Santos - 2020 - 01

Santos, C. F. M. dos & M. M. Fiori (2020): Turtles, indians and settlers: Podocnemis expansa exploitation and the Portuguese settlement in eighteenth-century Amazonia. – Topoi Revista de História 21(44): 350-373.

Schildkröten, Indianer und Siedler: Die Ausbeutung von Podocnemis expansa und die portugisischen Ansiedlungen des 18. Jahrhunderts in Amazonien.

DOI: 10.1590/2237-101X02104404 ➚

Arrauschildkröte, Podocnemis expansa, – © Mario Herz
Arrauschildkröte,
Podocnemis expansa,
ein Schlüpfling
© Mario Herz

Während des 18. Jahrhunderts fingen die portugiesischen Siedler in Amazonien tausende von Schildkröten und zerstampften Millionen ihrer Eier. Diese Schildkröten und im speziellen die große Südamerikanische (Arrau-) Flussschildkröte (Podocnemis expansa) lieferten diesen Siedlern zwei ihrer wichtigsten Ressourcen: Fleisch und Öl. Zu diesem Thema gibt es reichhaltige histographische Belege die die Schildkrötenjagd adressieren und auf die Wichtigkeit sowie die soziale Bedeutung und das Ausmaß der die Umwelt betreffenden Dimensionen dieser Praxis in Amazonien während der Kolonialisierung eingehen, die aber bis heute weitestgehend unbeachtet blieben. In dieser Arbeit beziehen wir uns auf die essentielle Schlüsselrolle die die Schildkröten für die Ernährung und für die alltäglichen Bedürfnisse der portugiesischen Siedler im Amazonas-Regenwald spielten und wir beschreiben die Jagdmethoden und das Ausmaß des Kolonialismus auf die Schildkrötenbestände. Diese Schildkröten wurden zur primären Beute für die portugiesischen Siedler, da sie so zahlreich vorhanden waren und weil sie charakteristische Lebens- und Verhaltensweisen hatten die sie zur leichten Beute werden ließen. Obwohl P. expansa dadurch nicht ausgerottet wurde so hatte die Bejagung durch die Portugiesen anhaltende Auswirkungen auf deren Verbreitung und deren Vorkommenshäufigkeit deren Berücksichtigung durchaus auch aus heutiger Sicht gerechtfertigt ist.

Die Schildkrötenverarbeitung in Amazonien. – Zur Verfügung gestellt von Moraes dos Santos, C. F. & M. M. Fiori
Die Schildkrötenverarbeitung in Amazonien.
Zur Verfügung gestellt von
Moraes dos Santos, C. F. & M. M. Fiori

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit hat ein relativ knappes Abstract im Vergleich zu den umfangreichen Schilderungen zur historischen Nutzung von Schildkröten während des 18. Jahrhunderts in Amazonien, wobei auch auf weiter zurückreichende Schilderungen und Zitate eingegangen wird. Gleich zu Beginn möchte ich dabei darauf verweisen, dass die indigenen (einheimischen) Indianer schon immer von diesen Schildkröten abhängig waren, aber damals war deren nachhaltige Nutzung noch durch die religiösen Vorgaben und Traditionen der einzelnen Stämme im Sinne einer nachhaltigen Nutzung geregelt und mit Tabus und Sanktionen belegt (Bidmon, 2004). Erst das Eintreffen der europäischen Eroberer und die Missionierung sorgten für das was dann kam und in dieser Arbeit adressiert wird. Die Einleitung widmet sich zu Beginn den Schwierigkeiten die die ersten portugiesischen Siedler bei ihren Versuchen sesshaft zu werden hatten. Es wird auf die landwirtschaftlichen Versuche eingegangen wie den Gemüseanbau der meist fehlschlug, da bei der Luftfeuchte und den hohen Temperaturen der angepflanzte Kohl noch vor der Ernte verfaulte. Auch viele der mitgebrachten Obstbäume verloren ihre Früchte schon als kleine Fruchtansätze und obwohl das Land mehr als 400 Rinder hätte ernähren können sorgten Parasiten und andere Krankheiten dafür, dass diese Bestandszahl laut den historischen Überlieferungen kaum erhöht werden konnte. Eingeführte Nahrungsmittel aus der alten europäischen Heimat waren teuer. Ja und so baute sich hier eine Siedlergesellschaft auf deren Wohlstand zu dieser Zeit fast ausschließlich auf Schildkröten fußte. Dies war dadurch möglich, da die großen Flussschildkröten bestimmte Voraussetzungen boten, denn sie waren sehr häufig (dazu noch später) sie hatten die Eigenschaft, dass es zu Masseneiablagen während der Trockenzeit auf den Sandbänken kam und die Schildkröten waren sehr groß (laut neuzeitlichen Nachweisen können alte Weibchen bis zu 90 kg Gewicht erreichen) im Schnitt lag aber ihr Gewicht zwischen 25 und 45 kg sodass eine Schildkröte etwa 7 kg Fleisch lieferte. Zudem konnten die Schildkröten über Monate in eingezäunten Tümpeln gehältert werden und große auf den Rücken gelegte Flussschildkröten konnten sich nicht umkehren, so dass man sie einfach lebendig liegen lassen konnte. Letztere Eigenschaften waren für die Siedler und die Ureinwohner wichtig, da man das Fleisch bei diesen klimatischen Bedingungen nicht lagern konnte und somit konnte man die Schildkröten lebend so lagern, dass man ganzjährig auf Frischfleisch zugreifen konnte. Zudem sammelte man die Schildkröteneier in Massen, da die Weibchen meist 95 bis 100 Eier pro Gelege absetzen und sehr große Exemplare auch doppelt so viele ablegen können. Die Schildkröten waren laut den historischen Augenzeugenberichten von Brunelli (1753-1761; zitiert n. Papavero et al., 2010) und Sampaio (1825) damals so häufig, dass sich laut den historischen Berichten zur Nistsaison die Sandbänke und Uferbereiche schwarz verfärbten da sie mit nistenden Schildkrötenweibchen völlig bedeckt waren und im Wasser weitere darauf warteten, einen frei gewordenen Platz zur eigenen Eiablage zu ergattern. Laut Ferreira (1903) lieferten sie die täglichen Fleischrationen, die aus Eiern gemachte Schildkrötenbutter sowie das Öl für die Öllampen und zum Abdichten von Gefäßen und Schiffen und wie jüngste Untersuchungen zeigen haben auch heute Schildkröteneifette gesundheitsfördernde Eigenschaften (Weng et al., 2020). Diese Schilderungen erinnern irgendwie an die meist anekdotischen Berichte von Saenz-Arroyo et al., (2006) über Meeresschildkröten von denen es einem schwerfällt sie zu glauben. Die Autoren liefern aber auch einige eindrucksvolle Beispiele für die Ausbeutung der Bestände während der Nistsaison zu der sowohl die Siedler wie auch meist von portugiesischen offiziellen Stellen angeheuerte Indianer beitrugen und dabei Boots- und Schiffsladungen an Schildkröten und Schildkrötenbutter aufbereiteten und abtransportierten. Laut diesen Berichten legte ein einziger Indianer ca 200 Schildkröten auf den Rücken und die Jäger brachten es auf 50 bis 100 Schildkröten pro Tag. Die Schildkröten wurden in so großer Zahl geschlachtet, dass man während der Regenzeit die ansonsten schlammigen Straßen mit deren Carapax pflasterte. Meist wartete man bis die Weibchen die Eier abgelegt hatten ehe man sie auf den Rücken legte damit sie nicht flüchten konnten. Viele Eier wurden erst etwa 5 Tage in der Sonne angetrocknet ehe man das Öl auskochte. Dieses Öl war zwar dann zum Verzehr als Schildkrötenbutter nicht mehr geeignet, aber es war dickflüssiger und diente für die Öllampen und zum Abdichten von Schiffen. Zur Gewinnung des Öl’s wurden die Eier in Kanus oder Bottiche gefüllt und die ganze Ladung zerstampft, der Brei wurde mit Wasser gemischt und der Sonne ausgesetzt bis das Öl auf der Oberfläche schwamm und abgeschöpft werden konnte. Anschließend wurde es gekocht und in Tongefäßen gelagert. Laut den zitierten Beschreibungen von Bates (1864) der die Situation für den Ort Ega am Fluss Tefe beschreibt wurden jedes Jahr von den Bewohnern während der Nistsaison 8000 Tongefäße mit Schildkrötenöl gefüllt und eingelagert. Zur Füllung eines Gefäßes benötigte man 6000 Schildkröteneier und somit wurden jedes Jahr ca. 48 Millionen Schildkröteneier zerstampft. Wenn man von einer Gelegegröße von 120 Eiern pro Gelege ausgeht waren das die Eier von 400.000 großer Schildkrötenweibchen. Sechstausend dieser ölgefüllten Gefäße wurden exportiert. Es gab auch Berichte von Missionaren, dass man für einen Pot Öl weniger Eier brauchte, aber dennoch waren die Summen immens, insbesondere, wenn man bedenkt, dass das nur lokale Schilderungen sind die nicht alle Siedlungen des Amazonasgebiets mit einbeziehen. Der Priester Alho, Vikar der Stadtkirche von Moreira berichtet 1790 für die Gemeinde am Rio Negro, dass in einem einzigen Jahr 100.000 Tongefäße mit Schildkröteneibutter gefüllt wurden. Diese Beschreibungen werden noch weiter anhand von historischen Berichten ergänzt und weiter ausgeführt, wonach anhand historischer Steuerabgabenlisten schätzungsweise die Gelege von 1 Million Schildkrötenweibchen zu Öl verarbeitet wurden. Eines wird bei diesen Schilderungen auch klar: Auch diese portugiesischen Siedler kannten Wirtschaftskrisen, diese wurden zwar nicht durch einen Bankencrash oder wie derzeit durch einen Virus ausgelöst, sondern durch starke, außergewöhnliche Regenfälle während der Trockenzeit und damit während der Nistsaison der Schildkröten, wenn Überschwemmungen dafür sorgten, dass Eier ganzer Niststrände einfach weggespült wurden. Ich finde es eigentlich sehr gut, dass solche historischen Berichte wieder häufiger in Erinnerung gerufen werden. Sie verdeutlichen uns doch sehr eindrucksvoll was eigentlich durch menschliches Wirtschaften schon auf diesen Planeten von uns verändert und vernichtet wurde. Eigentlich müssten wir ehrfürchtig auf dieses Natursystem blicken, denn sie mussten bislang einiges bis zum sogenannten Zeitalter des Anthropozäns verkraften und dennoch sind sie noch nicht soweit zusammengebrochen, dass sie unser eigenes Überleben bis heute unmöglich gemacht haben.
Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Leser/innen die Schlussgedanken zum Weihnachtsabstractkommentar (siehe Szabo et al., 2020) für übertrieben halten, wenn man bedenkt wie viele Entlassungen z. B. bei der Lufthansa und anderen Unternehmen derzeit anstehen mögen, aber dennoch zeigen uns solche historischen Berichte die Relationen und das was wir anderen Lebewesen auf diesen Planeten schon zugemutet haben (Für Flora und Fauna waren und sind wir vielerorts auch noch heute die Pandemie). In den meisten Fällen töten wir nicht mehr direkt, aber wir roden Land, betonieren zu oder leisten uns Tiere und Pflanzen auch weiterhin als exotischen Luxus (Sachs, 2015; Lenzen et al., 2012; Golden Kroner, et al., 2019) und nicht nur mit der Begründung: Arterhaltung! Die Bemühungen zur Abschwächung der Klimakrise berücksichtigen nur zum kleinsten Teil die Auswirkungen auf andere Lebewesen, sondern haben meist das zukünftige Wohlergehen der Menschheit im Blick und insofern zeigt uns die COVID-19 Krise nur zu deutlich was es bedeutet CO2-Ausstoß und damit fossilen Energieverbrauch zu reduzieren. Es wird auch klar was es für die Politik und die Gesellschaft bedeutet, wenn sie diesen Energieverbrauch abrupt wie zurzeit durch den Shutdown bedingt reduziert. Aber es verweist uns auch gleichzeitig darauf wie notwendig es gewesen wäre schon viel früher mit der Energie- und Verkehrswende zu beginnen anstatt sich von den Lobbyisten der Stromkonzerne und anderer Industrien über Jahre ausbremsen zu lassen. Solche Fehler rächen sich und was wir aus diesem derzeitigen Shutdown lernen sollten ist wohl, dass wir auch nach der COVID-19 Krise schnellst möglich uns ein alternatives Wirtschaften und Urlaubs- sowie Dienst-und Kongressreiseverhalten aneignen sollten. Denn ohne drastische Veränderungen werden wir zwangsläufig auf wahrscheinlich noch schlimmere Krisen zusteuern. Ja und was ich in diesem globalen Zusammenhang noch vermisse ist der Fokus auf die vielen kriegerischen Auseinandersetzung, denn seit langem vermisse ich eigentlich mal eine Hochrechnung oder Abschätzung wie viel an Schadstoff allein schon durch die Produktion von Waffen und bei deren Einsatz in den internationalen Krisengebieten pro Jahr anfällt. Sollten wir als abstrakt in die Zukunft denkende Menschheit wirklich nicht befähigt sein darauf zu verzichten? Wenn man derzeit an grüne Politik in Hessen in Bezug zum Ausbau der A49 denkt bleiben auch schwerwiegende Zweifel.

In diesem Sinne einen guten Rutsch ins deutsche Wahljahr 2021.

Literatur

Alho, C. P. (1819): A Muhraida, ou a conversão, e reconciliação do gentiomuhra. Poema heroico em seis cantos, composto por H. J. Wilkens. Dado á luz, e offerecido ao Ex.mo e Rev. mo Senhor D. Antonio José d’Oliveira, bispo d’Eucarpia, suffraganeo coadjutor, e provisor do Arcebispado de d’Evora, do Conselho de S. Magestade, etc. etc. etc, pelo seu capellão o P. CyprianoPereira Alho, presbytero eborense. – Lisboa: Impressão Regia, 1819.

Bates, H. W. (1864): The naturalist on the river Amazons: a record of adventures, habits od animals, sketches of brazilian and indian life, and aspects of nature under the equator, during eleven years of travel. – Londres: John Murray, 1864.

Bidmon, H.-J. (2004): Vorwort zu: Vinke, T. & S. Vinke (2004): Vermehrung von Landschildkröten: Grundlagen, Anleitungen und Erfahrungen zur erfolgreichen Zucht. – Offenbach (Herpeton Verlag Elke Köhler) S. 4-6.

Brunelli, G. A. De flumine Amazonum. In: Papavero, Nelson; Chiquieri, Abner; Overal, William; Sanjad, Nelson; Mugnai, Riccardo. Os escritos de Giovanni Angelo Brunelli (1722-1804): astrônomo da comissão demarcadora de limites, sobre a Amazônia brasileira. – Belém: Fórum Landi 2011: p. 122-163. Alho, Cristobal de.

Ferreira, A. R. (1903): Memória sobre a Yurara-reté: as tartarugas, que foram preparadas e remettidas nos caixões, n. 1 até n. 7 da primeira remessa. – Archivos do Museu nacional do Rio de Janeiro 12: p. 181-186, 1903.

Golden Kroner, R. E., S. Qin, C. N. Cook, R. Krithivasan, S. M. Pack, O. D. Bonilla, K. A. Cort-Kansinally, B. Coutinho, M. Feng, M. I. Martínez Garcia, Y. He, C. J. Kennedy, C. Lebreton, J. C. Ledezma, T. E. Lovejoy, D. A. Luther, Y. Parmanand, C. A. Ruíz-Agudelo, E. Yerena, V. Morón Zambrano & M. B. Mascia (2019): The uncertain future of protected lands and waters. – Science 364(6443): 881-886 oder Abstract-Archiv.

Lenzen, M., D. Moran, K. Kanemoto, B. Foran, L. Lobefaro & A. Geschke (2012): International trade drives biodiversity threats indeveloping nations. – Nature 486(7401): 109-112 oder Abstract-Archiv.

Sachs, J. D. (2015): The Age of Sustainable Development. – Columbia Univ. Press, pp. 544.

Saenz-Arroyo, A., C. M. Roberts, J. Torre, M. Carino-Olvera & J. P. Hawkins (2006): The value of evidence about past abundance: marine fauna of the Gulf of California through the eyes of 16th to 19th century travellers. – Fish and Fisheries 7(2): 128-146 oder Abstract-Archiv.

Sampaio, F. X. R. de (1825): Diario da viagem que em visita, e correição das povoações da capitania de S. Joze do Rio Negro fez o Ouvidor, e Intendente geral da mesma Francisco Xavier Ribeiro de Sampaio no anno de 1774 e 1775; exornado com algumas noticias geograficas, e hydrograficas da dita capitania, com outras concernentes á historia civil,politica,e natural della, aos uzos, e costumes, e diversidade de nações de indios seus habitadores, e á sua população, agricultura, e commercio. – Lisboa: Typografia da Academia, 1825.

Szabo, B., D. W. A. Noble & M. J. Whiting (2020): Learning in non-avian reptiles 40 years on: advances and promising new directions. – Biological reviews of the Cambridge Philosophical Society: 96(2): 331-356 oder Abstract-Archiv.

Weng, C., Z.-Y. Deng, N. Zhang, Q. Zou, Y.-W. Fan, R. Liu, L.-F. Zhen & J. Li (2020): Lipid profiles of Chinese soft-shell turtle eggs (Pelodiscus sinensis). – Journal of Food Composition and Analysis 94: 103627; DOI: 10.1016/j.jfca.2020.103627 ➚.

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