Wilkinson, A., J. Mueller-Paul & L. Huber (2012): Picture-object recognition in the tortoise Chelonoidis carbonaria. – Animal Cognition 10.1007/s10071-012-0555-1.

Bilder-Objekt-Erkennung bei der Landschildkröte Chelonoidis carbonaria.

Zu erkennen, dass ein Bild die Repräsentation eines real im Leben vorhandenen Objekts darstellt ist eine kognitiv schwierige Aufgabe. Sie erfordert nämlich, dass sich ein Organismus eine mentale Vorstellung von dem jeweiligen konkreten Objekt (auf dem Bild) entwickeln und eine abstrakte Beziehung zu dem realen Objekt herstellen muss, welches in dem Bild dargestellt ist. Diese Form einer repräsentativen Einsicht wurde bisher nur bei einer geringen Anzahl von Säugetieren und Vögeln nachgewiesen. Allerdings wurde sie bisher nicht bei Reptilien untersucht. Diese Studie untersuchte die Bild-Objekt-Erkennung bei der Köhlerschildkröte (Chelonoidis carbonaria). Im ersten Experiment lernten fünf Köhlerschildkröten anhand eines forcierten Auswahlverfahrens mit zwei Alternativen zwischen realem Futter und Nicht-Futter-Objekten zu unterscheiden. Nachdem sie das entsprechend der Vorgaben gelernt hatten, begannen die Tests, bei denen die realen Objekte durch Farbfotos von diesen Objekten ersetzt wurden. Es zeigten sich keine Unterschiede bei dem Auswahlverhalten in Bezug zur Lernphase und den Tests, was vermuten lässt, dass die Schildkröten eine gewisse Übereinstimmung zwischen den realen Objekten und den fotographischen Bildern erkannten. Anschließend wurde dann das zweite Experiment durchgeführt, um die Qualität der Einsicht bei den Schildkröten zu untersuchen, indem sie jetzt zwischen dem realen Nahrungsobjekt und dessen Foto unterscheiden sollten. Die Ergebnisse zeigten, dass die Schildkröten das Bild mit dem realen Objekt verwechselten. Dieser Befund lässt vermuten, dass sie kognitiv die realen Objekte genauso wie deren Bilder prozessieren und in diesem Kontext nicht in der Lage sind, eine repräsentative (abstrakte) Einsicht gewinnen zu können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hier wieder einmal ein klarer Beleg dafür, was diese Schildkrötenart nicht kann, weil es für sie in ihrem Lebensraum keine Rolle spielt – übrigens, manche Menschen, unter gewissen Umständen auch nicht. Das ist auch völlig normal, und man kann das für viele andere Spezies auch ohne gezielte Tests vorhersagen, denn es wurden schon zahlreiche Versuche durchgeführt, wo man das Erkennungsverhalten anhand der Präsentation von einfachen Attrappen getestet hat, auf die viele Tiere genauso ansprechen, wie auf echte lebende Objekte. Das ist auch unter energetischen Gesichtspunkten verständlich, denn es würde zusätzliche Energie kosten, das Nervensystem mit dieser Funktion und Verschaltung auszustatten, und das ist sinnlos, wenn es keinen Überlebensvorteil bietet. Allerdings wäre ich mir nicht sicher, ob beispielsweise eine Geoemyda spengleri diese Aufgabe auch nicht lösen würde, denn aufgrund ihres Jagdverhaltens und ihrer Beuteerkennung könnte ich mir gut vorstellen, dass sie ein Bild nicht mit dem echten Wurm verwechselt. Das beantwortet zwar die Fragestellung nicht ganz korrekt, aber es würde zumindest dem Experimentator/in abverlangen, anstatt eines statischen Bildes einen Film mit realer Beutebewegung vorführen zu müssen, um zwischen Wurm und Film oder Wurm und gespiegeltem Wurm zu unterscheiden. Zum Schluss noch kurz eine Warnung an all jene, die jetzt sagen, ich wusste schon immer, dass Tiere kognitiv weniger leistungsfähig sind: Bienen mit einem noch kleineren Gehirn als Schildkröten können sowohl die Richtung als auch die Entfernung vom Bienenstock bis zu einer Futterquelle abstrakt in den Schwänzeltanz (also einen Bewegungsablauf) übersetzen, um so die anderen Bienen zu informieren, wo und in welcher Entfernung es eine neue Futterquelle gibt – und das über mehrere hundert Meter. Für Bienen ist das eine überlebenswichtige Aufgabe, die sie jeden Sommer problemlos meistern. Nun die Frage – wie oft haben Sie schon nach ihrem geparkten Wagen auf dem falschen Parkdeck gesucht? (Siehe auch: Pellitteri-Rosa et al. 2010).

Literatur

Pellitteri-Rosa, D., R. Sacchi, P. Galeotti, M. Marchesi & M. Fasola (2010): Do Hermann's tortoises (Testudo hermanni) discriminate colours? An experiment with natural and artificial stimuli. – Italian Journal of Zoology 77 (4): 481–491 oder Abstract-Archiv.

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