Berardo F., M. L. Carranza, L. Frate, A. Stanisci & A. Loy (2015): Seasonal habitat preference by the flagship species Testudo hermanni: Implications for the conservation of coastal dunes. – Comptes Rendus Biologies. doi: 10.1016/j.crvi.2015.03.002.

Saisonale Habitatvorlieben für eine Leitart, Testudo hermanni: Auswirkungen für die Erhaltung der küstennahen Dünen.

In dieser Studie untersuchten wir ob, wie und wann die in der Habitatrichtlinie der Europäischen Union (EU sensu Habitats Directive 92/43/CEE) geführten Habitate von einer der Leitarten wie Testudo hermanni genutzt werden. In diesem Fall für einen gut erhaltenen küstennahen Dünenlebensraum der italienischen Halbinsel. Es wurden Radiotelemetriedaten in Kombination mit einer Mikroerfassung der Vegetationsverteilung dazu benutzt um folgende Fragen zu beantworten: (a) ob jedes EU-Habitat von den Griechischen Landschildkröten unterschiedlich genutzt wird? (b) Gibt es saisonale Unterschiede im Muster der Habitatnutzung? (c) Welchen Beitrag leistet jedes Habitat für die Aufrechterhaltung der ökologischen Gesamtvoraussetzung die die Landschildkröten benötigen? Neun Schildkröten wurden mit Radiotransmittern bestückt und während der gesamten Aktivitätsperiode überwacht. Die acht EU-Habitate die in der Untersuchungsregion vorhanden waren wurden ebenfalls überwacht und mittels der GIS-Technologie kartiert. Die saisonal bevorzugte Nutzung oder die Vermeidung wurde für jedes Habitat dadurch getestet, dass wir sie miteinander verglichen wozu wir Bootstrap–Tests heranzogen, wobei die Habitatanteile die benutzt wurden (piTh) mit den Anteilen der vorhandenen Habitate in der Gesamtlandschaft (piL) in Beziehung gesetzt wurden. Die Analyse von 340 räumlichen Zuordnungen (Lokalitäten) ergaben eine herausragende Bevorzugung für Cisto-Lavanduletalia Dünen mit Sclerophyllous-Gebüsch (EU-Habitat-code 2260) und eine saisonale Auswahl von Habitaten mit Juniperus macrocarpa-Sträuchern (EU code 2250*), bewaldete Dünen mit Kieferbeständen Pinus (EU code 2270) sowie ein Dünenmosaik aus welchen mit Grasflächen und welchen mit Sclerophyllous–Gebüsch (EU codes 2230, 2240, 2260). Die saisonalen Unterschiede in den Habitatpräferenzen wurden im Hinblick auf die unterschiedliche Nahrungsverfügbarkeit, Thermoregulationsmöglichkeiten und Reproduktionsbedingungen die sie den Schildkröten bieten interpretiert. Unsere Ergebnisse belegen den hohen ökologischen Wert der EU küstennahen Dünenhabitate und wir liefern Belege für einen Prioritätensetzung bei den Erhaltungsbemühungen für solche Ökosysteme.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Die Arbeit enthält hilfreiche Tabellen schematische Darstellungen für die Dünenvegetation. Sicherlich sind die pflanzensoziologischen Fachbegriffe für diese Pflanzengesellschaften nicht für jeden Nicht-Botaniker sofort verständlich, aber letztendlich kann man das auch nachschlagen und es kommt dabei im Wesentlichen gar nicht auf alle Einzelheiten an, denn was die Autoren hier herausgearbeitet haben ist vielen schon bekannt (siehe Del Vecchio et al., 2011). Die Schildkröten wählen die Habitate nach ihrem jahreszeitlichen Nahrungsangebot und auch hier wird darauf verwiesen kommt es darauf an zu welcher Zeit welche Pflanzen blühen (siehe auch Loehr, 2006) als weiteres wichtiges Kriterium für die Habitatauswahl fungiert die Notwendigkeit zur Thermoregulation die die Erklärung dafür liefert warum die stark von Sträuchern bedeckten bzw. bewaldeten Dünen während der heißesten Jahres- und Tageszeiten gewählt werden (siehe auch Bidmon, 2013) und drittens brauchen auch die Gelege eine entsprechende Beschattung um nicht zu überhitzen (siehe dazu auch Diaz-Paniagua et al., 2006). Die Autoren stellen hier auch speziell den Küstendünenschutz in den Vordergrund ihrer Überlegungen, da Küsten überall im Mediterranraum besonders bedroht sind und zwar nicht nur durch die menschliche Nutzung sondern auch durch Erosion wobei letztere mit dem Klimawandel zunehmen soll. Dies zeigt aber auch wie begrenzt unsere Möglichkeiten zur Erhaltung solcher Habitate sind, denn die Küstenerosionen können wir bestenfalls etwas verlangsamen aber nie ganz stoppen. Das heißt hier werden den Schildkrötenpopulationen auch so natürliche Anpassungsleistungen an Veränderungen abverlangt (siehe Bidmon 2014). Allerdings finde ich es dabei tröstlich, dass solche natürlichen Küstenerosionen schon immer stattfanden und nie dazu führten, dass solche Habitate ganz verloren gingen, da der Sand an anderer Stelle meist wieder angespült wird wo sich neue Dünenhabitate bilden. Da aber landbewohnende Spezies die nicht zu den Vögeln zählen solche neuen Habitate meist gezielt nur auf dem Landweg neu besiedeln können kommt es auch zunehmend auf die Konnektivität (Lee, 2011) an die es aufrechtzuerhalten gilt und zwar nicht nur in Bezug auf der Mikrovegetationsskala sondern langfristig auch auf einer Makroskala.

Literatur

Bidmon, H.-J. (2013): Schildkröten in den Dünen entlang des Ropotamo: Ein Lebensraum geprägt von ausgiebigem Morgentau zwischen Sand und Eichenlaub. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 10 (1): 25–34.

Bidmon, H.-J. (2014): Kommentar zu: Golubovic, A., M. Andjelkovic, D. Arsovski, A. Vujovic, V. Ikovic, S. Djordjevic & L. Tomovic (2014): Skills or strength-how tortoises cope with dense vegetation? – Acta Ethologica 17: 141–147 oder Abstract-Archiv.

Del Vecchio, S., R. L. Burke, L. Rugiero, M. Capula & L. Luiselli (2011): The turtle is in the details: microhabitat choice by Testudo hermanni is based on microscale plant distribution. – Animal Biology 61: 249–261 oder Abstract-Archiv.

Diaz-Paniagua, C., A. C. Andreu & C. Keller (2006): Effects of temperature on hatching success in field incubating nests of spur-thighed tortoises, Testudo graeca. – Herpetological Journal 16 (3): 249–257 oder Abstract-Archiv.

Lee, H. (2011): Climate change, connectivity, and conservation success. – Conservation Biology, 25: 1139–1142 oder Abstract-Archiv.

Loehr, V. J. T. (2006): Natural diet of the namaqualand speckled padloper (Homopus signatus signatus). – Chelonian Conservation and Biology 5 (1): 149–152 oder Abstract-Archiv.

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