Proietti, M. C., J. Reisser, L. F. Marins, M. A. Marcovaldi, L. S. Soares, D. S. Monteiro, S. Wijeratne, C. Pattiaratchi & E. R. Secchi (2014): Hawksbill × loggerhead sea turtle hybrids at Bahia, Brazil: where do their offspring go? – PeerJ 2: e255.

Echte Karettschildkröte × Unechte Karettschildkröte, Meeresschildkrötenhybriden in Bahia Brasilien: Wohin gehen ihre Nachkommen?

DOI: 10.7717/peerj.255 ➚

Echte Karettschildkröte, Eretmochelys imbricata – © Enrico Marcovaldi
Echte Karettschildkröte,
Eretmochelys imbricata,
© Enrico Marcovaldi

Die Hybridisierung zwischen Echten (Eretmochelys imbricata) und Unechten Karettschildkröten (Caretta caretta) Nistgruppen ist im Bundesstaat Bahia, Brasilien ungewöhnlich hoch. Solche Hybridisierungen werden ermöglicht, da sich Paarungs- und Nistaktivität entlang der Küste dieses Bundesstaats sowohl räumlich als auch zeitlich überschneiden. Allerdings ist bislang nicht bekannt, wohin deren Nachkommen ziehen. Dies ist die erste Untersuchung, die zum einen juvenile Hybriden aus Echten- und Unechten Karettschildkröten aus diesem Nistplatz identifiziert (n=4). Dazu wurde die mitochondriale DNS (mtDNS) von 157 jungen Schildkröten, die morphologisch als Echte Karettschildkröten auftreten identifiziert. Wir verglichen ebenso erstmals modellierte Abwanderungsmuster für Echte und Unechte Karettschildkröten und für die Hybridnachkommen unter Berücksichtigung der Schlupfsaison und der ozeanischen Lebensphase der Schildkröten. Die Wanderungen variieren mit der Saison, wobei der größte Teil sich während der Schlupfsaison der Unechten Karettschildkröte, während der auch die Hybriden schlüpfen, nach Süden orientiert und abwandert, wohingegen die Tiere, die während der Schlupfsaison der Echten Karettschildkröte schlüpfen, nordwärts ziehen. Es wurden aber bislang in den wichtigsten Nahrungsgründen für Echte Karettschildkröten in Brasilien keine Hybriden aus Bahia gefunden, wohingegen sie in den Nahrungsgründen für die Unechten Karettschildkröten häufiger nachgewiesen werden. Die genetischen und ozeanographischen Daten aus dieser Arbeit lassen also den Schluss zu, dass diese jungen Hybriden, die morphologische Charakteristika der Echten Karettschildkröte aufweisen, ein Wanderverhalten zeigen, welches typisch für die Unechten Karettschildkröten ist, wozu auch gehört, dass sie sich in den gemäßigten (kühleren) Wasser des westlichen Südatlantiks ernähren. Das Verständnis der Verteilung und Ökologie dieser Hybriden ist eine Voraussetzung zur Entwicklung von Managementplänen zur Arterhaltung.

Unechte Karettschildkröte, Caretta caretta – © Hans-Jürgen Bidmon
Unechte Karettschildkröte,
Caretta caretta
© Hans-Jürgen Bidmon

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun zeigt sich hier, wie schon in früheren Arbeiten ein wichtiger Aspekt der Schildkrötenbiologie, nämlich die Hybridisierung oder genetische Introgression zwischen zwei Arten, die sich zwar nach unserem abstrakten Artenidentifikationskriterien aufgrund der Speziation auseinander entwickelt hatten, die aber, warum auch immer, auch ohne Zutun des Menschen (Die Küstengewässer sind zum Glück noch barrierefrei!) wieder vereinen. Warum das passiert, mag genau den gleichen Paarungsmechanismen zugrunde liegen, die für die Nistpopulationsinteraktionen in Bezug auf den Genfluss von Stiebens et al. (2013) für Meeresschildkröten beschrieben wurde. Was wir, wie ich meine, hier sehen, ist ein vergleichbares genetisches Fusionsereignis, wie es auch von Garrick et al. (2014) für die Galapagos-Riesenschildkröte Chelonoides becki auf der Insel Isabela beschrieben wird. Deshalb bin ich auch nicht unbedingt der Meinung, dass man Speziation und Fusion nur bei Inselpopulationen typischerweise findet; nein solche Ereignisse gibt und gab es wahrscheinlich sehr viel häufiger (siehe Kommentar Bidmon 2015). Warum auch nicht? Schildkröten, wie Menschen scheinen aus solchen Ereignissen durchaus Vorteile gezogen zu haben, da aber der Fossilrekord der Schildkröten so unendlich mal länger zu sein scheint als der der Primaten, würde ich meinen, dass es endlich an der Zeit sein sollte, dass uns vielleicht ein neues Fachgebiet wie die „Paleogenetik“ mal unabhängig von den abstrakten Artgrenzen erklärt, welche Auswirkungen solche Vorkommnisse im Evolutionsgeschehen für die DNS-Erhaltungsstrategien in den jeweiligen Evolutionslinien hatten und wahrscheinlich auch noch haben. Ich denke solche Dinge gab es auch schon früher, und wie die Arbeiten von Vila et al. (2012, siehe auch Rieppel & Kearney 2007) genau wie diese hier zeigen, ist doch, dass rein morphologische Artbeschreibungen diese Vorkommnisse früher gar nicht erfassen konnten, weil die Hybriden häufig nur morphologische Charaktere einer Elternart aufweisen und so wären sie auch dieser Elternart zugeordnet worden. Wo ist also das Problem, außer das man feststellt, dass diese „reinrassig aussehenden“ Hybriden sich geographisch anders orientieren? Es ist ein rein akademisches und wie in dem schönen wegweisenden Reviewartikel von Bowen & Karl (2007) schon angedeutet, gibt es sicher noch viel zu lernen und zu verstehen. Mir wäre es nur wichtig, dass wir uns in Bezug auf die Erhaltungsmaßnahmen so verhalten, dass wir nach Möglichkeit nichts Falsches implementieren, dass das Langzeitüberleben dieser Lebewesen wirklich negativ beeinflussen würde. Vielleicht sollten wir im Sinne eines dynamischen Evolutionsprozesses uns sogar von dem statischen Begriff „Erhaltung“ trennen. Denn wir sehen doch heute schon anhand der Datenlage, dass dieser Begriff, so wie wir ihn definieren und gebrauchen, eher auf die Erhaltung toter konservierter Lebewesen in Museen zutrifft, als auf die belebte Umwelt.

Literatur

Bidmon, H.-J. (2015): Kommentar zu: Hennessy, E. (2015): The Molecular Turn in Conservation: Genetics, Pristine Nature, and the Rediscovery of an Extinct Species of Galapagos Giant Tortoise. – Annals of the Association of American Geographers 105(1): 87-104 oder Abstract-Archiv.

Bowen, B. W. & S. A. Karl (2007): Population genetics and phylogeography of sea turtles. – Molecular Ecology 16(23): 4886-4907 oder Abstract-Archiv.

Garrick, R. C., E. Benavides, M. A. Russello, C. Hyseni, D. L. Edwards, J. P. Gibbs, W. Tapia, C. Ciofi & A. Caccone (2014): Lineage fusion in Galápagos giant tortoises. – Molecular Ecology 23(21): 5276-5290 oder Abstract-Archiv.

Rieppel, O. & M. Kearney (2007): The poverty of taxonomic characters. – Biology & Philosophy 22(1): 95-113 oder Abstract-Archiv.

Stiebens, V. A., S. E. Merino, C. Roder, F. J. Chain, P. L. Lee & C. Eizaguirre (2013): Living on the edge: how philopatry maintains adaptive potential. – Proceedings of the Royal Society, Series B Biological Sciences 280(1763): 20130305 oder Abstract-Archiv.

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