhaltensunterschiede werden über Jahre sowohl bei Gefangenschaftshaltung wie auch im Freiland beibehalten was im Gegensatz zu den theoretischen Erwartungen steht welche von einer Entwicklung der Persönlichkeit ausgehen. Diese Befunde ergänzen die sich mit zunehmend ansammelnden Beweise dafür, dass sowohl juvenile wie auch adulte Dosenschildkröten mehrere individuell wiederholte Verhaltensmuster über kürzere und längere Zeiträume zeigen. Wir vermuten, dass diese Schildkrötenart sich in neuerer Zeit zu einem attraktiven Modellorganismus zum Studium der voraussichtlichen und ultimativen Ursachen für die Entwicklung von Persönlichkeit bei langlebigen Tieren entwickelt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Studie ist eine Folgestudie. Sicher haben die Autoren hier einen Punkt, denn gerade Dosenschildkröten sind schon lange als sehr standorttreue Tiere bekannt was ja letztendlich bezogen auf einen Umweltkontext auch etwas mit individueller Vorliebe, Gewohnheit oder Personalität zu tun hat. Dennoch beschreiben die Autoren hier unter den, na sagen wir es mal, wissenschaftsmoderneren Begriff „Persönlichkeit“ nicht weniger und nicht mehr als das was man früher als individuelle Unterschiede oder Verhaltensunterschiede beobachtet und vielleicht auch beschrieben hat. Etwas das jeder der schon mal Tiere gehalten hat kennt. Ja, selbst Schildkrötenhalter kennen solch individuelle Reaktionsweisen von ihren Pfleglingen und berichten auch häufiger darüber. Insofern würde ich mal davon ausgehen, dass das nicht nur ein auf Dosenschildkröten zutreffendes Phänomen ist und dass man sicher auch andere Arten diesbezüglich gut untersuchen kann ohne immer auf den Modellorganismus Dosenschildkröte zurückgreifen zu müssen. Wir sollten uns aber aus rein biologischer Sicht Gedanken darüber machen welche Bedeutung diese individuellen Verhaltensunterschiede im Gesamtkontext von Umweltanpassung haben, denn das ist sicher auch ein Aspekt der für die Arterhaltungsbiologie, die sich ja auch mit sich verändernden Umweltbedingungen auseinandersetzen muss, von größerer Bedeutung. Siehe auch Carlson et al., (2020).

Literatur

Carlson, B. E., K. Klein & C. Rhodes (2020): First report of rapid eye color change in a non‐avian tetrapod. – Ethology 126(9): 942-946 oder Abstract-Archiv.

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