Moran, K. L. & K. A. Bjorndal (2007): Simulated green turtle grazing affects nutrient composition of the seagrass Thalassia testudinum. – Marine Biology 150(6): 1083-1092.

Simuliertes Beweiden durch Suppenschildkröten beeinflusst die Nahrungszusammensetzung im Seegras Thalassia testudinum.

DOI: 10.1007/s00227-006-0427-9

Grüne Meeresschildkröte, Chelonia mydas – © Hans-Jürgen Bidmon
Grüne Meeresschildkröte,
Chelonia mydas,
© Hans-Jürgen Bidmon

Bevor die Populationen der Suppenschildkröten (Chelonia mydas) durch den Menschen so stark dezimiert wurden, wurde das Seegras Thalassia testudinum sehr intensiv von den Schildkröten in der Karibik abgefressen. Um nun zu untersuchen, wie sich dies auf den Nährstoffgehalt und die Nährstoffzusammensetzung von T.-testudinum-Weiden auswirkt haben wir dieses sehr intensive Beweiden simuliert, indem wir 15 Plots (jedes 3×3m) regelmäßig für die Dauer von 16 Monaten im Bereich der zentralen Bahamas beschnitten. Der Vergleich von den beschnittenen Plots mit benachbarten unbeschnittenen Plots zeigte, dass in dem beschnittenen Seegras signifikant mehr Energie in Form von Stickstoff, Phosphat, Lignin, Cutin und kondensiertem Tannin enthalten war, wobei auch die organischen Bestandteile des Sediments unverändert blieben. Daraus ergibt sich, dass die kontinuierliche Beweidung dafür sorgte, dass den Schildkröten junge aktiv nachwachsende, hochgradig energiereiche Blätter mit hohem Stickstoff- und Phophatgehalt zur Verfügung standen. Unsere 16-monatige intensive Seegrasbeschneidung erzeugte nicht die eigentlich erwartete Abnahme im Nährstoffgehalt der Seegrasblätter von T. testudinum. Allerdings wurde ein signifikanter Rückgang des Stickstoffgehalts und der organischen Bestandteile in den unterirdischen Rhizomen zwischen 11 und 16 Monaten festgestellt, was andeuten mag, dass erst nach längerer, kontinuierlicher Beschneidung der Nährstoffgehalt abnehmen könnte.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun, interessant ist, dass erst einmal der Nährstoffgehalt zunimmt, was andeutet, dass dadurch den Schildkröten ein energiereicheres Futter zur Verfügung steht. Ebenso deutet der Befund, dass der Phosphatgehalt in beweidetem Seegras ansteigt, an, dass es ernährungsphysiologisch durchaus vergleichbare Ansprüche bei herbivoren Meeresschildkröten und Landschildkröten geben könnte, denn auch für z.B. Psammobates ist bekannt, dass sie Futterpflanzen mit höheren Phosphatgehalten bevorzugen (Henen et al. (2005):– South African Journal of Science 101(9-10): 435-438 oder Abstract-Archiv). Allerdings halte ich die Abschlussvermutung, dass nach 16 Monaten der Nahrungsgehalt abnehmen könnte, für eine vage Vermutung, denn die Autoren beschneiden ja das Seegras. Dieser künstliche Schnitt hat aber einen entscheidenden Nachteil im Vergleich mit einer echten Beweidung durch lebende Schildkröten. Lebende Schildkröten setzen meist dort, wo sie sich aufhalten und fressen, auch Kot und Harn ab, sie düngen also gleichzeitig nach. Zudem deutet wie bei vielen Pflanzen der Anstieg des kondensierten Tannins an, dass sich das Seegras vor Überweidung schützen kann (ein bekannter Schutzmechanismus bei Landpflanzen siehe Peters & Constabel (2002) Plant Journal 32(5): 701-712), denn steigende Tanningehalte machen die Pflanzen ungenießbar und schwer verdaulich, was vermutlich die Schildkröten dazu zwingen würde, nach einer gewissen Zeit weiterzuziehen, um frische Weidegründe zu finden. So etwas gibt es nicht nur bei Meeresschildkröten auch die so genannten stark kurz gehaltenen typischen Schildkrötenrasen auf den Atollen der Seychellen und einigen Galapagosinseln zeigen dieses Phänomen und dienen seit Jahrtausenden als Hauptenergielieferanten für die dortigen Riesenschildkröten. Da fragt man sich natürlich, wenn diese jungen nachwachsenden Grasaustriebe so energiereich sind, sind sie dann wirklich mit den Heurationen in unseren Zoos vergleichbar, oder sind viele der oft deutlich sichtbaren Wachstumsdeformationen auch eine Folge eines doch nicht ganz so artgerechten Futters gepaart mit den Folgen einer falschen Luftfeuchte (Durchschnittstemperatur), die auch oft nicht jener der küstennahen Ursprungsbiotope entspricht. Gerade kleine Atolle mit ihrer oft eingeschränkten sehr speziellen Flora erzwingen ja in Form eines Selektionsdrucks, dass sich die von diesen Pflanzen lebenden Tiere zu Nahrungsspezialisten entwickeln und über Generationen ihre Ernährungsphysiologie und ihre jahreszeitlichen Wachstumsphasen und Zuwachsraten diesem speziellen Nahrungsangebot anpassen. Aber auch wenn wir einmal von diesen Schildkrötenriesen der Meere und Atolle weggehen und auf die oft auch privat gehaltenen kleineren Arten schauen, gibt es viel zu Überdenken (siehe SiF: Sonderband Testudo). Trotzdem, und aus akutem Anlass, weil wieder ein großer Bestand adulter Testudo horsfieldi laut Sektionsbefund zwar infektionsfrei aber alle mit Fettleber verstorben sind, hier die Frage, was machen wir mit Schildkröten, die zwar von ihrer Ernährungsphysiologie auch auf den Verzehr junger saftiger nachwachsender Kräuter oder proteinreichen Futters angepasst sind, die aber nachweislich acht Monate im Jahr ruhen, wie z. B. T. horsfieldi (Lagarde et al. (2002) A short spring before a long jump: the ecological challenge to the steppe tortoise (Testudo horsfieldi). – Canadian Journal of Zoology – Revue Canadienne de Zoologie 80(3): 493-502? Dort steht ausdrücklich, dass in Usbekistan die Zeit der Nahrungsaufnahme auf weniger als drei Monate pro Jahr beschränkt ist! ) – oder Terrapene ornata luteola (Plummer (2004) – Journal of Herpetology 38: 589-593 oder Abstract im Abstract-Archiv). Denn eines sollte klar sein, es ist schwierig, Schildkröten, die an energiereiche Kräuter bzw. tierische Kost ernährungsphysiologisch angepasst sind, auf energieärmeres, härteres Futter umzustellen, denn die Tiere mögen es nicht und könnten sogar auf diese Futteränderung mit Krankheit reagieren. Wir stehen aber dennoch vor dem Problem, dass für Individuen solcher Arten oder bestimmter Unterarten das saftige Grünfutter eines sieben Monate dauernden deutschen Sommers eben auch bedeutet, dass sie allein von der Zeit her im Jahresverlauf doppelt so viel Futter aufnehmen, wie sie das in ihrem Ursprungshabitat tun würden. Sicher, unter den hier zu Lande herrschenden Bedingungen aufgewachsene Nachzuchten mögen sich vielleicht daran gewöhnen, aber bei ernährungsphysiologisch an einen ganz anderen Lebensraum angepassten Importtieren lässt sich dieses Problem nur dann ignorieren, wenn man eben bereit ist, Verluste in Kauf zu nehmen. Dieses Problem des Überangebots an Futter wird sicher von schnell wachsenden Jungtieren wesentlich leichter weggesteckt, was mit ein Grund dafür sein mag, dass die Probleme erst dann akut werden, wenn die Wachstumskurven der fast adulten Tiere, die man vielleicht und fälschlicherweise schon als gut eingewöhnt ansehen mag, abflachen und die zu viel aufgenommene Energie eben nicht mehr in Muskel- und Organzuwachs geht, sondern nur noch in die Fettspeicher bestimmter Organe. Solche Speicher sind auch gerade bei solchen Arten natürlicherweise gut ausgeprägt, denn wenn die Tiere daran angepasst sind, acht Monate des Jahres in Ruhephasen zu verbringen (Aestivation ist eine warme Ruhephase, also dürfte auch der Metabolismus ein anderer sein als der fast Stillstand bei Hibernation im frostnahen Bereich), ist auch dafür ihre Physiologie speziell ausgestattet. Eigentlich warte ich noch immer darauf, dass uns die veterinärmedizinischen Ernährungsphysiologen auf solche Fragen einmal sachkundige Auskünfte liefern, denn über unbewiesene Theorien (besser wohl Vermutungen) diskutieren heute schon zu viele.

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