Lovich, J. E. & J. R. Ennen (2013): A quantitative analysis of the state of knowledge of turtles of the United States and Canada. – Amphibia-Reptilia 34(1): 11–23.

Eine quantitative Analyse des Wissenstands über die Schildkröten der Vereinigten Staaten und Kanadas.

DOI: 10.1163/15685381-00002860

Das „Informationszeitalter“ führte zu in einer Explosion des Wissens, und seine Verfügbarkeit trägt zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Gesellschaft bei. Das Wissen über Schildkröten, gemessen an der Zahl der veröffentlichten Arbeiten, wuchs seit den 1970iger Jahren exponentiell an, was einem Phänomen entspricht, das sich in allen Wissenschaftsdisziplinen widerspiegelt. Obwohl die Kenntnis bezüglich der Schildkröten gemessen an der Zahl der zitierten Publikationen in wissenschaftlichen Journalen sehr schnell wuchs, blieb diese taxonomische Tiergruppe hochgradig gefährdet, was nahe legt, dass dieses Wissen nicht immer erfolgreich in effektive Schutzmaßnahmen zur Erhaltung der Schildkröten umgesetzt wird. Wir sichteten die Masse an Literatur über die Schildkröten der Vereinigten Staaten und Kanadas und fanden dass erstens die Anzahl der Referenzen zu großen Schildkröten hin verschoben ist und dass zweitens die Anzahl der Zitate zu Arten mit großem Verbreitungsgebiet verschoben ist und zum Dritten, dass der Erhaltungsstatus nur einen geringen Einfluss auf die Ansammlung von Wissen über diese Arten hat, speziell wenn man die Daten in Bezug auf die Parameter Körpergröße und Verbreitungsgebietsgröße bereinigt betrachtet. Die Verbreitung des Wissenstands über alle Spezies blieb zwischen 1994 bis 2009 gemessen anhand der Shannon Weiner Diversität und den Gleichverteilungsindizes unverändert, was besagt, dass wenig untersuchte Arten immer noch wenig untersuchte Arten blieben, während gut untersuchte Arten auch gut untersuchte Arten blieben. Etliche Spezies, die nach dem U.S. Endangered Species Act als bedroht oder stark gefährdet gelistet sind, (bspw., Pseudemys alabamensis, Sternotherus depressus und Graptemys oculifera) bleiben mit einer jeweils geschätzten Zahl von 13–24 Zitierungen die am wenigsten untersuchten Spezies. Die niedrige Zahl an Zitierungen dieser Arten erklärt sich am besten mit deren beschränkter Verbreitung und/oder ihrer geringen Größe. Obgleich es diesen exponentiellen Wissenszuwachs über die Schildkröten der Vereinigten Staaten und Kanadas gab, gab es keine der im Endangered Species Act gelisteten Arten, die jemals aus Gründen einer Bestandserholung von dieser Liste gestrichen werden konnte. Deshalb scheint der Wissenszuwachs nicht notwendigerweise dazu beizutragen, dass sich gefährdete Schildkrötenbestände erkennbar erholen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Beschreibung stimmt zwar nachdenklich, ist aber nicht sehr überraschend, denn viele der Arbeiten beziehen sich auf zwei Aspekte: 1. auf Spezies, die sehr stark bedroht sind und deshalb oft als so genannte Ikonen der Erhaltungsbiologie gelten und deren Bearbeitung über Spenden und finanzierte und/oder politisch unterstützte Naturschutzmaßnahmen geschieht, wobei aber meistens die Bestände so niedrig sind, dass mit einer schnellen Erholung nicht zu rechnen ist und 2. auf Arten, die entweder aufgrund ihrer weiten Verbreitung oder ihrer wirtschaftlichen Relevanz von relativ vielen Wissenschaftlern bearbeitet werden, oder jenen, die noch so häufig sind, dass man an ihnen auch wissenschaftliche Grundlagen in den Fachgebieten wie Anatomie, Physiologie, Biochemie etc. erarbeiten kann (bspw. Rotwangen-Schmuckschildkröten, oder chinesische Weichschildkröten wie Pelodiscus sinensis). Als weiteres – ich möchte mal behaupten wissenschaftsinternes – Kriterium kommt noch hinzu, dass die Karriere von Wissenschaftlern oft davon abhängt wie anerkannt ihre Arbeiten sind. Ja, und diese Anerkennung wird oft daran gemessen, wie oft die eigenen Arbeiten von anderen Wissenschaftlern zitiert und beachtet werden. Genau hier haben es dann die Wissenschaftler karrieremäßig am leichtesten, die an den so genannten populären und von vielen Kollegen auch bearbeiteten Spezies arbeiten, weil, das per se mehr Zitierungen und damit Bekanntheitsgrad einbringt, als jene, die an selten Arten arbeiten, die nur von wenigen Kollegen bearbeitet werden. Hier schließt sich also der Kreis, so dass sich nur wenige Wissenschaftler auf jene Spezies, die zum einen selten und bedroht sind und zum anderen aber nicht als Ikonen des Naturschutzes gelten konzentrieren. Solche Spezies werden meist erst dann wieder für die Wissenschaft interessant wenn sie so selten sind, dass die Arbeit an und mit ihnen einen gewissen Exklusivitätsstatus erreicht, der dann auch gerade im Artenschutzmanagement besondere Beachtung und Unterstützung findet. Was ich dabei allerdings als fatal empfinde ist die Tatsache, dass man aus diesen sich immer wiederholenden Zyklen nichts zu lernen scheint. Denn auch heute ist es so, dass man zwar für Forschungs- und Erhaltungsmaßnahmen für die bedrohtesten Arten (siehe Prioritätslisten) Gelder und Spenden bekommt, nicht aber für jene Arten, die zwar auch unter Habitatverlust und Rückgängen leiden, aber an diesem tiefsten Punkt ihrer Bestandsentwicklung noch nicht angekommen sind. Dabei wäre es aber sehr wahrscheinlich bei diesen Arten noch einigermaßen viel versprechend, dass man hier noch die Möglichkeit hätte, Maßnahmen einzuleiten, die dazu beitragen könnten, dass auch mal eine Art sich so erholen kann, dass sie von den Listen gestrichen werden kann. Wir sind Menschen und wir handeln als solche, deshalb lässt sich leicht nachvollziehen, warum sich manche Dinge auch in der Wissenschaft so abspielen, wie es oben kritisch angesprochen wird. Die Frage ist, wie frei sollten eigentlich abstrakt denkende Wissenschaftler sein, um sich von diesen Mechanismen wie Karriereplanung, Prioritätenlisten und der Biodiversitäts-Hotspot Theorie frei zu machen. Denn Prioritätenlisten sind zwar schön, aber dahingehend gefährlich, dass man zu viele Finanzmittel in eine ausweglose Lage investiert, während anderen Orts noch zu gut zu erhaltende Populationen und Arten eben mehr oder weniger unbeachtet dem gleichen Schicksal entgegen gehen, weil man auch wieder erst dann eingreift, wenn es fast zu spät ist. Tja und die Biodiversitätshotspots, ja die werden sich verschieben, um deren Erhaltung sollte man sich gerade in Zeiten sich global verändernder Bedingungen weniger Sorgen machen als um die Tatsache, wie man deren Konnektivität zu den benachbarten Gebieten auf transnationaler Ebene aufrechterhalten kann, um eine Verschiebung zu ermöglichen, die es den dort derzeit noch ansässigen Spezies erlauben würde, dem Wandel folgend abzuwandern, aber zu überleben! Siehe dazu Kommentare zu Beazley & Cardinal (2004), Boyd et al. (2008), Buhlmann et al. (2009), Hall et al. (2008), Hooftman & Bullock (2011), Lee (2011), Mazaris et al. (2013), Rivalan et al. (2007) und Telemeco et al. (2013).

Literatur

Beazley, K. & N. Cardinal (2004): A systematic approach for selecting focal species for conservation in the forests of Nova Scotia and Maine. – Environmental Conservation 31(2): 91-101 oder Abstract-Archiv.

Boyd, C., T. M. Brooks, S. H. M. Butchart, G. J. Edgar, G. A. B. da Fonseca, F. Hawkins, M. Hoffmann, W. Sechrest, S. N. Stuart & P. P. van Dijk (2008) Spatial scale and the conservation of threatened species – Conservation Letters 1(1): 37-43 oder Abstract-Archiv.

Buhlmann, K. A., T. S. B. Akre, J. B. Iverson, D. Karapatakis, R. A. Mittermeier, A. Georges, A. G. J. Rhodin, P. P. Van Dijk & J. W. Gibbons (2009): A Global Analysis of Tortoise and Freshwater Turtle Distributions with Identification of Priority Conservation Areas. – Chelonian Conservation and Biology 8(2): 116-149 oder Abstract-Archiv.

Hall, R. J., E. J. Milner-Gulland & F. Courchamp (2008): Endangering the endangered: The effects of perceived rarity on species exploitation. – Conservation Letters 1(2): 75-81 oder Abstract-Archiv.

Hooftman, D. A. P. & J. M. Bullock (2011): Mapping to inform conservation: A case study of changes in semi-natural habitats and their connectivity over 70 years. – Biological Conservation doi:10.1016/j.biocon.2011.09.015 oder Abstract-Archiv.

Lee, H. (2011): Climate change, connectivity, and conservation success. – Conservation Biology 25: 1139–1142 oder Abstract-Archiv.

Mazaris, A. D., A. S. Kallimanis, J. D. Pantis & G. C. Hays (2013): Phenological response of sea turtles to environmental variation across a species’ northern range. – Proceedings of the Royal Society B – Biological Sciences 280(1751): 20122397 oder Abstract-Archiv.

Rivalan, P., V. Delmas, E. Angulo, L. S. Bull, R. J. Hall, F. Courchamp, A. M. Rosser & N. Leader-Williams (2007): Can bans stimulate wildlife trade? Proactive management of trade in endangered wildlife makes more sense than last-minute bans that can themselves increase trading activity. – Nature 447: 529–530 oder Abstract-Archiv.

Telemeco, R. S., K. C. Abbott & F. J. Janzen (2013): Modeling the effects of climate change-induced shifts in reproductive phenology on temperature-dependent traits. – American Naturalist 181: 637–648 oder Abstract-Archiv.

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