Masin, S., L. Bani, D. Vardanega, N. Chiodini & V. Orioli (2020): Hierarchies and Dominance Behaviors in European Pond Turtle (Emys orbicularis galloitalica) Hatchlings in a Controlled Environment. – Animals 10(9): E1510.

Hierarchien und Dominanzverhalten bei Europäischen Sumpfschildkröten (Emys orbicularis galloitalica).

DOI: 10.3390/ani10091510

Mittelländische Sumpfschildkröte, Emys orbicularis galloitalica – © Victor Loehr
Mittelländische Sumpfschildkröte,
Emys orbicularis galloitalica,
Fundort: Calabria, Italy
© Victor Loehr ➚

Einige Arten von Reptilien sind bekannt dafür, dass sie stabile soziale Strukturen ausbilden und unter diesen gibt es für Schildkröten nur sehr wenige und dazu noch widersprüchliche Daten. Zudem werden die meisten Studien bei Schildkröten mit adulten Individuen durchgeführt. In dieser Studie untersuchten wir ob und wann Schlüpflinge der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis galloitalica) eine stabile hierarchische Struktur während ihres ersten Lebensjahres aufbauen und ob diese Hierarchien konstant sind und über die Zeit stabil bleiben. Wir verifizierten ob die sozialen Ränge einhergingen mit der Größe der Individuen. Wir beobachteten täglich dyadische (zweier) Interaktionen innerhalb von drei kleinen Schildkrötengruppen die unter kontrollierten Umweltbedingungen für 7 Monate aufgezogen wurden. Nach zwei Monaten begannen die Schlüpflinge miteinander zu interagieren und sie bildeten von da an zunehmend stabile, hierarchische Strukturen aus. Allerdings die Effektivität der drei Typen von aggressiven Verhaltensweisen die wir beobachteten um die soziale Rangordnung zu ändern waren nur schwach ausgeprägt und es etablierten sich nur schwache (flache) Hierarchien. Wir fanden keine signifikanten Auswirkungen der Körpergröße der Schildkrötenindividuen auf die etablierte hierarchische Struktur. Unsere Ergebnisse liefern einen klaren Beleg dafür, dass sich charakteristische soziale Verhaltensweisen bei den jungen Schildkröten in Gefangenschaftshaltung entwickeln. Diese Studie könnte Ansatzpunkte dafür liefern solche sozialen Strukturen auch bei wildlebenden Populationen zu untersuchen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hier wurden die drei aggressiven Interaktionen wie in den Kopf beißen, in den Schwanz oder die Hinterbeine beißen oder das Aufreiten bei jungen Sumpfschildkröten während der Fütterung erfasst und diese Interaktionen zwischen den einzelnen Individuen nach dem Elo-Rating-Verfahren ausgewertet (siehe dazu auch Allard et al., 2020; Roth et al., 2020). Diese Verhaltensweisen entwickelten sich bei den Jungschildkröten im Alter von 2 Monaten. Dabei zeigte sich auch, dass Aggressivität und Dominanz nicht direkt mit der Größe der einzelnen Kontrahenten zu tun hat, denn es gab auch kleine Individuen die größere dominierten und ihnen gegenüber aggressiver reagierten. Ich denke auch bei dieser Untersuchung kommt deutlich zu Ausdruck, dass es eben individuelle Unterschiede zwischen ihnen gibt die zumindest solange sie in einer Gruppe zusammenbleiben müssen zu einer hierarchischen sozialen Struktur führen. Von anderen wurden solche Beobachtungen auch als Persönlichkeitsmerkmale interpretiert. Was hier schwer zu erfassen ist, ist die Frage inwieweit dabei schon die bei diesen Jungtieren noch nicht erkennbaren Geschlechtsunterschiede eine Rolle spielen? Denn Wachstumsunterschiede ebenso wie aggressives Verhalten oder gar die Reaktionen auf Dominanzverhalten könnten durch geschlechtsspezifische Unterschiede auch schon sehr früh beeinflusst sein. Ebenso könnten individuelle Stressreaktionen dafür mitverantwortlich sein, die auch für andere Schildkrötenarten schon beschrieben wurden (siehe Currylow et al. 2017). Was bei dieser Studie zudem wichtig ist, ist wohl die Beobachtung, dass dieses Dominanzverhalten innerhalb der Sozialstruktur der Gruppe noch nicht derart ausgeprägt ist, dass es die Entwicklung der Jungschildkröten beeinträchtigt, sodass sich in diesem frühen Entwicklungsstadium noch keine Nachteile abzeichnen. Mit letzterem müsste man aber in späteren Entwicklungsstadien rechnen, wenn sich die von Poschadel et al., 2006) beschriebenen geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen herauskristallisieren. Ob allerdings solche Prozesse auch in natürlichen Habitaten so zu beobachten wären bleibt fraglich, denn obwohl man auch im Freiland Gruppen an meist sonnenbadenden Schildkröten auf einem Sonnenbadeplatz beobachten kann, sagt das nichts darüber aus, ob während der Entwicklung die Schildkröten sie sich nicht vielmehr gegenseitig ausweichen würden und ehr getrennt auf Futtersuche gehen würden, um aggressive Auseinandersetzungen dabei zu vermeiden oder zumindest zu minimieren. Zumindest aus meiner Erfahrung kann man bei vielen in Gefangenschaft aufgezogenen und gehaltenen Schildkrötenarten solche sozialen Strukturen sowie Dominanzverhalten beobachten. Eine gravierende Veränderung bei diesen untereinander stattfindenden Verhaltensweisen kann man meist dann beobachten, wenn die einzelnen Individuen in den Gruppen geschlechtsreif werden. Letzteres ist auch bei Gruppen mit gleichgeschlechtlicher Individuenzusammensetzung zu beobachten und zwar bei Wasser- und Landschildkrötenarten. Das sich solche Strukturen entwickeln konnte man zumindest für E. orbicularis nach den Befunden von Poschadel et al., (2006) auch erwarten.

Literatur

Allard, S., G. Fuller, L. Torgerson-White, M. D. Starking & T. Yoder-Nowak (2019): Personality in Zoo-Hatched Blanding’s Turtles Affects Behavior and Survival After Reintroduction Into the Wild. – Frontiers in Psychology 10:2324 oder Abstract-Archiv.

Currylow, A. F. T., E. E. Louis & D. E. Crocker (2017): Stress response to handling is short lived but may reflect personalities in a wild, Critically Endangered tortoise species. – Conservation Physiology 5(1): cox008 oder Abstract-Archiv.

Poschadel, J. R., Y. Meyer-Lucht & M. Plath (2006): Response to chemical cues from conspecifics reflects male mating preference for large females and avoidance of large competitors in the European pond turtle, Emys orbicularis. – Behaviour 143(5): 569-587 oder Abstract-Archiv.

Roth, T. C. II, M. Rosier, A. R. Krochmal & L. Clark (2020): A multi‐trait, field‐based examination of personality in a semi‐aquatic turtle. – Ethology 126(8): 851-857 oder Abstract-Archiv.

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