Nordberg, E. J. & D. T. McKnight (2020): Nocturnal basking behavior in a freshwater turtle. – Ecology [Epub ahead of print].

Nächtliches “Sonnen”-Badeverhalten bei einer Süßwasserschildkröte.

DOI: 10.1002/ecy.3048

Der Blick auf aquatische Schildkröten die sonnenbadend auf aus dem Wasser ragenden Baumstämmen und Steinen sitzen sind allgemein bekannt, da es sich an vielen Plätzen auf dieser Welt beobachten lässt. Dieses „luftige“ oder „atmosphärische” Badeverhalten wurde für zahlreiche Spezies beschrieben und es handelt sich dabei um eine wichtige Komponente der Schildkrötenökologie. Allerdings beziehen sich fast alle Beobachtungen dieses Badeverhaltens von Schildkröten auf die Stunden mit Tageslicht. Nach unserem derzeitigen Wissen gibt es nur einige wenige anekdotenhafte Berichte über „nächtliches Badeverhalten” für Süßwasserschildkröten (Neil & Allen 1954, Boyer 1965) und jüngst auch eine Einzelbeobachtung das einige Lavarack's-Schnappschildkröten (Elseya lavarackorum) nachts gegen ca. 01:00 Uhr außerhalb des Wassers saßen (Cann & Sadlier 2017).

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nach dieser kurzen historischen Einleitung berichten die Autoren, dass sie bei nächtlichen Kanufahrten auf dem Ross-Fluss häufig Emydura macquarii kreffti (Kreffts Kurzhalsflussschildkröte) auf Baumstämmen und Ästen beobachtet haben, die meist mit mehreren zusammen dort an der Luft über dem Wasser saßen. Dabei konnten sie alle Altersklassen beobachten was auch durch nächtliche Farbaufnahmen exemplarisch dokumentiert wird. Anschließend folgt eine sehr gute Situationsschilderung und Diskussion darüber, dass dieses Verhalten der Schildkröten selbst für Australien bislang einzigartig ist, da es von vielen an Schildkröten forschenden Wissenschaftlern sowie von Krokodiljägern die diese nachtaktiven Tiere nachts jagen noch nicht beobachtet wurde. Die Diskussion ist sehr umfassend und beleuchtet wirklich viele Aspekte die durch entsprechende Zitate belegt sind, aber für die hier von den Wissenschaftlern gemachten Beobachtungen anscheinend nicht zutreffen können. Da aber im Rossfluss auch Krokodile der Spezies Crocodylus johnstoni zu beobachten waren, für die bekannt ist, dass sie auch Schildkröten erbeuten, vermuten die Autoren, dass dieses hier bei den Wasserschildkröten beobachte nächtliche Überwasserbadeverhalten ein Beutegreifer-Vermeidungsverhalten darstellen könnte, da hier am Rossfluss Säugetiere als mögliche Beutegreifer fehlen und auch kaum Vögel als nächtliche Beutegreifer infrage kommen, so dass sie sich lediglich vor den nachtaktiven Krokodilen in Sicherheit bringen müssen. Letzteres müsste dann aber noch genauer untersucht werden. Sollte es aber zutreffen, dann wäre auch das wieder ein sehr schönes Beispiel für eine Umweltabhängige-Verhaltensplastizität, die zumindest auch eine kognitive Anpassungsleistung voraussetzt, denn die Schildkröten müssen entweder individuell die Gefahr erkennen und in Anbetracht dessen sich dann entsprechend verhalten oder sie müssen schon als Jungtiere von den älteren Artgenossen gelernt haben, dass es sicherer ist sich so zu verhalten (siehe dazu auch die Kommentare zu Chen & Pfennig, 2020; Golubovic et al., 2014; Roth & Krochmal, 2015; 2018; Roth et al., 2019).

Literatur

Boyer, D. R. (1965): Ecology of the basking habit in turtles. – Ecology 46: 99–118.

Chen, C. & K. S. Pfennig (2020): Female toads engaging in adaptive hybridization prefer high-quality heterospecifics as mates. – Science 367(6484): 1377-1379 oder Abstract-Archiv.

Clavijo-baquet, S. & L. Magnone (2017): Daily and seasonal basking behavior in two South American freshwater turtles, Trachemys dorbigni and Phrynops hilarii. – Chelonian Conservation and Biology 16: 62–69.

Golubovic, A., M. Andjelkovic, D. Arsovski, A. Vujovic, V. Ikovic, S. Djordjevic & L. Tomovic (2014): Skills or strength-how tortoises cope with dense vegetation? – Acta Ethologica 17: 141–147 oder Abstract-Archiv.

Neil, W. T. & E. R. Allen (1954): Algae on turtles: Some additional considerations. – Ecology 35: 581–584.

Roth II, T. C. & A. R. Krochmal (2015): The Role of Age-Specific Learning and Experience for Turtles Navigating a Changing Landscape. – Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2014.11.048 oder Abstract-Archiv.

Roth, T. C. 2nd & A. R. Krochmal (2018): Of molecules, memories and migration: M1 acetylcholine receptors facilitate spatial memory formation and recall during migratory navigation. – Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 285 (1891) oder Abstract-Archiv.

Roth II, T. C., A. R. Krochmal & L. D. LaDage (2019): Reptilian Cognition: A More Complex Picture via Integration of Neurological Mechanisms, Behavioral Constraints, and Evolutionary Context. – Bioessays 41(8): e1900033 oder Abstract-Archiv.

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