Aiello, C. M., T. C. Esque, K. E. Nussear, P. G. Emblidge & P. J. Hudson (2019): The slow dynamics of mycoplasma infections in a tortoise host reveal heterogeneity pertinent to pathogen transmission and monitoring. – Epidemiology and Infection 147: E12.

Die langsamen Dynamiken der Mycoplasmainfektionen bei Landschildkröten als Wirtstiere verweisen auf eine Heterogenität in Bezug zur Pathogenübertragung und in Bezug zur Erfassung.

DOI: 10.1017/S0950268818002613

Die Epidemiologie von Infektionskrankheiten hängt von vielen Charakteristiken zur Krankheitsausbreitung ebenso ab wie von der Konstanz dieser Prozesse für verschienste Wirte. Longitudinale Studien zur Infektion können deshalb Informationen zur Überwachung und für das Management liefern, sind aber schwierig durchführbar bei wildlebenden Tieren insbesondere wenn es sich dabei um sehr langlebige Wirtsspezies mit persistierenden Infektionen handelt. Zahlreiche Schildkrötenarten mit Erhaltungsrelevanz können von pathogenen Mycoplasmen infiziert werden, die bei ihnen eine sogenannte Obere-Atemwegserkrankung (URTD) auslösen. Trotzdem fehlt bis heute eine detaillierte Beschreibung wie Schildkröten auf Mycoplasmainfektionen reagieren was unser Wissen welche Rolle URTD für die Ökologie der Wirtsspezies spielt einschränkt. Wir überwachten die Erstinfektion mit Mycoplasma agassizii bei 14 Wüstenschildkröten in Gefangenschaftshaltung und wir charakterisierten dabei die klinischen Anzeichen für Erkrankungen, für die Infektionsintensität der Erregerausscheidung und der Antikörperproduktion über 4 Jahre nach dem Erstkontakt mit infizierten Wirtstieren. Persistierende Infektionen etablierten sich bei allen Landschildkröten während der ersten 10 Wochen. Allerdings zeigten die Wirtsschildkröten unterschiedliche individuelle Resistenzen die sich auf das Muster der Erregerausscheidung und auf das Muster der Krankheitssymptome auswirkte. Die Verzögerungen bei der Immunantwort der Wirte und dem Auftreten von klinischen Krankheitsanzeichen sowie bei der Infektionsintensität im Zeitverlauf, resultierten in einer Inkonsistenz beim Einsatz der verschiedenen Techniken zum diagnostischen Nachweis und deren Zuverlässigkeit über die gesamte Studienzeit hinweg. Wir diskutieren die Konsequenzen dieser Ergebnisse für die Epidemiologie von URTD und für frühere und zukünftige Forschungsarbeiten zur Erfassung der Erkrankungsprävalenz und Dynamik bei Landschildkrötenpopulationen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine sehr interessante Arbeit die für mein Wissen erstmals Daten über genaue individuelle Krankheitsverläufe für Mycoplasmainfektionen bei Landschildkröten liefert, die in natürlich bepflanzten großen Freilandgehegen gehalten wurden. Als wesentliches Charakteristikum sollte einem bewusst werden, dass alle 14 Schildkröten persistente Träger der Infektion waren. Nur ein Tier verstarb wenige Monate nach der Infektion im ersten Jahr. Bei allen Tieren nahm die Infektionsintensität bis zur 43. Woche nach Ansteckung exponentiell zu, wobei bis dahin auch 86% der Individuen unter Nasenausfluss litten. Aber nur 5 Schildkröten zeigten Nasenausfluss und nur 3 zeigten schwerere Krankheitssymptome. Wir beobachteten bei 3 Schildkröten von Beginn an nur leichte Symptome und bei 5 moderate bis schwere Symptome die etwa 1-2 Jahre anhielten. Alle Schildkröten schieden im ersten Jahr nach Infektion Mycoplasmen aus. Sieben der Tiere stellten aber die Ausscheidung von Mycoplasmen ein und zwar die ersten nach der 44. Woche nach Ansteckung und die letzten nach der 194. Woche. Nach den 4 Jahren kam es bei 5 Tieren mit dem Nasenausfluss noch zur Ausscheidung von Mycoplasmen. In Bezug auf die quantitativen PCR-Nachweise zeigten 9 von 13 noch lebenden Tieren eine Abnahme bei der Infektionsintensität die aber während 2015 konstant blieb und bei 5 ergab sich eine weitere Absenkung der Anzahl nachweisbarer Kopien während 2016. Für diese 5 Tiere ließen sich in den meisten Proben keine Mycoplasmen nachweisen und nur sporadisch trat nochmal ein schwach positiver Befund auf der zeigte, dass sie noch infiziert waren. Die meisten qPCR-Nachweise blieben aber negativ. Die Anzahl der nachgewiesenen PCR-Kopien für alle Individuen schwankte zwischen 68 und 14727. Somit ergaben sich zum Ende der Studie 3 Gruppen. Eine mit hoher Befallsintensität bestehend aus 4 Tieren (31%), einer mit moderater schwankender Intensität mit ebenfalls 4 Tieren (31%) und einer mit hoher Resistenz und so gut wie nicht nachweisbarer Befallsintensität bei 5 Individuen (38%). Diese Studie verdeutlicht, dass Schildkröten mit Nasenausfluss durchaus Träger von Mycoplasmen sein können, auch wenn selbst quantitative PCR – Anallysen einen negativen Befund ausweisen. Allerdings sind solche Tiere dann auch kaum noch ansteckend es sei denn sie werden durch eine Immunschwäche oder Stress von einem Intensitätsanstieg erneut ergriffen. Letzteres bedeutet aber für die Praxis; dass man eigentlich nie ganz sicher sein kann, dass Neuzugänge trotz vorheriger veterinärmedizinischer Untersuchung wirklich frei von Mycoplasmen sind. Deshalb bleibt wohl die einzige realistische Möglichkeit sich einen mycoplasmafreien Bestand aufzubauen die Aufzucht von Schlüpflingen direkt nachdem Schlupf, denn Mycoplasmen übertragen sich nicht auf die Eier und Schlüpflinge sind auch dann frei von Mycoplasmen wenn sie im Antikörpertest positiv reagieren, weil sie die Information zur Bildung spezifischer Antikörper von ihren Eltern geerbt haben (siehe Hunter et al., 2008). Allerdings unterscheidet sich diese Antikörperklasse von jener der sogenannten Akutantikörper wie sie bei Erstinfektion induziert werden.

Literatur

Hunter, K. W. Jr., S. A. Dupré, T. Sharp, F. C. Sandmeier & C. R. Tracy (2008): Western blot can distinguish natural and acquired antibodies to Mycoplasma agassizii in the desert tortoise (Gopherus agassizii). – Journal of Microbiological Methods 75 (3): 464-471 oder Abstract-Archiv.

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