Butterfield - 2021 - 01

Butterfield, T. G., F. García-Caballero, A. Domínguez-Pompa – R. Macip-Ríos (2021): A First Look into the Natural History of the Sierra Box Turtle (Terrapene nelsoni klauberi) in Southeast Sonora, Mexico. – Chelonian Conservation and Biology 20(1): 82-90.

Ein erster Einblick die Lebensweise der gefleckten (Sierra) Dosenschildkröte (Terrapene nelsoni klauberi) in der südöstlichen Sonora Mexikos.

DOI: 10.2744/CCB-1456.1 ➚

Nördliche Tropfen-Dosenschildkröte, Terrapene nelsoni klauberi, – © Taggert G. Butterfield
Nördliche Tropfen-Dosenschildkröte,
Terrapene nelsoni klauberi,
© Taggert G. Butterfield

Die gefleckte Dosenschildkröte, Terrapene nelsoni besteht aus zwei anerkannten Unterarten die sich über die Sierra Madre Occidental-Bergkette im westlichen Mexiko ausbreiten, aber es ist wenig über deren natürliche Lebensweise bekannt. Wir präsentieren hier neue Informationen über die natürliche Lebensweise von Terrapene nelsoni klauberi. Unser Untersuchungsgebiet war das Monte Mojino-Reservat welches innerhalb eines größeren staatlich geschützten Gebiets der Sierra de Alamos–Río Cuchujaqui Zone die in der südöstlichen Sonorawüste liegt. Wir lokalisierten 49 Individuen in drei verschiedenen Vegetationstypen: vier wurden in 600 m Höhe über Meeresspiegel (masl) innerhalb eines tropischen Trockenwalds gefunden. Vier weitere wurden auf 1.000 masl in einer mit Gras bestandenen Eichensavanne (Quercus spp.) und 41 fanden sich in 1.300 masl in einem Kiefern-Eichenwald (Pinus spp.). Sieben Schildkröten wurden mit der Radiotelemetrie überwacht und zeigten, dass die durchschnittliche Home range (genutzte Lebensraumgröße) bei 1,7 Hektar liegt. In den Arealen die wir untersuchten fanden wir hauptsächlich adulte Exemplare mit einem hin zu mehr Weibchen verschobenen Geschlechterverhältnis (1 ♂ : 1.5 ♀ ). Die Kloakentemperaturen der aktiven Schildkröten zeigten im Vergleich mit der Umgebungstemperatur in deren unmittelbarer Umgebung, dass T. n. klauberi die Körpertemperatur aktiv erhöht. Dabei zeigten die Männchen eine höhere Durchschnittskörpertemperatur als die Weibchen (29, 58 °C ± 2,26 °C vs. 27,35 °C ± 2,71 °C). Wir fanden keine signifikanten Geschlechtsdimorphismusmuster in Bezug auf die Carapaxlänge, aber es zeigte sich ein Geschlechtsunterschied in Bezug auf die Kopfgröße. Wir fanden, dass 44 % der Männchen und 22 % der Weibchen schwerwiegendere Bisswunden an den Marginalschilden aufwiesen die möglicherweise von einem lokalen Beutegreifer oder von über die Zeit sich ansammelnden Bissen durch andere Schildkröten stammten. Wir beobachteten, dass T. n. klauberi Käfer, Pilze, Gras und Wildblumen frisst. Diese Befunde liefern die ersten Einblicke in deren Lebensweise und sie zeigt wie sich diese Art auf verschiedene Höhenlagen und Vegetationstypen verteilt. Damit bilden diese Daten einen Ausgangspunkt für die Erfassung des Erhaltungsstatus für diese Art. Allerdings bleibt anzumerken, dass diese Art im übrigen Teil ihres geographischen Gesamtverbreitungsgebiets so gut wie nie untersucht wurde.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine sehr schöne Arbeit die auch für T. n. klauberi eine neben der Biotopwahl in Bezug auf den Bewuchs und die besiedelten Höhenlagen auch einige grundlegende Ansprüche in Bezug auf die Körpertemperatur und Ernährung beschreibt. Insofern können wir wohl auch für diese an trockene warme Habitate angepasste Art feststellen, dass sie in Bezug auf die Vorzugstemperatur sich so verhält wie es für etliche andere Schildkrötenarten beschrieben wurde (siehe z. B. Gienger & Urdiales, 2017; Parlin et al., 2017; McMaster & Downs, 2013). Auch die Ernährung scheint jener zu entsprechen die für andere Arten aus der Gattung Terrapene bekannt ist wobei lediglich das hier erwähnte Fressen von Wildblumen und Gras etwas auffällt (siehe auch Gilbertson & Radke, 2006; Jones et al., 2007). Wenn wir uns aber die beiden Schlusssätze durch den Kopf gehen lassen, dann besteht allerdings die Frage wie die Zukunft dieser Spezies in Mexiko aussehen wird, denn wie erst jüngst wieder beschrieben wurde scheinen mexikanische Schildkröten- und Reptilienarten auch etwas in den Fokus des illegalen Tierhandels geraten zu sein, wobei nicht nur Lieferungen nach China beschlagnahmt wurden, sondern auch Frachtpakete mit entsprechendem Inhalt am Köln-Bonner-Flughafen. Letzteres scheint ja auch dazu geführt zu haben, dass man für diese Arten nun neue Marker zur Herkunftsidentifizierung entwickeln will (Pfau et al., 2021) wobei – wie ich finde – gerade diese zuletzt zitierte Arbeit auch sehr schön das bürokratische Dilemma des internationalen Artenschutzes einschließlich der C.I.T.E.S.-Vorgaben in Bezug zur taxonomischen Zuordnung zum Ausdruck bringt. Denn das was dort beschrieben wird ist ein politisches Problem, wobei sich die Muster der Unzulänglichkeiten immer wieder ähnlich zeigen, egal ob es um den Artenschutz oder um wie wieder aktuell um die Zuordnung und Rettung afghanischer Ortskräfte oder Flüchtlinge geht. Denn Politik neigt immer dazu Pragmatismus mit Bürokratie zu erschlagen. Ja, und dann gibt es ja auch noch die wirtschaftlichen Interessen wobei sich die Politik dann gerade diese Unzulänglichkeiten zunutze zu machen scheint, denn wie wir gerade wieder jüngst für Mexiko erfahren ist man dort offensichtlich auch bereit wesentlich stärker bedrohte Arten zu opfern (siehe gerade aktuell Sonne et al., 2021). Insofern muss man sich schon fragen welchen politischen Stellenwert hat Art- und Biodiversitätserhalt auf der nationalen Ebene (siehe auch Osofsky & Taylor, 2021; Rodrigues, 2021; Golden Kroner et al., 2019) und sind nicht die Individuen die durch den Handel in menschlicher Obhut überleben können jene die letztendlich langfristig vielleicht auch erhalten bleiben? Mir ist klar, dass das zynisch klingen mag, aber welche dieser Möglichkeiten die realistischere sein wird muss die Zukunft erst noch zeigen (siehe dazu auch Barker & Barker, 2006; Kuchling, 2006).

Literatur

Barker, D. G. & T. M. Barker (2014): The invisible Ark: In defense of captivity. – VPI Library, Boerne, TX, USA; pp. 169.

Gienger, C. M. & E. M. Urdiales (2017): Influences on Standard Metabolism in Eastern Box Turtles (Terrapene carolina). – Chelonian Conservation and Biology 16(2): 159-163 oder Abstract-Archiv.

Gilbertson, L. H. & W. R. Radke (2006): A new species of Sonorella (Pulmonata: Helminthoglyptidae) from Arizona, with notes on predation and evasive behaviours. – American Malacological Bulletin 21: 17-22 oder Abstract-Archiv.

Golden Kroner, R. E., S. Qin, C. N. Cook, R. Krithivasan, S. M. Pack, O. D. Bonilla, K. A. Cort-Kansinally, B. Coutinho, M. Feng, M. I. Martínez Garcia, Y. He, C. J. Kennedy, C. Lebreton, J. C. Ledezma, T. E. Lovejoy, D. A. Luther, Y. Parmanand, C. A. Ruíz-Agudelo, E. Yerena, V. Morón Zambrano & M. B. Mascia (2019): The uncertain future of protected lands and waters. – Science 364(6443): 881-886 oder Abstract-Archiv.

Jones, S. C., W. J. Jordan IV, S. J. Meiners, A. N. Miller & A. S. Methven (2007): Fungal Spore Dispersal By The Eastern Box Turtle (Terrapene carolina carolina). – The American Midland Naturalist 157(1): 121-126 oder Abstract-Archiv.

Kuchling, G. (2006): An ecophysiological approach to captive breeding of the swamp turtle Pseudemydura umbrina. In: Artner, H., Farkas, B. & V. Loehr (Eds.); Turtles: Proceedings of the International Turtle & tortoise Symposium, Vienna 2002. – Edition Chimaira 196-225 oder Abstract-Archiv.

McMaster, M. K. & C. T. Downs (2013): Thermal variability in body temperature in an ectotherm: Are cloacal temperatures good indicators of tortoise body temperature? – Journal of Thermal Biology 38(4): 163-168 oder Abstract-Archiv.

Osofsky, S. A. & R. D. Taylor (2021): Piecing together an African peace park. – Science 373(6557): 864; DOI: 10.1126/science.abl7447 ➚.

Parlin, A. F., J. P. S. do Amaral, J. K. Dougherty, M. H. H. Stevens & P. J. Schaeffer (2017): Thermoregulatory performance and habitat selection of the eastern box turtle (Terrapene carolina carolina). – Conservation Physiology 5(1): cox070 oder Abstract-Archiv.

Pfau, B., A. Consul, C. Koch, E. Reyes-Grajales & G. Stanford (2021): Schildkrötenschutz und Schildkrötenhandel in Mexiko – und die Entwicklung DNA-basierter Werkzeuge zur Feststellung der Herkunft konfiszierter Tiere. – Radiata 30(3): 4-35.

Rodrigues, M. (2021): Brazilian road proposal threatens biodiversity hotspot. – Nature 596(7873): 473-474; DOI: 10.1038/d41586-021-02199-x ➚.

Sonne, C., P. Diaz-Jaimes & D. H. Adams (2021): Mexico's final death blow to the vaquita. – Science 373(6557):863-864; DOI: 10.1126/science.abl5834 ➚.

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