Ennen, J. R., J. Godwin, J. E. Lovich, B. R. Kreiser, B. Folt & S. Hazard (2016): Interdrainage morphological and genetic differentiation in the Escambia Map Turtle, Graptemys ernsti. – Herpetological Conservation and Biology 11(1): 122–131.

Morphologische und genetische Unterschiede bei der Escambia-Landkartenschildkröte Graptemys ernsti in den verschiedenen Abflusssytemen.

DOI: None

Graptemys ernsti, die Escambia Landkartenschildkröte, besiedelt den Escambia/Conecuh-Fluss, den benachbarten Gelben-Fluss (Yellow River) und etwas weiter im Osten den Pea-Fluss. Alle drei getrennten Flusssysteme sind seit dem Pleistozän getrennt. Wir benutzten konstante und variable morphologische und genetische Datensätze um damit die Populationen von G. ernsti zu vergleichen und fanden dabei Anhaltspunkte für Populationsunterschiede zwischen den drei Flusssystemen. Die Häufigkeit des Auftretens eines nasalen Dreizacks unterschied sich zwischen den Flusssystemen. Zudem zeigten die Tiere aus dem Gelben-Fluss distinkte mitochondriale Haplotypen, wohingegen die Populationen des Conecuh und des Pea-Flusses gemeinsame Haplotypen beherbergten. Fünf Mikrosatelliten-Genloci identifizierten die Tiere aus dem jeweiligen Abflusssystem als distinkte Populationen, wobei die größten Unterschiede zu der Population im Gelben-Fluss bestanden (im Vergleich zu den beiden anderen Flüssen). Diese Unterschiede sind nicht so groß, dass sie einen eigenen taxonomischen Status rechtfertigen, sie sollten aber dazu Anlass geben zu sehen, dass jede Population ihre eigene Evolutions- bzw. Entwicklungsgeschichte hat und dass sie deshalb auch als getrennte Populationen gemanagt werden sollten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eigentlich eine schöne Arbeit die uns zum einen zeigt, wie sich Phäno- und Genotyp in getrennten Habitaten langsam auseinander entwickeln, obwohl sie dennoch artgleich bleiben können. Dies sind eben nur getrennte Populationen aus ein und derselben Evolutionslinie. Wie diese Wissenschaftler auch klar herausstellen sind diese Populationen als eigenständig genauso erhaltenswert, auch ohne dass man ihnen einen eigenen Artstatus zugewiesen hat. Etwas was ich nur unterstützen kann (siehe Kommentar zu Turkozan et al., 2010), denn Artbeschreibungen sind etwas abstraktes nur durch unsere menschlichen Kriterien festgelegtes und damit kein objektives, natürliches Kriterium, um einen Erhaltungsstatus oder Überlebensrecht daran fest zumachen. Genauso wie seltene Haustierrassen ein und derselben Spezies durchaus als schützens- und erhaltenswert eingestuft werden. Ja was ist hier in Bezug auf die Haustiere eigentlich der Erhaltungsgrund? Wie Sie sehen lediglich das Wort „selten“! Wir haben also nicht primär das Ziel Lebewesen oder wild lebende Mitgeschöpfe zu erhalten. Ihnen muss schon der allein abstrakt durch uns zugewiesene Status „Selten“ zugebilligt werden können. Mit welchem Recht eigentlich? Nur weil wir eben Prioritäten setzen müssen und nicht alles schützen und erhalten können. Ich denke, wenn wir uns dabei genauso irren wie bei der Beurteilung des Phänomens der Hybridisierung, zudem langsam die wissenschaftliche Erkenntnis reift, dass phylogenetische Stammbäume nur bedingt zu treffen, weil es sich in Wirklichkeit um Evolutionsliniennetze handelt sollten wir durchaus nochmal unser Tun überdenken (Pennisi 2016, Bidmon 2015, siehe auch Kommentar zu: Romiguier et al., 2014).

Literatur

Bidmon, H.-J. (2015): Kommentar zu: Hennessy, E. (2015): The Molecular Turn in Conservation: Genetics, Pristine Nature, and the Rediscovery of an Extinct Species of Galapagos Giant Tortoise. – Annals of the Association of American Geographers 105: 87–104 oder Abstract-Archiv.

Pennisi, E. (2016): Shaking up the tree of life. – Science, 354 (6314): 817–821.

Romiguier, J., P. Gayral, M. Ballenghien, A. Bernard, V. Cahais, A. Chenuil, Y. Chiari, R. Dernat, L. Duret, N. Faivre, E. Loire, J. M. Lourenco, B. Nabholz, C. Roux, G. Tsagkogeorga, A. A.-T. Weber, L. A. Weinert, K. Belkhir, N. Bierne, S. Glémin & N. Galtier (2014): Comparative population genomics in animals uncovers the determinants of genetic diversity. – Nature 515: 261–263 & 9 S. Supplements oder Abstract-Archiv.

Turkozan, O., F. Kiremit, J. F. Parham, K. Olgun & E. Taskavak (2010): A quantitative reassessment of morphology-based taxonomic schemes for Turkish tortoises (Testudo graeca). – Amphibia-Reptilia 31 (1): 69–83 oder Abstract-Archiv.

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