Stanford - 2022 - 01

Stanford, C. B., J. B. Iverson, A. G. J. Rhodin, P. P. van Dijk, R. A. Mittermeier, G. Kuchling, K. H. Berry, A. Bertolero, K. A. Bjorndal, T. E. G. Blanck, K. A. Buhlmann, R. L. Burke, J. D. Congdon, T. Diagne, T. Edwards, C. C. Eisemberg, J. R. Ennen, G. Forero-Medina, M. Frankel, U. Fritz, N. Gallego-García, A. Georges, J. W. Gibbons, S. P. Gong, E. V. Goode, H. T. Shi, H. Hoang, M. D. Hofmeyr, B. D. Horne, R. Hudson, J. O. Juvik, R. A. Kiester, P. Koval, M. Le, P. V. Lindeman, J. E. Lovich, L. Luiselli, T. E. M. McCormack, G. A. Meyer, V. P. Páez, K. Platt, S. G. Platt, P. C. H. Pritchard, H. R. Quinn, W. M. Roosenburg, J. A. Seminoff, H. B. Shaffer, R. Spencer, J. U. Van Dyke, R. C. Vogt, A. D. Walde (2020): Turtles and Tortoises Are in Trouble. – Current Biology 30(12): R721-R735.

Wasser- und Landschildkröten in Gefahr.

DOI: 10.1016/j.cub.2020.04.088 ➚

Wasser- und Landschildkröten (Chelonia) waren integrale Bestandteile von globalen Ökosystemen für über 220 Millionenjahre und sie spielten eine wichtige Rolle für menschliche Kulturen für über 400.000 Jahre.
Der Schildkrötenpanzer ist eine bemerkenswerte evolutionäre Anpassung der den Überlebenserfolg sowohl an Land, im Süßwasser wie auch im Meer fördert. Heute sind mehr als die Hälfte der 360 noch lebenden Arten sowie die 482 Gesamttaxa (Arten und Unterarten) durch ein Aussterberisiko bedroht. Dies allein platziert die Chelonia in die Gruppe der Tiere mit dem höchsten Aussterberisiko im Vergleich mit den vielen anderen bedrohten und diesbezüglich. erfassten vierfüßigen Taxa (Tetrapoden). Schildkrötenpopulationen nehmen derzeit rasch ab bedingt durch den Habitatverlust, den menschlichen Verzehr als Nahrung oder Gebrauch in der traditionellen Medizin sowie durch Absammeln für den internationalen Tierhandel. Viele der Taxa könnten noch in diesem Jahrhundert verschwinden. Hier beleuchten wir die Überlebensgefährdungen für Wasser- und Landschildkröten und diskutieren die möglichen Einflussnahmen die notwendig wären, um dieses weitreichende Auslöschen für diese Tiergruppen in den anstehenden Jahrzehnten zu verhindern.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dieser umfassende Übersichtsartikel adressiert wieder einmal mehr die altbekannten Probleme die der Erhaltung vieler Schildkrötentaxa entgegenwirken. Da diese Probleme allerdings schon so lange bekannt sind und auch immer wieder öffentlich adressiert wurden (siehe z. B. Gibbons et al., 2000; Gibbons & Lovich, 2019; Lovich et al., 2018 und die dortigen Kommentare) ja und davon sind ja nicht nur Schildkröten betroffen (z. B. Gibson et al., 2013; Hanski et al., 2013). Deshalb war ich eher zurückhaltend, da man insofern seit Jahren den Eindruck hat, dass anstatt an der Situation etwas zu ändern sich nur die Titel dieser Reviewartikel leicht verändern. Sicher das klingt zynisch und viele der obigen Autoren setzen sich auch aktiv für den Erhalt und die Erholung der Schildkrötenbestände weltweit ein, wobei auch neue und vor wenigen Jahren noch kaum denkbare Wege der Erhaltung erstmals eingesetzt werden wie Umsiedlungen oder Wiederansiedlungsprojekte die es bestimmten Arten ermöglichen sollen neue Ausweichlebensräume zu finden um ihnen ein Überleben zu Zeiten eines fortschreitenden Klimawandels zu ermöglichen. Ebenso werden die neuen Erkenntnisse in Bezug zur Bedeutung von Genfluss und Konnektivität versucht zu berücksichtigen, aber gerade dabei muss man sagen sprechen wir dann meist von einer gemanagten Erhaltung. Auch dieser Übersichtsartikel erörtert in ausführlichen Unterkapiteln wieder die einzelnen relevanten Faktoren: Wie die Ursachen für das Aussterberisiko, Habitatverlust und Verschlechterung, den Verzehr von Schildkröten oder deren Eier, den Einfluss invasiver Arten, das Absammeln der Bestände für den Liebhaberhandel und die traditionelle Medizin und den Klimawandel (wobei aber meist einseitig nur die Aridifizierung behandelt wird). Im Gegenzug kommen dann Kapitel wie das Vorgehen gegen das Aussterberisiko durch Habitatschutz, die Kultur der Schildkrötennutzung, Tierhandel und Nachzucht in Gefangenschafts sowie wie die oben schon angesprochen innovativen Erhaltungsmethoden. Alle diese Punkte wurden schon des Öftern hier im Archiv und bei der Wissenschaft im Fokus meist in Bezug zu den jeweiligen Orginalarbeiten auf vielfältige Weise diskutiert, weshalb ich eigentlich auch etwas zurückhaltend war diesen Artikel sofort vorzustellen, denn wem helfen immer wieder „wiederholte Vorstellungen“ (z. B. Mothes et al., 2020, Santos & Fiori, 2020). Allerdings ist es wohl einmal wieder gerade vor der derzeitigen politischen Lage an der Zeit darauf hinzuweisen. Sicher vielleicht sagen jetzt auch etliche, dass selbst wir hier in Europa seit dem Überfall auf die Ukraine andere Sorgen haben als uns um Arterhaltung oder speziell um Schildkrötenschutz zu kümmern! Da wäre es wohl doch besser sich um die Verlagerung menschengemachter Panzer zu bemühen als um Carapaxträger. Ja und selbst die Liebhaber solcher Carapaxträger werden zumindest hierzulande aufgrund der nach oben galoppierenden Energiepreise über die Weiterführung ihres Hobbies oder die zukünftigen Möglichkeiten der Erhaltung von Nachzuchtprogrammen nachdenken. Auch die Politik setzt nun wieder andere Prioritäten, wobei selbst so als menschheitsbedrohende Themen wie die Maßnahmen gegen den Klimawandel wieder auf die lange Bank geschoben werden, obwohl politisch gewollte und finanzierte Wissenschaft gerade diese Woche wieder darauf verweist, dass zum Umsteuern keine Zeit mehr bleibt und die bislang geplanten aber noch nicht umgesetzten Maßnahmen bestenfalls eine Erwärmung um auf +2 °C begrenzen würden (siehe Meinhausen et al., 2022). Alle plädieren auch wieder gegen Globalisierung und globale Energieabhängigkeit obwohl nur letztere wohl langfristig die einzige ernstzunehmende Alternative wäre um eine Energieversorgung für alle zu gewährleisten. Warum? Na, weil es eine nördliche und eine südliche Hemisphäre mit gegenläufigen Sommer- und Winterzeiten gibt und selbst, wenn wir von den wegen der umweltschädigenden Akkuproduktion auf Wasserstoff umsteigen wollen werden wir aus Umweltaspekten die nötige Sonnenenergie immer nur dort produzieren können wo die Sonne gerade scheint. Letzteres würde langfristig bedeuten, dass wir hier im Winter auf die Südhalbkugel setzen müssten. Davon sind wir alle abhängig egal ob es langfristig um die EU, Amerika, Russland oder China geht. Das wir weitgehend auch alle zusammengehören selbst dann, wenn wir uns je nach ethnischer Zugehörigkeit unterscheiden (wollen) führt uns ja gerade die derzeitige Pandemie eindeutig vor Augen (siehe die Kommentare zu Mothes et al., 2020, Santos & Fiori, 2020; Szabo et al., 2020). Für Deutschland und Europa haben Merkel und Steinmeier auf solche globalen humanistischen Zielsetzungen moderner Nationen uneigennützig gesetzt wofür sie heute von vielen als blauäugig kommentiert werden. Allerdings sollte es eigentlich doch wohl eher unser Bestreben sein sich von egomanen narzisstischen, nationalistischen, rassistischen und an Selbstbereicherungswahn leidenden Volksvertretern allein schon aus Gründen der Erhaltung einer nachhaltigen Überlebensgrundlage zu trennen. Wobei wir auch darauf achten sollten, dass demokratisch gewählte Regierungen auch regieren sollten und sich nicht wie so oft in der Vergangenheit von Wirtschaftslobbisten treiben lassen sollten denn, wenn dem nicht so gewesen wäre hätten wir vielleicht schon einen Teil der Klimakrise abgewendet und wären auch schon unabhängiger von fossilen Energieträgern. Vor weniger als zwei Jahren wurden selbst Gasheizungen noch als billigste Energieproduktions- und Heizmethode angepriesen, wohl wegen der Konzerne und den politisch gewollten Gewerbesteuereinnahmen, obwohl man auch da schon sehen konnte, dass damit die Klimaziele bis 2038 trotz Kohleausstieg nicht zu erreichen gewesen wären. Um es mal zynisch auszudrücken sollten wir einsehen, dass es ohne ein radikaleres globales Umdenken in Zukunft sinnlos sein dürfte weiter solche mahnenden Übersichtsartikel zu verfassen, da sie sehr wahrscheinlich immer weniger im Sinne des Biodiversitätserhalts einschließlich unserer eigenen Zukunft etwas bewirken dürften! Man hat eher den Eindruck, dass Biodiversitätsverlust eine zwar unausgesprochene aber im Hinterkopf politisch und marktwirtschaftlich akzeptierte Realität ist die nur insoweit Berücksichtigung findet, wenn sie dem Machterhalt und den Finanzinteressen dienlich sein kann.

Literatur

Cohen, J. I. & H. Mark (2021): „Real-World“ Experience: Consequences of Anthropocene Extinctions & Biodiversity Declines. – The American Biology Teacher 83(6): 387–394 oder Abstract-Archiv.

Gibbons, J. W. & J. E. Lovich (2019): Where Has Turtle Ecology Been, and Where Is It Going? – Herpetologica 75(1): 4-20 oder Abstract-Archiv.

Gibbons, J. W., D. E. Scott, T. J. Ryan, K. A. Buhlmann, T. D. Tuberville, D. S. Metts, J. L. Greene, T. Mills, Y. Leiden, S. Poppy & C. T. Winne (2000): The Global Decline of Reptiles, Déjà Vu Amphibians:
Reptile species are declining on a global scale. Six significant threats to reptile populations are habitat loss and degradation, introduced invasive species, environmental pollution, disease, unsustainable use, and global climate change. – BioScience 50(8): 653-666; DOI: 10.1641/0006-3568(2000)050[0653:TGDORD]2.0.CO;2 ➚.

Gibson, L., A. J. Lynam, C. J. A. Bradshaw, F. L. He, D. P. Bickford, D. S. Woodruff, S. Bumrungsri & W. F. Laurance (2013): Near-Complete Extinction of Native Small Mammal Fauna 25 Years After Forest Fragmentation. – Science 341: 1508-1510; DOI: 10.1126/science.1240495 ➚.

Hanski, I., G. A. Zurita, M. I. Bellocq & J. Rybicki (2013): Species–fragmented area relationship. – Proceedings of the Natural Academy of Science U S A. 110 (31): 12715-12720; DOI: 10.1073/pnas.1311491110 ➚.

Lovich, J., J. R. Ennen, M. Agha & J. W. Gibbons (2018): Where Have All the Turtles Gone, and Why Does It Matter? – BioScience 68(10): 771-781 oder Abstract-Archiv.

Meinshausen, M., J. Lewis, C. McGlade, J. Gütschow, Z. Nicholls, R. Burdon, L. Cozzi & B. Hackmann (2022): Realization of Paris Agreement pledges may limit warming just below 2 °C. – Nature 604: 304-309; DOI: 10.1038/s41586-022-04553-z ➚.

Mothes, C. C., H. J. Howell & C. A. Searcy (2020): Habitat suitability models for the imperiled wood turtle (Glyptemys insculpta) raise concerns for the species’ persistence under future climate change. – Global Ecology and Conservation 24: e01247 oder Abstract-Archiv.

Santos, C. F. M. dos & M. M. Fiori (2020): Turtles, indians and settlers: Podocnemis expansa exploitation and the Portuguese settlement in eighteenth-century Amazonia. – Topoi Revista de História 21(44): 350-373 oder Abstract-Archiv.

Szabo, B., D. W. A. Noble & M. J. Whiting (2020): Learning in non-avian reptiles 40 years on: advances and promising new directions. – Biological reviews of the Cambridge Philosophical Society: 96(2): 331-356 oder Abstract-Archiv.