Preston, V. L., J. M. Vannatta & M. Klukowski (2020): Behavioural and physiological responses to simulated predator-induced stress in the eastern box turtle, Terrapene carolina carolina. – Amphibia and Reptilia 41(3): 387–398.

Verhaltensreaktionen und physiologische Reaktionen in Folge von simulierten durch Beutegreifer induzierten Stress bei östlichen Dosenschildkröten, Terrapene carolina carolina.

DOI: 10.1163/15685381-bja10008

Carolina-Dosenschildkröte, Terrapene carolina – © Hans-Jürgen Bidmon
Carolina-Dosenschildkröte,
Terrapene carolina
© Hans-Jürgen Bidmon

Trotz zweier für Dosenschildkröten charakteristischen, vollwertigen Plastrongelenke gibt es nur wenige Studien über eine quantitative verhaltensmäßige Nutzung dieses Panzerverschlusses beim Zusammentreffen mit Beutegreifern. Deshalb wird oft angenommen, dass sich Dosenschildkröten bei Gefahr einfach in ihren Panzer zurückziehen. Wir erwarteten aber Unterschiede zwischen den Individuen in Bezug zur Nutzung des Panzers und im Bezug zum Einziehen von Kopf und Beinen in den Panzer, denn dieses Zurückziehen könnte wahrscheinlich auch Nachteile mit sich bringen. Wir testeten das Verhalten und die physiologischen Reaktionen bei freilebenden östlichen Dosenschildkröten auf unterschiedlich starke Stimuli wie: Nur beobachten, visuelle Stimulierung, Berührung eines Beins oder ins Bein zwicken bevor das Individuum für kurze Zeit umgedreht wird. Je stärker der Stimulus war desto wahrscheinlicher war es, dass die Schildkröten sich vollständig in den Panzer zurückzogen. Allerdings führte keine der Stimulusintensitäten zu Veränderungen beim Plasmakortikosteronspiegel oder Laktatspiegel. Dies könnte daran liegen, dass die Stimuli zu kurz oder zu mild waren oder dass dies auf die Parasympathikusaktivität zurückzuführen ist. Ebenso könnte es an saisonalen Bedingungen gelegen haben. Nach dem Einfangen und während der Handhabung verschlossen fast alle Schildkröten ihr vorderes Plastron und einige auch ihr hinteres Plastron, aber einige zeigten auch ganz andere Verhaltensweisen wie Beißen und Urinieren. Ältere große Schildkröten konnten ihren Panzer mit größerer Kraft verschließen als jüngere und kleinere Schildkröten. Unsere Ergebnisse zeigen, dass trotz ihres vollständig verschließbaren Panzers, Dosenschildkröten eine graduell abgewogene Reaktion in Folge der unterschiedlichen Gefährdungen zeigen. Letzteres lässt vermuten, dass der vollständige Panzerverschluss für die Tiere „Kosten“ verursacht und deshalb nur bei den stärksten Stimuli eingesetzt wird.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Sicherlich interessante Experimente die auch wieder darauf verweisen, dass die individuellen Schildkröten Persönlichkeitsunterschiede zeigen (siehe Kommentar zu Roth et al., 2020 und die dortige Literatur sowie Allard et al., 2019), denn einige reagieren eben mutiger oder aggressiver auf die unterschiedlichen Stresssituationen. Allerdings werden diese von den Autoren nicht als solche benannt, sondern sie verweisen lediglich auf unterschiedliche Temperamente die sie beobachten konnten. Die Autoren verweisen darauf, dass lediglich visuell wahrnehmbare Störung schon ein leichtes Einziehen des Kopfes auslöste. Bei den beiden Stimuli die mit Berührung einhergingen zeigten sich dann die graduellen Reaktionen bis hin zum kompletten Panzerverschluss, wobei aber alle Tiere innerhalb von 10 min nach der Störung wieder den Panzer geöffnet hatten, aber nur 28% der Exemplare begannen in dieser Zeit schon mit dem Verlassen des Orts an dem sie gestört worden waren. Was zudem erstaunlich ist, ist wohl die Feststellung, dass selbst die stärkste Handhabung der Schildkröten zu keinem signifikanten Anstieg beim Kortikosteronspiegel führte (siehe dazu auch Currylow et al., 2017). Hier scheint es wohl speziesbedingte Unterschiede zu geben und diesbezüglich wäre es interessant zu untersuchen ob Schildkrötenspezies die ihren Panzer verschließen können im Vertrauen auf diesen Schutzmechanismus weit weniger mit einer hormonellen Stressantwort reagieren als Arten die das nicht können. Sicher hat auch Currylow et al. (2017) schon beschrieben, dass es da individuelle Unterschiede in Bezug auf die hormonelle Stressreaktion gibt, aber es wäre schon ein ziemlicher Zufall, wenn man hier nur sehr stressresistente Exemplare im Freiland gefunden hätte.

Literatur

Allard, S., G. Fuller, L. Torgerson-White, M. D. Starking & T. Yoder-Nowak (2019): Personality in Zoo-Hatched Blanding’s Turtles Affects Behavior and Survival After Reintroduction Into the Wild. – Frontiers in Psychology 10:2324 oder in Schildkröten im Fokus 20(1): 22-25, 2020.

Currylow, A. F. T., E. E. Louis & D. E. Crocker (2017): Stress response to handling is short lived but may reflect personalities in a wild, Critically Endangered tortoise species. – Conservation Physiology; DOI:10.1093/conphys/cox008. – oder in Schildkröten im Fokus 15(1): 18-20.

Roth, T. C. II, M. Rosier, A. R. Krochmal & L. Clark (2020): A multi‐trait, field‐based examination of personality in a semi‐aquatic turtle. – Ethology DOI: 10.1111/eth.13030oder Abstract-Archiv.

Galerien

 

Seitenanfang