Howell, J. H., R. H. Legere, D. S. Holland & R. H. Seigel (2019): Long-Term Turtle Declines: Protected Is a Verb, Not an Outcome. – Copeia 107(3): 493-501.

Langzeitrückgänge bei Schildkröten: Geschützt ist ein Verb, nicht aber ein Resultat.

DOI: 10.1643/CH-19-177

Tropfenschildkröte, Clemmys guttata, – © Hans-Jürgen Bidmon
Tropfenschildkröte,
Clemmys guttata,
© Hans-Jürgen Bidmon

Langzeitstudien an wildlebenden Populationen sind notwendig um die Abundanz (Individuenhäufigkeit) und Verschiebungen in deren Demographie über die Zeit zu erfassen, aber solche Studien sind schwierig zu planen, zu finanzieren und durchzuführen und werden deshalb nur selten durchgeführt. Solche Studien sind aber von besonderer Bedeutung für langlebige Arten die über lange Zeiträume vorhanden sein können ohne sich zu reproduzieren oder in die kaum noch Jungtiere hineinwachsen. Wir führten hier zwei Populationstudien durch die über 30 Jahre liefen und zwar bei der global bedrohten Tropfenschildkröte (Clemmys guttata) in Schutzgebieten innerhalb des Zentrums ihres Verbreitungsgebiets. Tropfenschildkröten sind in Kanada im Bestand gefährdet und sie werden auf der roten Liste der IUNC als global bedroht geführt da sie im gesamten Verbreitungsgebiet im Rückgang begriffen sind. Allerdings gab es bislang nur eine frühere Langzeitstudie die deren Populationsverlauf adressierte. Hier verwendeten wir Daten aus einer Markierungs-Wiederfangstudie bei der über 30 Jahre lang Daten gesammelt wurden wobei wir feststellten, dass die geschätzte Populationsgröße um 49% im Untersuchungsgebiet abgenommen hat obwohl sich deren Habitat innerhalb eines Schutzgebiets befindet. Dieser Rückgang ging einher mit einer signifikanten Zunahme des Anteils der großen Individuen innerhalb der Population was anzeigt, dass kaum noch Jungtiere bis zur Altersklasse Subadult in die Population hineinwachsen. Diese Ergebnisse heben die Wichtigkeit von Langzeitstudien für die Populationsüberwachung bei langlebigen Arten hervor ebenso wie sie auf die Bedeutung eines aktiven Populationsmanagements innerhalb von Schutzgebieten verweist. Zudem zeigt sie, dass bei langlebigen Spezies eine Population für lange Zeit bestehen bleiben kann obwohl sie keinen Zuwachs mehr hat und der Populationsverlauf klar in Richtung Rückgang verläuft.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Wie schon des Öfteren diskutiert wieder eine der wenigen hilfreichen Langzeitstudien die zwar deren Notwendigkeit unterstreicht, aber auch nicht wirklich die Gründe für die Rückgänge klar benennt sondern nur mögliche Gründe diskutiert die für andere Gebiete und Spezies z. B. Vögel schon mal angeführt und diskutiert wurden. Letzteres wäre aber wichtig, denn auch in Bezug auf das geforderte aktive Management wäre es wichtig zu wissen was sich innerhalb der letzten 30 Jahre im Schutzgebiet verändert hat. Es gibt Schutzgebiete in denen zum Beispiel bestimmte Verbote dazu führen, dass Wasserflächen oder auch Nistplätze zuwachsen und sich der Lebensraum insgesamt dadurch verschlechtert. Oder ob sich im Umland um solche Schutzgebiete die landwirtschaftliche Nutzung dahingehend verändert hat, dass jetzt Fressfeinde wie Wildschweine, Rabenvögel oder andere so stark zugenommen haben, dass sie auch die Nester oder Schlüpflinge im Schutzgebiet gefährden (siehe Kommentar zu Nikolic et al., 2018). Auch der zunehmende Einsatz von Pestiziden kann dazu führen, dass das Nahrungsangebot auch in benachbarten Schutzgebieten sinkt ebenso wie Pestizide die mit dem Regenwasserabfluss in solche Gebiete gelangen die Vermehrung von Wasserinsekten und Amphibien beeinträchtigen können, sodass auch dadurch das Nahrungsangebot selbst für die Arten abnimmt die selbst nicht direkt von Pestizidbelastungen nachweislich betroffen sind (z. B. Heritier et al., 2017a,b und die dortigen Kommentare). Zudem kann es auch durch Absammeln und Tierentnahmen zu Populationsabnahmen gekommen sein, sodass innerhalb einer zu kleinen Flaschenhalspopulation Inzuchtdepression den Nachwuchs beeinträchtigt (siehe Kommentar zu Warwick et al., 2017). Sicher etwas was für langlebige Arten selten festgestellt wird aber dennoch nicht ganz ausgeschlossen werden sollte. Wir lernen also daraus, dass zur Erhaltung von Arten meist mehr gehört als deren taxonomische Zugehörigkeit zu beschreiben und deren Abnahme festzustellen wobei letzteres anzuerkennender Weise immer der erste Schritt sein wird um überhaupt auf das Problem aufmerksam zu machen. Denn wie hier auch schön gezeigt bedeutet Schutzgebietsausweisung eben nicht, dass damit auch nicht gleich ein langfristiges vorausschauendes Erhaltungsmanagement implementiert ist.

Literatur

Heritier, L., A. L. Meistertzheim & O. Verneau (2017a): Oxidative stress biomarkers in the Mediterranean pond turtle (Mauremys leprosa) reveal contrasted aquatic environments in Southern France. – Chemosphere 183: 332-338 oder Abstract-Archiv.

Héritier, L., D. Duval, R. Galinier, A.-L. Meistertzheim & O. Verneau (2017b): Oxidative stress induced by glyphosate-based herbicide on freshwater turtles. – Environmental Toxicology and Chemistry 36(12): 3343-3350 oder Abstract-Archiv.

Nikolic, S., A. Golubovic, X. Bonnet, D. Arsovski, J.-M. Ballouard, R. Ajtic, B. Sterijovski, V. Ikovic, A. Vujovic & L. Tomovic (2018): Why an apparently prosperous subspecies needs strict protection: The case of Testudo hermanni boettgeri from the central Balkans. – Herpetological Conservation and Biology 13(3): 673–690 oder Abstract-Archiv.

Warwick, C., A. Pliny,  M. Jessop, E. Nicholas, P. Arena & A. Lambiris (2017) Future of keeping pet reptiles and amphibians: animal welfare and public health perspective. Veterinary Record 181(17): 454-455 oder Abstract-Archiv.

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