Roth, T. C. II, M. Rosier, A. R. Krochmal & L. Clark (2020): A multi‐trait, field‐based examination of personality in a semi‐aquatic turtle. – Ethology DOI: 10.1111/eth.13030.

Die Untersuchung im Feld von mehreren Persönlichkeitseigenschaften bei semiaquatischen Schildkröten.

DOI: 10.1111/eth.13030

Studien die Personalitätseigenschaften dokumentieren und quantitativ erfassen sind in der Verhaltensforschung bei Tieren üblich. Solche Studien gehen häufig davon aus, dass die Natur dieser individuellen Variationsbreite und Personalität mit der Vielfalt der Lebensweise, Physiologie und ökologischen Anpassung korreliert ist und deshalb gehen sie meist davon aus, dass Personalität wichtig ist für die Überlebensstrategien in Freilandsystemen (Wildnis). Demzufolge leisteten solche Studien einen wesentlichen Beitrag für unser Verständnis der Personalitätseigenschaften, die eine Kovariation mit vielfältigen Faktoren zeigen welche die Fitness beeinflussen. Allerdings sind die Forschungsarbeiten in Bezug auf die Personalität bei Tieren taxonomisch sehr eingeschränkt. Um die Studien zur Personalität bei Reptilien zu vervollständigen und die Laborstudien zu ergänzen untersuchten wir die Muster mehrerer Personalitätseigenschaften bei wildlebenden östlichen Zierschildkröten (Chrysemys picta) im Feld. Wir untersuchten die Verhaltensmuster für Aggression, Sozialisation und Mut in unterschiedlichen Situationen bei 103 adulten in der Wildnis eingefangener Schildkröten. Wir fanden starke Korrelationen sowohl innerhalb wie auch zwischen den fokalen Verhaltensparametern und liefern damit robuste Beweise für Personalität für diese Art. Spezifisch fanden wir deutliche Beziehungen zwischen den gemessenen Parametern Aggression und Mut. Schließlich beobachteten wir auch Tendenzen für Sozialisation bei unseren Schildkröten wobei die Tiere ein hohes Maß an Sozialverhalten und eine Tendenz hin zu einem niedrigeren Maß für innerartliche Aggression zeigten. Insgesamt liefert unsere Studie belastbare Beweise für korrelierte Zusammenhänge für die Verhaltensweisen oder Personalität bei einer semiaquatischen Schildkröte die im Freiland untersucht wurde. Zukünftige Arbeiten sollten die Spannweite solcher Verhaltensparameter erweitern um ein noch vollständigeres Wissen über deren ökologische Konsequenzen in Bezug auf die Variationsbreite bei der Personalität für diese und andere Spezies zu erlangen.

 Chrysemys picta – (c) Hans-Juergen Bidmon
Zierschildkröte, Chrysemys picta
© Hans-Juergen-Bidmon

Kommentar von H.-J. Bidmon

Die Autoren haben hier unter möglichst stressarmen Bedingungen wildlebende Zierschildkröten eingefangen, kurzzeitig schonend gehältert und anschließend für jeweils 5 min verschiedenen in den Verhaltenswissenschaften gängigen Tests unterzogen, um die oben beschrieben Persönlichkeitsmerkmale für Aggression, Mut und Sozialisation zu testen. Dabei fanden sie wie in einigen der Vorgängerstudien (Allard et al., 2019; Currylow et al., 2017, Ibanez et al., 2018; Tetzlaff et al., 2018) auch, dass diese Merkmale individuell unterschiedlich aber für das jeweilige Individuum charakteristisch ausgeprägt sind. Sprich es gibt ängstlicher oder scheuere Individuen im Vergleich zu weniger scheuen und mutigeren Exemplaren. Eine Beobachtung die man bei vielen Tieren und Tierarten beobachtet hat. Insofern handelt es sich hier um eine weniger überraschende Beobachtung. In Bezug auf die Sozialisation muss man allerdings finde ich, bei der Beurteilung einige Einschränkungen in Erwägung ziehen, denn hier wurden die Schildkröten unabhängig vom Geschlecht getestet und es handelte sich um Individuen die aus dem gleichen Teich stammten und die zuvor gemeinsam gehältert worden waren. Inwieweit dann ein Test bei dem die einzelnen Schildkröten sich zwischen einem Behälter mit reinem Wasser oder einem mit Wasser indem schon Schildkröten waren die durch die Duftstoffe wahrgenommen werden entscheiden sollten wirklich so aussagekräftig sind wage ich zu bezweifeln. Zumindest wissen wir auch von Emys orbicularis, dass die Männchen durchaus in der Lage sind am Geruch ihre Konkurrenten nicht nur zu erkennen, sondern sie können auch deren Größe einschätzen, um ihnen gegebenenfalls rechtzeitig auszuweichen oder im Falle eines Weibchens im zu folgen (siehe Poschadel et al., 2006). Ob man also bei einem solchen Versuchsansatz dann gleich auf Sozialisation schließen kann, nur weil sich die Mehrheit der Tiere für das Wasserbecken mit vorherigen Schildkrötenbesatz entscheiden bleibt fraglich. Hier kann man höchstens wie für fast alle Tiere die Feststellung treffen, dass sie ein Sozialverhalten zeigen was aber nicht belegt, dass sie sich immer sozial verhalten (siehe Kommentar zu Crews et al., 2006). Variabilität in Bezug auf individuelle Persönlichkeitsmerkmale, gehören zum Leben und zur Adaptationsfähigkeit dazu, weil sie in einer sich verändernden Umwelt das Überleben von Populationen fördern. Denn wenn es innerhalb einer Population Individuen gibt die aufgrund ihrer individuellen Eigenschaften mit einer Veränderung besser klarkommen sichert das das Überleben der Population auch wenn einige weniger gut damit zurechtkommende Individuen versterben. Insofern ist individuelle Variabilität ein überlebenswichtiger Schlüsselfaktor für belebte Materie der selbst auf Pflanzen zutrifft, denn wenn es in einer Population ein paar Individuen gibt die besser mit z. B. Trockenheit zurechtkommen als andere kann das in Zeiten des Klimawandels auch ihnen das Überleben ermöglichen (siehe dazu auch Romiguier et al., 2014 und den dortigen Kommentar). Was mich bei solchen Untersuchungen immer etwas stutzen lässt ist die Frage wie wir solche Gegenwartsdaten eigentlich interpretieren sollen? Wenn sie mal ein Beispiel aus der Technik nehmen und gehen her und sehen an einer nur sehr selten befahrenen Straßenkreuzung eine Ampel die in gewissen Abständen von Rot auf Grün umschaltet und sie würden jetzt die abbauen und ihren Mechanismus detailliert untersuchen, dann könnten sie beschreiben wie sie verkabelt ist warum sie in diesen Farben leuchtet und so weiter. Was sie aber aus dieser rein mechanistischen Untersuchung nicht ersehen können ist warum sie das tut, denn wenn sie vorher nie gesehen haben wie sich ein zufällig vorbeikommendes Fahrzeug bei Rot oder Grün verhält bleibt dabei im Dunkeln und nicht erkennbar. Weil sich das nur aus der Beobachtung eines Ereignisses ersehen ließe was zu dem Zeitpunkt als sie die Ampel abgebaut und untersucht haben noch nicht eingetreten war und noch in der Zukunft lag. Die Frage stellt sich eigentlich wie schafft es die Evolution belebte Materie so fit zu halten, dass sie schon in der Gegenwart so konzipiert ist, dass sie auch mit zukünftigen Veränderungen im Sinne des Überlebens zurechtkommen kann. Sicher jetzt werden einige sagen, dass ist eben Evolution und Jahrmillionen lange Anpassung. Aber ist das wirklich eine wissenschaftlich zufriedenstellende Antwort, insbesondere dann, wenn wir auch an das, Jahrmillionen lange Überleben angeblich einfachster Bakterien, Viren oder Einzeller denken (siehe Richardson, 2010; 2012; siehe dazu den Kommentar zu Brito et al., 2020). In der Physik weiß man schon seit der Relativitätstheorie, dass Zeit relativ ist und in einem vierdimensionalen Raumzeitkontinuum zu verstehen ist. Müssen wir uns da nicht fragen ob und wie diese Erkenntnis auch auf belebte Materie und damit auf die Evolution die sie durchläuft zutrifft?

Literatur

Allard, S., G. Fuller, L. Torgerson-White, M. D. Starking & T. Yoder-Nowak (2019): Personality in Zoo-Hatched Blanding’s Turtles Affects Behavior and Survival After Reintroduction Into the Wild. – Frontiers in Psychology 10:2324 oder in Schildkröten im Fokus 20(1): 22-25, 2020.

Brito, C., S. T. Vilaça, A. L. Lacerda, R. Maggioni, M. Â. Marcovaldi, G. Vélez-Rubio & M. C. Proietti (2020): Combined use of mitochondrial and nuclear genetic markers further reveal immature marine turtle hybrids along the South Western Atlantic. – Genetics and molecular biology 43(2): e20190098 oder Abstract-Archiv.

Crews, D., W. Lou, A. Fleming & S. Ogawa (2006): From gene networks underlying sex determination and gonadal differentiation to the development of neural networks regulating sociosexual behavior. – Brain Research 1126: 109-121.

Currylow, A. F. T., E. E. Louis & D. E. Crocker (2017): Stress response to handling is short lived but may reflect personalities in a wild, Critically Endangered tortoise species. – Conservation Physiology; DOI:10.1093/conphys/cox008. – oder in Schildkröten im Fokus 15(1): 18-20.

Ibáñez, A., J. Martín, A. Gazzola & D. Pellitteri-Rosa (2018): Freshwater turtles reveal personality traits in their antipredatory behaviour. – Behavioural Processes 157: 142-147; DOI: 10.1016/j.beproc.2018.08.011 oder Abstract-Archiv.

Poschadel, J. R., Y. Meyer-Lucht & M. Plath (2006): Response to chemical cues from conspecifics reflects male mating preference for large females and avoidance of large competitors in the European pond turtle, Emys orbicularis. – Behaviour 143: 569-587 oder Abstract-Archiv.

RICHARDSON, K. (2012): Heritability lost; intelligence found. Intelligence is integral to the adaptation and survival of all organisms faced with changing environments. – EMBO reports 13: 591–595.

Richardson, K. (2010) The Evolution of Intelligent Systems: How Molecules became Minds. – Palgrave & MacMillan, New York, S. 234.

Romiguier, J., P. Gayral, M. Ballenghien, A. Bernard, V. Cahais, A. Chenuil, Y. Chiari, R. Dernat, L. Duret, N. Faivre, E. Loire, J. M. Lourenco, B. Nabholz, C. Roux, G. Tsagkogeorga, A. A.-T. Weber, L. A. Weinert, K. Belkhir, N. Bierne, S. Glémin & N. Galtier (2014): Comparative population genomics in animals uncovers the determinants of genetic diversity. – Nature 515: 261–263 & 9 S. Supplements oder Abstract-Archiv.

Tetzlaff, S. J., J.-H. Sperry & B.-A. DeGregorio (2018): Captive-reared juvenile box turtles innately prefer naturalistic habitat: Implications for translocation. – Applied Animal Behaviour Science 204: 128-133 oder Abstract-Archiv.

Bildergalerien

  • Chrysemys-picta-Hans-Juergen-Bidmon-01

 

Seitenanfang