Brejcha - 2017 - 01

Brejcha, J. & K. Kleisner (2016): Turtles Are Not Just Walking Stones: Conspicuous Coloration and Sexual Selection in Freshwater Turtles. – Biosemiotics 9(2): 247-266.

Schildkröten sind nicht wandernde Steine: Auffällige Färbung und sexuelle Selektion bei Süßwasserschildkröten.

DOI: 10.1007/s12304-015-9249-9 ➚

Schildkröten zählen zu den faszinierensten Amnioten, aber ihre Kommunikation und ihre Signale wurden nur selten untersucht. Traditionell wurden sie meist als niedere Tiere oder stille, gepanzerte „wandernde Steine“ mit komplexer Physiologie, aber ohne Altruismus, ohne mütterlicher Fürsorge oder ästhetischer Perzeption angesehen. Erst kürzlich kam es zu einem radikalen Wandel in der Wahrnehmung von Schildkröten, ihrem Verhalten und ihrer kognitiven Fähigkeiten. In unserer Studie beginnen wir mit einer Übersicht über einige der jüngsten Befunde in Bezug auf hoch entwickelte Verhaltensweisen und kognitive Leistungen mit speziellen Schwerpunkt auf Schildkröten. Nachfolgend fokussieren wir uns auf Süßwasserschildkröten und nutzen Daten zu deren Sexualverhalten und ihre auf die Größe bezogenen Geschlechtsdimorphismen (SSD) um zu testen ob eine auffällige Färbung des Kopfs in Bezug zu deren Sexualität steht. Wir fanden, dass das Fehlen von aggressiven Paarungsverhalten bei Schildkröten statistisch assoziiert ist mit dem Vorhandensein einer auffälligen Kopffärbung. Ebenso scheint es so zu sein, dass Spezies bei denen ein Weibchen-dominierter Geschlechtsgrößendimorphismus vorliegt mit farbigen Kopfornamenten einhergeht, während bei den Arten bei denen die Männchen größer sind solche Färbungen fehlen. Im Gegensatz zu großen Weibchen scheinen die Männchen unter einem Selektionsdruck zu stehen eine auffällige Färbung auszuprägen, die ihnen hilft aggressionsfrei in Kontakt zu treten und durch gezielte Signale zum Paarungserfolg zu kommen. Zum Schluss diskutieren wir noch die möglichen Rollen die Kopfzeichnungsmuster bei Schildkröten für deren Kommunikation spielen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hierbei handelt es sich um eine gute Übersichtsarbeit über geschlechtsspezifische Färbungsunterschiede bei Schildkröten. Allerdings wird wie ich meine nicht nur beobachtet und beschrieben, sondern sehr viel hineininterpretiert. Wie ich meine kommt es dabei eben nicht nur auf die Färbung an, die sicher auch eine Funktion hat, sondern auch auf andere Merkmale wie z. B. lange Krallen bei kleineren Männchen die eben nicht nur zum Festhalten während Kopulation dienen, sondern gezielt schon während Balz eingesetzt werden obwohl die beteiligten Individuen Zeichnungsunterschiede und Kopfornamente aufweisen. Vielleicht trifft das was hier beschrieben wird aber auch nur auf Arten zu bei denen Kopfornamente nur bei einem Geschlecht ausgeprägt sind. Was den Gebrauch dieser Feststellungen wesentlich einschränken würde. Siehe auch Galeotti et al. (2011).

Literatur

Galeotti, P., R. Sacchi, D. Pellitteri-Rosa & M. Fasola (2011): The yellow cheek-patches of the Hermann’s tortoise (Reptilia, Chelonia): Sexual dimorphism and relationship with body condition. – Italian Journal of Zoology 78: 464-470 oder Abstract-Archiv.