Hofmeyr, M., U. van Bloemestein, B. Henen & C. Weatherby (2012): Sexual and environmental variation in the space requirements of the Critically Endangered geometric tortoise, Psammobates geometricus. – Amphibia-Reptilia 33(2): 185–197.

Geschlechtsbezogene und umweltabhängige Unterschiede im Lebensraumbedarf bei der stark gefährdeten Geometrischen Landschildkröte, Psammobates geometricus.

DOI: 10.1163/156853812X634071

Psammobates geometricus hat eine sehr begrenzte Verbreitung am südwestlichen Kap Südafrikas, wo die Art in kleinen Habitatfragmenten lebt, die durch landwirtschaftlich genutzte Agrarflächen und durch urbane Wohngebiete voneinander getrennt liegen. Die Ansprüche an ihren Lebensraum sowie die diese bestimmenden Faktoren sind daher wichtige Informationen, die für eine effektive Arterhaltung unerlässlich sind. Wir benutzen die Radiotelemetrie- und die Fadenabspulmethode, um die Bewegungsmuster und die Lebensraumnutzung der Geometrischen Landschildkröten während eines Jahreszyklus zu untersuchen. Wir bestimmten die Home-Ranges (Habitatgrößen) mittels der Minimum-Konvex-Polygon-Methode und der Fixierten-Kernel-Methode. Die Größe der Home-Range variierte für einzelnen Individuen der Geometrische Landschildkröte sehr stark, wobei es für Weibchen eine positive Korrelation mit der Körpergröße gab. Weibchen – die das größere Geschlecht darstellen – hatten im Vergleich zu Männchen größere Home-Ranges und legten weitere tägliche Wanderungen zurück. Die Weibchen zeigten während des Jahres eine hohe Raumnutzungsrate, außer während der Regenzeit, einer Zeit, in der es viel Futter gibt, aber vergleichsweise niedrige Temperaturen und während derer der aufgeweichte Boden die Eiablage erleichterte. Männchen zeigten außerhalb der Nistsaison im Vergleich zur Nistsaison eine noch höhere Lebensraumnutzung, was sich sehr wahrscheinlich damit erklärt, dass sie außerhalb der Nestsaison, wenn die Ovulation bei den Weibchen erfolgt, ihre Paarungschancen erhöhen. Die Habitate hatten meist eine mehr lang gestreckte Form, und sie überlappten sich weit mehr in offenen Feldern als in Bereichen mit dichter natürlicher Vegetation, wobei diese Beobachtung andeutet, dass sich die Habitatverschlechterung (landwirtschaftliche Nutzung) auf die Struktur der Home-Range (Individualhabitate) auswirkt. Die Lebensraumnutzung, die sie während ihrer Aktivitätsphasen zeigten, reichte bei den Geometrischen Landschildkröten von 1,02 bis zu 44,85 Hektar. Die relativ großen Home-Ranges und die Auswirkungen durch Habitatverschlechterung sollten zur Planung der Schutzgebietsgrößen unbedingt herangezogen werden und werden entscheidende Auswirkungen für die Zukunft dieser Tiere in ihren relativ kleinen Habitatfragmenten haben.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit zeigt zwei Dinge, die wahrscheinlich eine Erklärung dafür liefern, warum man Landschildkröten überhaupt vergleichsweise gut in meist beengten künstlichen Lebensräumen wie Terrarien oder Gewächshäusern halten kann. Die Tiere sind äußerst flexibel, was die Habitatgrößen angeht, und wenn sie in einem relativ kleinen Gebiet die Möglichkeit haben, alles zu finden, was sie zum Leben brauchen, sprich Nahrung, Deckung, Möglichkeiten zur Thermoregulation sowie Sexualpartner und Nistplätze, kommen sie mit einer kleinen „Optimalhabitatgröße;“ aus, wohingegen Habitatverschlechterung dazu führt, dass sich die Habitate zwangsläufig vergrößern, um nun innerhalb eines größeren Gebiets das zu finden, was man eben in der jeweiligen Jahreszeit zum Überleben und Fortbestand der Population braucht. Insofern kann man davon ausgehen, dass solange durch zu dichten Besatz keine Stressfaktoren erzeugt werden, sich solche Tiere auch in kleinflächigen Optimalhabitaten wohlfühlen. Letzteres kann man sich auch für die Haltung zu Nutze machen. Allerdings, und darüber habe ich noch sehr wenig in der Vergangenheit gehört oder gelesen, würde das auch eine Chance für einen tragbaren Kompromiss zwischen z.B. Landwirtschaft und Naturschutz bzw. Arterhaltung bieten. Geht man davon aus, dass die meisten Lebensräume oft schon in der Vergangenheit degradiert wurden und die dort noch lebenden Schildkröten deshalb relativ große Habitate brauchen, dann wäre es zum Beispiel in Bezug auf die Arterhaltung wichtig, einmal zu ermitteln oder zu rekonstruieren, wie die früheren Optimalhabitate ausgesehen haben, denn dann könnte man experimentell testen, wie sich die Tiere in „ursprünglichen“ Optimalhabitaten verhalten. Würde sich zeigen, dass die Schildkröten in diesen Optimalhabitaten wesentlich weniger Fläche beanspruchen als bisher, bräuchte man nur noch mittels entsprechender Berechnungen den Bedarf für eine optimale sich selbst erhaltende Population zu ermitteln und anhand der Daten die Optimalhabitatgröße für eine Population zu ermitteln und einzurichten. Hier hätte man die Chance, dann sowohl größere Flächen für die Landwirtschaft und zur Besiedlung zur Verfügung zu stellen, als auch entsprechend kleinere Optimalhabitatflächen für eine erfolgversprechende Arterhaltung. Bislang macht man das nicht und versucht immer beides in einem zu erreichen, was aber zum einen daran zu scheitern scheint, weil für die meisten Arten die kompletten Habitatansprüche unbekannt sind und weil sich in solchen gemischten Gebieten, wo sich bewirtschaftete Flächen mit einigen mehr oder weniger großen Habitatfragmenten abwechseln, immer Probleme ergeben, die nur zu Lasten der Arterhaltung gehen. Denn wenn die Schildkrötenmännchen z. B. im Frühjahr oder zu Beginn der Regenzeit von Fragment zu Fragment wandern müssen, um sich zu paaren und den Genfluss aufrecht zu erhalten, besteht die Gefahr, dass sie den Landbearbeitungsmaschinen wie Pflügen und Traktoren oder dem Straßenverkehr zum Opfer fallen. Zudem könnten Weibchen solche bearbeiteten, aufgelockerte Böden als Eiablageplätze (z. B. Vortrag von Schneeweis zu Emys orbicularis) nutzen, mit der Folge, dass die Nester bei langer Inkubationszeit durch die Erntemaschinen zerdrückt werden oder gar Weibchen überfahren werden, die zum Ende der Regenzeit ablegen. Alle solche auf lange Zeit hin nur schwer zu kontrollierenden, aber die Populationen weiter schwächenden Gegebenheiten sollten sich jedoch dadurch minimieren lassen, in dem man klar abgetrennte Optimalhabitate die sehr wahrscheinlich gar nicht so groß sein müssten, restauriert und anbietet. Bei wachsenden Bevölkerungszahlen und den damit verbundenen Ernährungsproblemen ist es illusorisch, davon auszugehen, die Nutzflächen großflächig in neue Naturschutzgebiete umzuwidmen. Wenn man allerdings die leidige Hotspot-Biodiversitätserhaltung vielleicht zumindest für einige Arten durch Optimalhabitatrestaurierung und Strategie ersetzen würde, könnte ich mir vorstellen, dass damit für die Arterhaltung wesentlich mehr erreicht werden könnte als mit der bislang fortschreitenden Umwandlung von vielleicht gerade noch besiedelbaren, in der Vergangenheit schon zu Sekundärhabitaten veränderten Landschaften (siehe Platt et al. 2003), die nun durch moderne land- oder forstwirtschaftliche Nutzung langsam weiter zu Tertiärhabitaten degradieren, in denen irgendwann festgestellt wird, dass die betroffene Art trotz der Unterschutzstellung nicht zu erhalten war. Siehe auch Kommentar zu Gerlach (2008).

Literatur

Gerlach, J. (2008): Fragmentation and demography as causes of population decline in Seychelles freshwater turtles (Genus Pelusios). – Chelonian Conservation and Biology 7(1): 78–87 oder Abstract-Archiv.

Platt, S. G., W. K. Ko, L. L. Khiang, K. M. Myo, T. Swe, T. Lwin & T. R. Rainwater (2003): Population status and conservation of the critically endangered Burmese star tortoise Geochelone platynota in central Myanmar. – Oryx 37(4): 464–471 oder Abstract-Archiv.

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