Pike, D. A. & J. C. Stiner (2007): Sea turtle species vary in their susceptibility to tropical cyclones. – Oecologia 153(2): 471-478.

Meeresschildkröten variieren in Bezug auf die Anfälligkeit gegenüber Zyklonen.

DOI: 10.1007/s00442-007-0732-0

Grüne Meeresschildkröte, Chelonia mydas – © Hans-Jürgen Bidmon
Grüne Meeresschildkröte,
Chelonia mydas,
© Hans-Jürgen Bidmon

Schwerwiegende klimatische Effekte wirken sich auf alle Spezies aus, aber bislang gibt es wenige quantitative Befunde, wie sympatrisch vorkommende Spezies auf solche Situationen reagieren. Wir verglichen die saisonabhängige Reproduktion von sympatrisch nistenden Meeresschildkröten mit der dazugehörigen Anfälligkeit gegenüber tropischen Zyklonen (in dieser Studie benutzen wir den Begriff tropische Zyklone für Tropenstürme und Hurrikane), die aufgrund des globalen Klimawandels in ihrem Schweregrad zunehmen. Stürme senkten signifikant die Reproduktivität der Schildkröten durch eine Reduzierung der Anzahl von Nestern aus denen Schlüpflinge schlüpften und senkten die Anzahl der erfolgreich schlüpfenden Schlüpflinge in den anderen Nestern. Allerdings variierten diese Auswirkungen je nach Spezies. Lederrückenschildkröten (Dermochelys coriacea) beginnen ihre Nistsaison sehr früh im Jahr, so dass deren Schlüpflinge geschlüpft waren, bevor die Saison der Tropenstürme begann, so dass sie nur wenig davon betroffen waren. Unechte Karettschildkröten (Caretta caretta) zeigen eine intermediäre Nistsaison, so dass nur deren sehr spät abgelegten Nester von Sturm-bedingten Salzwasserüberschwemmungen betroffen waren. Suppenschildkröten (Chelonia mydas) nisten als Letzte, und ihre gesamte Nistsaison fällt mit der Sturmsaison zusammen, was dazu führte, dass sie die Mehrheit (79 %) ihrer Nester im September verloren, einer Zeit zu der die Wahrscheinlichkeit für Tropenstürme sehr hoch ist. Weil deren Nistzeit erheblich mit der Sturmsaison überlappt, sind ihre Nester besonders gefährdet, von Salzwasser überflutet zu werden. Eine Zunahme beim Schweregrad tropischer Zyklone könnte den gesamten Reproduktionserfolg von Suppenschildkröten in der Zukunft zunichte machen. Im Gegenzug dazu geht aus der Literatur hervor, dass Unechte Karettschildkröten als Reaktion auf höhere Temperaturen des Oberflächenwassers der Meere in Folge des Klimawandels früher nisten und ihre Nistsaison verkürzen. Letzteres könnte den Reproduktionserfolg von Unechten Karettschildkröten in der Zukunft sogar steigern, denn mehr Nester würden dann noch vor dem Beginn der Sturmsaison schlüpfen. Unsere Daten lassen vermuten, dass sympatrisch nistende Spezies, die die gleichen Niststrände aufsuchen unterschiedlich von Zyklonen betroffen werden, was durch die kleinen zeitlichen Unterschiede in Bezug auf den Beginn ihrer jeweiligen Nistsaison bedingt wird, die eine Schlüsselstellung für ihr Leben haben.

Lederschildkröte, Dermochelys coriacea – © Jeanette Wyneken
Lederschildkröte,
Dermochelys coriacea,
© Jeanette Wyneken

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine Arbeit, die zeigt, wie genau man für die jeweilige Art hinschauen muss, um die Auswirkungen zu erfassen, denn es gibt auch Arbeiten, die nur geringe Effekte beschreiben. Zudem lässt die Arbeit erahnen, an was sich Meeresschildkröten, um zu Überleben, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft anpassen müssen und wie unterschiedlich die jeweiligen Spezies in Bezug auf die Nistsaison betroffen sind. Gerade da macht sich Variabilität in einer Population bezahlt, die wenigen früh ablegenden Suppenschildkröten, die wenn man nur auf die Durchschnittswerte schaut, als Ausreißer gelten würden, scheinen unter solchen Szenarien jene mit dem größten Potential zur Populationserhaltung zu sein. Zieht man aber auch in Betracht, dass Hybridbildung bei Meeresschildkröten zur Biologie dazu gehört (Bowen & Karl (2007): Population genetics and phylogeography of sea turtles. – Molecular Ecology 16(23): 4886-4907 oder Abstract-Archiv; Lara-Ruiz et al. (2006): Extensive hybridization in hawksbill turtles (Eretmochelys imbricata) nesting in Brazil revealed by mtDNA analyses. – Conservation Genetics 7(5): 773-781 oder Schildkröten im Fokus 3(4), 2006), dann kann man sich auch fragen, wie würden sich die Hybriden verhalten, oder würde das genetische Erbe der Suppenschildkröten nicht auch dann für die Zukunft erhalten werden, wenn sich einige Suppenschildkröten-Männchen mit den früher ablegenden Lederrückenweibchen paaren? Ich denke, man kann getrost davon ausgehen, dass solche Dinge schon passiert sind, als unsere eigenen Vorfahren noch nicht mal auf zwei Beinen gingen. Warum sollten wir also heute der Natur ins Handwerk pfuschen? Sicher, dass mag sich jetzt so anhören als sei Hybridbildung oder zumindest Polyandrie auf Teufel komm raus zu favorisieren – dem ist nicht so! Wir sollten aber genau hinschauen, wo und bei welcher Tiergruppe sie zur natürlichen Überlebensstrategie gehören mag. Denn in der Natur gibt es alles, das ist den meisten von Kranichen, Schwänen und etlichen anderen, die in Einehe leben bekannt, und bringt für deren Lebensweise und Reproduktion auch klare Vorteile, allerdings sollte man genauso wertfrei eben auch die anderen Möglichkeiten sehen, und sie bei Erhaltungsmaßnahmen entsprechend berücksichtigen.

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