Refsnider, J. M. & F. J. Janzen (2012): Behavioural plasticity may compensate for climate change in a long-lived reptile with temperature-dependent sex determination – Biological Conservation 152: 90–95.

Bei langlebigen Reptilien mit temperaturabhängiger Geschlechtsbestimmung könnte Verhaltensplastizität den Klimawandel kompensieren.

Wie reagieren Organismen auf den Klimawandel? Die Geschwindigkeit, mit der sich das Klima verändert, lässt vermuten, dass die adaptive Evolution bei Spezies mit langen Generationszeiten zu langsam abläuft, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten. Somit müssten alternative Mechanismen wie z. B. Verhaltensanpassungen dazu genutzt werden, den Populationsbestand zu sichern. Spezies mit temperaturabhängiger Geschlechtsbestimmung könnten durch den Klimawandel besonders gefährdet sein, weil sich die Geschlechterverhältnisse verschieben. Wir untersuchten die Nistplatzwahl bei einer langlebigen Schildkröte, Chrysemys picta, um herauszufinden, ob das Nistverhalten eine Verschiebung im Geschlechterverhältnis kompensieren könnte, die durch einen schnellen Klimawandel verursacht wären. Wir sammelten Weibchen aus fünf Populationen aus dem Verbreitungsgebiet der Art und überführten sie in eine seminatürliche Gartenlandschaft. Unter diesen identischen Haltungsbedingungen zeigten sich populationsspezifische Unterschiede im Nistverhalten (die wahrscheinlich mit der Ablagehäufigkeit im Zusammenhang stehen) und bei der Nesttiefe (was sich eventuell durch die breitengradabhängige Verkleinerung der Körpergröße der Weibchen erklären könnte), aber es gab keine Populationsunterschiede in Bezug auf eine Beschattung der gewählten Nistplätze, dem Nestinkubationsverlauf oder bei den resultierenden Geschlechterverhältnissen. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass insbesondere die Auswahl der Nestbeschattung einer Verhaltensplastizität (-anpassung) unterliegt, mit der Schildkröten eine Kompensation für klimatisch bedingte Temperaturveränderungen vornehmen, die auf die Embryonalentwicklung einwirken. Allerdings setzt das voraus, dass in ihrer Umwelt genügend unterschiedliche Nisthabitate vorhanden sind, zwischen denen sie wählen können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit lässt hoffen und zeigt, dass Schildkröten durchaus anpassungsfähig sind, wie schon des Öfteren diskutiert. Allerdings, wie im letzten Satz des Abstracts erwähnt, müssen wir den Tieren dazu auch die Möglichkeiten erhalten, was uns in Bezug auf die Erhaltungsbiologie unausweichlich zum Thema Konnektivität führt. Denn Konnektivität ist nicht nur zur Aufrechterhaltung des Genflusses wichtig (Lee 2011, Howeth et al. 2008), nein auch der Zugang (Konnektivität) zu unterschiedlichen Nisthabitaten oder auch Überwinterungshabitaten ist für den Populationserhalt entscheidend (Bowne et al. 2006).

Literatur

Bowne D. R., M. A. Bowers & J. E. Hines (2006): Connectivity in an agricultural landscape as reflected by interpond movements of a freshwater turtle. – Conservation Biology 20 (3): 780–791 oder Abstract-Archiv.

Lee, H. (2011): Climate change, connectivity, and conservation success. – Conservation Biology, 25: 1139–1142 oder Abstract-Archiv.

Howeth, J. G., S. E: McGaugh & D. A. Hendrickson (2008): Contrasting demographic and genetic estimates of dispersal in the endangered Coahuilan box turtle: a contemporary approach to conservation. – Molecular Ecology 17: 4209–4221 oder Abstract-Archiv.

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