Zhang, Q.-F. & H.-Y. Cheung (2010): The content of astilbin and taxifolin in concentrated extracts of Rhizoma similaris glabrae and turtle jelly vary significantly. – Food Chemistry 119: 907-912.

Der Gehalt an Astilbin und Taxifolin in konzentrierten Extrakten von Rhizoma similaris glabrae und Schildkrötengelee variiert signifikant

Extrakte von Rhizoma similaris glabrae (RSG) befinden sich unter den Hauptbestandteilen von Schildkrötengelee, der ein begehrtes, traditionelles so genanntes „Funktionelles Nahrungsmittel“ in Südchina und Hongkong ist. Es wurde eine Kapillarelektrophoresemethode zur Bestimmung der Gehalte von Astilbin und Taxifolin in Schildkrötengelee und in aufkonzentrierten Extrakten von RSG entwickelt. Bei sechs Bestimmungen von Astilbin und Taxifolin in Konzentrationen von 20ug/ml lag die relative Standardabweichung für die Migrationszeit bei 0,62 % und 0,87 %, während die der Peak-Arealverhältnisse bei 2,17 % und 3,62 % lagen. Es wurden 18 verschiedene in China und Hongkong industriell hergestellte Schildkrötengelees analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass das Astilbin und Taxifolin allein aus der RSG-Pflanze stammt. Die Gehalte an Astilbin und Taxifolin unterschieden sich zwischen den einzelnen Schildkrötengeleesorten signifikant und einige enthielten diese Substanzen gar nicht.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit ist sicher für reine Ernährungsmittelchemiker interessanter als für uns Schildkrötenliebhaber, aber auch wir fragen uns ja oft: Was ist dran, an den auf den asiatischen Märkten so beliebten Schildkrötenprodukten oder gar Heilmitteln der Traditionellen-Chinesischen-Medizin (TCM)? Insofern scheint es bezüglich des Schildkrötengelees den Chinesen genauso zu gehen wie uns. Denn wir glauben ja zum Teil auch gerne der Werbung für funktionelle Nahrungsmittel – oder glauben Sie wirklich, dass Yakult oder so genannte Produkte mit probiotischen Bakterien eine positive Wirkung haben? Die wirklich belastbaren wissenschaftlichen Daten sprechen eine deutlich andere Sprache. Aber da sie den meisten Konsumenten nicht schaden, lässt man den Geschäftemachern freien Lauf – sicherlich auch, weil wir als mündige Bürger selbst entscheiden sollen, was wir für gut halten und weil sowohl der Konsum solcher Produkte als auch die Werbung dafür, Umsätze erzeugen und so auch Steuermehreinnahmen generieren. So geschieht es halt auch in China, wo neben kleineren Manufakturen selbst drei große Pharmakonzerne Schildkrötengelee in ihrer Produktpalette haben (Vielleicht verdienen einige hierzulande auch daran, falls sie Aktien oder Wertpapiere dieser Konzerne in ihrem Portfolio haben). Schildkrötengelee wird durch etwa zwanzigstündiges Auskochen von Schildkrötenpanzern hergestellt, und diesem Gelee werden dann bestimmte Kräutermischungen beigegeben. Unter anderem die oben genannte Pflanze, die die beiden wirksamen Substanzen enthält, für die gezeigt wurde, dass sie eine positive Funktion auf die Leber und die Durchblutung sowie als Antioxidanz haben. Die Schildkrötenpanzer selbst liefern, wenn überhaupt, dann Kollagen und Mineralien, das heißt man könnte Schildkrötenpanzer theoretisch auch durch andere Knochen ersetzen und vielleicht tun das zum Teil auch die großen Konzerne. Im Grunde genommen wäre Schildkrötengelee auch durch Merzdragees zu ersetzen, wenn man diesen die entsprechenden Pflanzenextrakte beimischen würde. Sie sehen also, um was es da eigentlich geht, und dass es dabei den Chinesen gar nicht so sehr anders ergeht, als uns in den angeblich aufgeklärten Industriegesellschaften der westlichen Welt. Denn auch wir sind nur allzu leicht gewillt der Werbung, selbst ernannten Heilern oder der Kosmetikindustrie zu glauben, dass Kollagencremes, probiotische Bakterien und diverse Extrakte zur Immunsystemstimulation, etc. das Altern aufhalten, ewige Jugend bescheren und vor diversen Erkrankungen schützen. Denken Sie drüber nach, denn eine anspruchsvolle, abwechslungsreiche Beschäftigung des Gehirns schützt nachweislich gegen vorzeitige Demenzerscheinungen, und wem nützt die glätteste und faltenfreieste Haut, wenn sie oder er das im Alter gar nicht mehr mitbekommt?
Der Unterschied zu unserer Gesellschaft besteht eigentlich nur darin, dass es sich in diesen asiatischen Kulturen traditionell um Schildkrötenprodukte handelt und Schildkröten vom Aussterben bedroht sind. Solch traditionsbedingte Verhaltensweisen benötigen meist ein bis zwei Generationen, bis der Prozess des Umdenkens erfolgreich vollzogen ist. Wir kennen alle die Sprüche von Großeltern und Eltern, dass man bestimmte Dinge schon früher immer so gemacht habe und sie nicht verstehen könnten, dass das plötzlich anders sein soll. Insofern kann man diesen Kulturen nur wünschen, dass das Umdenken bei ihnen etwas schneller geht als vielleicht bei uns. Denn ich möchte nicht wissen, wie lange es bei unseren Vorfahren dauerte, bis sie einsahen, dass die Europäische Sumpfschildkröte bedroht ist und man auf ihren Gebrauch als Nahrungsmittel verzichten sollte. Vielleicht haben sie es auch nie wirklich eingesehen und der Verzicht erfolgte nur deshalb, weil es keine mehr gab und die Jagd auf letzte Relikte zu teuer und umständlich geworden war. Letzteres wird, wenn es vorher zu keinem Umdenken kommt, auch diesen asiatischen Kulturen nicht erspart bleiben, denn ob der heutige Bedarf irgendwann wirklich durch Schildkrötenfarmen gedeckt werden kann, bleibt fraglich. Siehe auch Chen et al (2009), Gong et al. (2009).

Literatur

Chen, T.-H., H.-S. Chang & K.-Y. Lue (2009): Unregulated Trade in Turtle Shells for Chinese Traditional Medicine in East and Southeast Asia: The Case of Taiwan. – Chelonian Conservation and Biology 8 (1): 11-18 oder SiF 6(4).

Gong, S.-P., A. T. Chow, J. J. Fong & H.-T. Shi (2009): The chelonian trade in the largest pet market in China: scale, scope and impact on turtle conservation. – Oryx 43: 213-216 oder Abstract-Archiv.

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