Ferguson G. W., A. M. Brinker, W. H. Gehrmann, S. E. Bucklin, F. M. Baines & S. J. Mackin (2009): Voluntary Exposure of Some Western-Hemisphere Snake and Lizard Species to Ultraviolet-B Radiation in the Field: How Much Ultraviolet-B Should a Lizard or Snake Receive in Captivity? – Zoo Biology 29(3): 317-334.

Frei gewählte UVB-Strahlungsexposition von einigen Schlangen- und Echsenspezies im Freiland: Wie viel Ultraviolett B sollte eine Echse oder Schlange in Gefangenschaftshaltung erhalten?

DOI: 10.1002/zoo.20255

Studien zur frei gewählten Exposition in der UVB Strahlung der Sonne (Sonnenexposition) im Freiland wurden in den südlichen USA und auf Jamaika bei 15 Arten von Echsen und Schlangen durchgeführt, die unterschiedliche Habitate besiedeln. Die verschiedenen Spezies wurden vier Zonen mit unterschiedlichen UVB Strahlungsintensitäten zugeteilt, welche von einem mittleren UV-Index von 0,35 für die Zone 1, bis zu 3,1 für die Zone 4 reichten. Wir präsentieren hier Richtlinien für die UVB-Exposition bei Gefangenschaftshaltung für die untersuchten Spezies, aber auch für andere Spezies, für die bekannt ist, dass bezüglich der Sonneneinstrahlung ähnliche Habitate bevorzugen. Die erhobenen Messdaten wurden für alle Arten während der Mittagszeit und während der Frühjahrsfortpflanzungssaison erhoben, einer Zeit, für die bekannt ist, dass die Sonnenexposition der Tiere maximal ist. Bei zwei Arten der Gattung Sceloporus, die noch eingehender untersucht wurden, zeigten sich signifikante Unterschiede in Bezug auf die Sonnenexposition in Abhängigkeit von Tageszeit und zwischen den verschiedenen Jahreszeiten. Daraus wurde auch klar, dass Ganztagesstudien über die gesamte Aktivitätsperiode einer Spezies notwendig sind, um ein umfassendes Bild bezogen auf das natürliche Expositionsmuster (Verhalten) für eine bestimmte tagaktive Reptilienart zu erhalten. Die Umgebungs- und Körpertemperatur und die notwendige Thermoregulation sowie der UVB/Vitamin-D-Photoregulationsmechanismus beeinflussen die UVB- Exposition. Regressionen werden vorgestellt, die es erlauben, die Messdaten umzurechnen, die man mit verschiedenen Detektoren unterschiedlicher Sensitivität erhält. Daten, die man im natürlichen Sonnenlicht misst, lassen Vorhersagen über das Vitamin-D-Synthesepotential zu, die direkt vergleichbar sind mit Messdaten, die man unter künstlichen Lichtquellen erhält, die eine vergleichbare Lichtwellenlängenverteilung zum Sonnenlicht aufweisen. Forschungsansätze zur Erweiterung unseres Wissens über die Vitamin-D- und UVB-Bedürfnisse squamater Reptilien in Tierhaltungen werden diskutiert.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Auch diese Arbeit belegt in eindrucksvoller Weise die Notwendigkeit der UVB-Exposition bei Reptilien und wie sie diese artspezifisch, je nach Lebensraumanpassung und ökologischer Einnischung nutzen. Auch den Verweis, dass eine besonders intensive Exposition und Regulation während der Reproduktionsphasen erfolgt, sollte man hier zur Kenntnis nehmen.
Diese Ergebnisse rufen möglicherweise – genau wie der informative Vortrag von Sarina Wunderlich am 06.09.2009 bei der DGHT Nachzuchttagung – erneut Diskussionen hervor, wie zuverlässig Messgeräte zur UVB Messung überhaupt sein mögen. Da jedoch die Autoren der Arbeit auch die Vitamin-D-Syntheserate bestimmt haben, ist der Zusammenhang eindeutig belegt (s. dazu auch Karsten et al. 2009). Insofern liegt hier ein wichtiger Beitrag zur Haltungsoptimierung von Reptilien, einschließlich der Schildkröten, vor.
Was bei dieser Arbeit auch noch einmal herausgestellt wird – und ebenso im Vortrag von Frau Wunderlich zum Ausdruck kam – ist die Temperaturabhängigkeit der Vitamin-D-Synthese in der Reptilienhaut. Dieser wichtige Faktor wurde schon von Tian et al. (1994) beschrieben. Und ohne mich selbst rühmen zu wollen, hatte ich diese Daten zusammen mit eigenen schon 1995 bei der fünften AGARK Tagung in Frankfurt vorgetragen und schriftlich abgefasst (Bidmon 1995). Dennoch ist das leider offensichtlich immer noch nicht überall bekannt. So verbreitet Köhler (2009) die unsinnige Empfehlung, junge Schildkröten lieber auch bei kalten Umgebungstemperaturen zur Vitamin D-Synthese in die Sonne zu stellen, anstatt eine entsprechende Lampe im entsprechenden Abstand und Temperaturgradienten zu nutzen.
Nicht viel besser scheint es aber auch Tierärzten zu ergehen, denn in der aktuellen Marginata 6(3), S. 4 liest man einen Kommentar (Biron 2009) zu einer der oben zitierten Arbeiten (Karsten et al. 2009), in dem Herr Biron klar zum Ausdruck bringt, dass oral verabreichtes Vitamin D anscheinend nicht wirkt. Wenn dem so wäre, warum sollte man es dann überdosieren können? Außerdem berichtet ja die dort kommentierte Arbeit von Karsten et al. (2009) gerade, dass in diesem Fall Chamäleons oral mit dem Futter aufgenommenes Vitamin D anscheinend wahrnehmen können, und wenn sie oral genug haben sich nicht noch zusätzlich übermäßig der Sonne aussetzen. Also einen besseren Beleg für die Wirksamkeit von oral aufgenommenem Vitamin D bei Reptilien kann man sich gar nicht vorstellen. Kann da jemand nicht lesen oder sich von veralteten als falsch erkannten Pseudoerkenntnissen freimachen?
Der einzige wirkliche Vorteil der UVB induzierten Vitamin D Synthese besteht darin, dass es in keinem Fall zu einer Überdosierung kommt, weil vom Blutkreislauf nicht schnell genug abtransportiertes Vitamin D in der Haut unter UVB-Strahlung weiter in unwirksame und nicht toxische Metabolite umgewandelt wird (siehe Bidmon 2001 und die dort zitierte Literatur). Sollte also der Informationsfluss, der eigentlich der Weiterbildung und Fehlervermeidung dienen sollte, so langsam und mangelhaft sein, dass selbst die Editoren solcher Journale nicht in der Lage sind, Falsches von Wahrem zu unterscheiden und somit nur dazu beitragen, Unwahrheiten und Fehleinschätzungen zu verbreiten, muss man sich fragen ob ein Verzicht auf das Abdrucken solcher Texte nicht besser gewesen wäre. Denn so können diese Informationen eher den Pfleglingen schaden als nützen. Da lobe ich mir dann doch lieber solche Arbeiten, wie die oben angeführte oder einen ehrlichen Vortrag einer jungen Diplom-Physikerin, die vielleicht nicht so viel über das wahre Leben von Reptilien weiß, die aber zumindest den messbaren Spektrenbereich der einzelnen Messgeräte und der Lampen richtig vorstellt. Ansonsten kann ich nur appellieren das Niveau gedruckter Information nicht auf unrecherchiertes, privates „online“ Diskussionsniveau absinken zu lassen!

Literatur

Bidmon, H.-J. (1995): 1,25-Dihydroxyvitamin D3 rezeptive Organe in Amphibien und Reptilien: Hinweise auf multiple endokrine und neuroendokrine Funktionen von Vitamin D. – Protokolle der 5. Tagung der AGARK der DGHT Frankfurt. DGHT-Schriftensammlung, Rheinbach S. 1-9.

Bidmon, H.-J. (2001): Regulation der Ruhephasen bei Schildkröten: Was ist bekannt und welche Konsequenzen ergeben sich für die erfolgreiche Haltung? – Radiata, Haan, 10(4): 3-19.

Biron, K. (2009): Marginata 6 (3) S. 4

Karsten, K. B., G. W. Ferguson, T. C. Chen & M. F. Holick (2009): Panther Chameleons, Furcifer pardalis, Behaviorally Regulate Optimal Exposure to UV Depending on Dietary Vitamin D-3 Status. – Physiological and Biochemical Zoology 82(3): 218-225 oder Abstract-Archiv.

Köhler, H. (2009): Spektrum: Temperatur- und UVB-Messungen an europäischen Landschildkröten im natürlichen Mikrohabitat. – Minor 8(3): 20-30.

Tian, X. Q., T. C. Chen, & M. Allen (1994): Photosynthesis of previtamin D3 and its isomerisation to vitamin D3 in the Savanna monitor lizard. – S. 893-894 in: Norman, A. W., R. Bouillon, M. Thomasset & W. de Gruyter (Hrsg.): Vitamin D a pluripotent steroid hormone: Structural studies, molecular endocrinology and clinical applications. – Berlin, Germany.

Wunderlich, S. (2009): UVB-Beleuchtung im Terrarium DGHT – Nachzuchttagung (Karlsruhe) Zusammenfassungen S. 27-28.

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