Delaney, D.M. & F. J. Janzen (2020): Risk-sensitive maternal investment: an evaluation of parent offspring conflict over nest site choice in the wild. – Animal Behaviour 163: 105-113.

Eine risikoanfällige mütterliche Investition: Eine Evaluation zum Eltern-Nachkommen-Konflikt in Bezug zur Nistplatzwahl in der Wildnis.

DOI: 10.1016/j.anbehav.2020.03.004

Chrysemys picta – © Hans-Juergen Bidmon
Zierschildkröte, Chrysemys picta
© Hans-Juergen-Bidmon

Elterntiere erhöhen die Fitness ihres Nachwuchses, in dem sie ihre Ressourcen investieren. Allerdings sind solche Investitionen für die Eltern kostspielig und führen zu einer Abwägung die dazu führen können das die Weibchen mit zunehmendem Altem mehr in die Reproduktion investieren da die Möglichkeit für zukünftige Reproduktionsmöglichkeiten abnimmt. Nester von aquatisch lebenden Schildkröten die weiter vom Wasser entfernt abgelegt werden haben höhere Überlebensraten als jene die näher am Wasser abgelegt wurden, weil die Nestplünderer meist entlang von Uferrändern nach Gelegen suchen. Für die adulten Weibchen selbst erhöht sich aber mit zunehmender Entfernung vom Wasser das Risiko terrestrischen Beutegreifern anheim zu fallen. Somit müssen die Weibchen eine Risikoabwägung durchführen die zwischen der Investition in den Nachwuchs und der mütterlichen Überlebenschance einen Ausgleich schafft. Um nun auszutesten ob sich die Investitionsabwägung in Abhängigkeit zu einer bedrohlichen Risikoerfahrung bei den Weibchen verändert setzten wir 30 Zierschildkröten, Chrysemys picta einer simulierten Gefahr aus indem wir sie kurz nach beginnender Nisthöhlenausgrabung kurzzeitig einfingen und festhielten. Anschließend ließen wir sie frei was dazu führte, dass sie zurück ins Wasser flüchteten. Wir beobachteten dann wie sie erneut zurück ans Land gingen und wir ließen sie nun völlig ungestört einen Nistplatz zur Eiablage suchen und anlegen. Wir verglichen dann die Entfernungen zum Wasser die für den ersten Nistplatz genutzt wurden mit jenen die für die Anlage des zweiten Nests nach der simulierten Bejagung gewählt wurden. Für uns unerwartet wählten die Weibchen auch nach der risikoreichen Beutegreifererfahrung keine unterschiedlichen Entfernungen. Trotzdem ergab sich, dass die Nistplätze die nach der risikoreichen Erfahrung gewählten Zweitnistplätze häufiger geplündert wurden als die ursprünglich gewählten Erstnistplätze. Somit konnten wir vermutlich nur feststellen, dass die Weibchen ihre Zweitnistplatzwahl auf eine Weise trafen die wir mit den bisherigen Methoden nicht quantitativ erfassen konnten. Zusätzlich beobachteten wir, dass ältere Weibchen fast doppelt so weit vom Wasser entfernt ablegten wie jüngere Weibchen, aber wir fanden keine Anhaltspunkte dafür, dass das Alter einen Einfluss auf die mütterliche Reaktionsweise hat die man nach einem simulierten Beutegreiferangriff beobachten kann. Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass eine risikoreiche Beutegreifererfahrung der Mütter trotzdem die Nistplatzwahl dahingehend beeinflusst, dass darunter die Überlebensfähigkeit der Nachkommen von C. picta abnimmt. Zusätzlich liefern wir eine seltene Erhebung dazu wie plastisch (veränderbar) sich das mütterliche Investitionsverhalten über die reproduktive Lebensphase hinweg gestaltet.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hier handelt es sich sicher um eine sehr interessante Beobachtung, die auch darauf verweist wie wichtig eine ungestörte und damit wohl optimale Nistplatzwahl für das Überleben von Populationen ist. Letzteres ist sicher ein wichtiger Punkt zur Berücksichtigung und Planung von Erhaltungsmanagementmaßnahmen. Allerdings erscheint mir das eigentliche Ziel der Studie und dessen unerwarteter Ausgang gar nicht so unerwartet. Denn wenn man einmal davon ausgeht, dass die Mütter für ihren Nachwuchs die bestmögliche Nistplatzauswahl realisieren wollen, dann sollte es fast logisch sein, dass der zuerst gewählte Nistplatz innerhalb des zur Verfügung stehenden Areal der Beste sprich die erste Wahl gewesen sein dürfte. Wenn diese Muttertiere, dann aber die Erfahrung machen, dass wider Erwarten diese erste Wahl doch erfahrbare Gefahren birgt, dann bleibt ihnen eigentlich nur eine zweite Wahl, ob aber für diese dann wirklich innerhalb eines zur Verfügung stehenden Areals eine gleiche hohe optimale Überlebenschance gegeben ist bleibt fraglich, denn es war eigentlich nur die zweite Wahl die nur bezüglich des Faktors Entfernung vom Wasser gleiche Bedingungen bietet aber ansonsten wohl aus bisher noch nicht ganz klar erfassten Gründen nur eine Ersatzalternative darstellt die ja eigentlich vorher von den Müttern schon ausgeschlossen worden war. Insofern belegt diese Beobachtungsbeschreibung aus meiner Sicht mal wieder ganz deutlich nicht nur wie plastisch oder adaptiv sich solche Schildkröten (Reptilien) verhalten können, sondern auch wie sorgfältig und vorausschauend sie eigentlich versuchen den optimalsten Nistplatz zu wählen (siehe dazu auch die Kommentare zu Roth et al., 2020; Brito et al. 2020) und die dort zitierte Literatur), denn auch hier wird deutlich, dass sie Entscheidungen treffen die eigentlich Ereignisse betreffen die noch in der Zukunft liegen und einen wesentlichen Einfluss für die zukünftigen Nachkommen haben. Des Weiteren sollte uns diese Studie darauf hinweisen wie wichtig eine optimale (Best choice) Nistplatzwahl für das Überleben einer Population ist und gleichzeitig lernen wir, dass die Tiere bei Gefahr sich adaptiv verhalten. Was wir nicht wissen sind die Faktoren nach denen sie eine sogenannte „Optimale – Wahl“ treffen. Hier stellt sich dann die Frage, wie viel Erfahrung ist dazu notwendig, denn es bleibt fraglich, ob zum Beispiel Mütter die aus einem Headstart-Programm stammen oder die umgesiedelt wurden diesbezüglich gleiche Fähigkeiten mitbringen würden? Sicher können sie lernen und sich adaptiv anpassen, nur wie lange würden sie dazu brauchen oder welche Chancen haben sie, wenn ihnen keine optimalen Mikrohabitate mehr dafür zur Verfügung stehen und wir, wie die obige Studie zeigt, die Faktoren die für einen optimalen (Best choice) Nistplatz notwendig wären noch gar nicht kennen? Denn es zeigt sich hier ganz deutlich, dass das System der optimalen Nachwuchsfürsorge wesentlich komplexer zu sein scheint und sich nicht wie ursprünglich erwartet auf die reine Entfernungswahl beschränken lässt. Letztendlich, auch ohne kritisieren zu wollen, zeigt die Studie auch wie beschränkt und erkenntnisarm unsere menschliche Beurteilung der Lage war und in vielen Fällen wahrscheinlich auch noch ist.

Literatur

Brito, C., S. T. Vilaça, A. L. Lacerda, R. Maggioni, M. Â. Marcovaldi, G. Vélez-Rubio & M. C. Proietti (2020): Combined use of mitochondrial and nuclear genetic markers further reveal immature marine turtle hybrids along the South Western Atlantic. – Genetics and molecular biology 43(2): e20190098 oder Abstract-Archiv.

Roth, T. C. II, M. Rosier, A. R. Krochmal & L. Clark (2020): A multi‐trait, field‐based examination of personality in a semi‐aquatic turtle. – Ethology 126(8): 851-857 oder Abstract-Archiv.

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