Jugli, S., J. Chakravorty & V. B. Meyer-Rochow (2019): Zootherapeutic uses of animals and their parts: an important element of the traditional knowledge of the Tangsa and Wancho of eastern Arunachal Pradesh, North-East India. – Environment, Development and Sustainability 22(5): 4699-4734.

Der zootherapeutische Gebrauch von Tieren und deren Teile: Ein wichtiges Element des traditionellen Wissens der Tanga und Wancho in Aruchnal Pradesh, Nordostindien.

DOI: 10.1007/s10668-019-00404-6

Die Nutzung von Tieren und der Produkte die aus ihnen zur Behandlung verschiedenster Gesundheitsprobleme von Patienten gewonnen werden haben eine lange zurückreichende Geschichte und sie ist deshalb auch heute noch in vielen Teilen der Welt allgemein verbreitet. Wir untersuchten solche zootherapeutischen Anwendungen bei zwei Bevölkerungsstämmen, die unterschiedliche Regionen in Nordostindien bewohnen: Die Tangsa und die Wancho. Die Übernutzung der Tierbestände die von ihnen verwendet werden können einige der Arten im Bestand bedrohen was zu Instabilitäten im Ökosystem führen kann die sich dann letztendlich sowohl für die Menschen wie auch für die Tiere der Regionen negativ auswirken könnten. Deshalb ist es wichtig Lösungen dafür zu finden wie Menschen und Tiere in diesen Regionen auch weiterhin harmonisch koexistieren können. Für Letzteres ist es aber essentiell notwendig zu wissen welche Arten und welche der daraus gewonnenen Produkte von den lokalen Heilern genutzt werden. Wir fanden heraus, dass die Tangsa mehr Tiere nutzen als die Wancho und dass sie überwiegend Säugetiere (47%) gefolgt von Vögeln (16%) der 55 von ihnen genutzten Tierarten als therapeutisch wertvoll ansehen. Die Wancho erzählten uns, dass sie 20 Arten verwenden von denen 37% Vögel und deren Produkte darstellen während Säugetiere (26%) und Insekten (21%) ausmachen. Bei beiden Stämmen verteilen sich die restlichen Prozentzahlen auf verschiedenste Spezies über verschiedenste Taxa hinweg. Zur Behandlung von Gebrechen und Erkrankungen wie Gelenk-, Knochen- und Muskelschmerzen benutzen die Tsanga vorzugsweise das Körperfett von Tigern, Zibetkatzen, Nashornvogel, Greifvögeln und Pythons. Die Wancho benutzen nur wenige und seltener tierische Fette bevorzugen aber tierische Körperteile und Knochenmark die erkrankten Personen in gekochter oder gebratener Form verabreichen. Die Galle von Bären wird sowohl von den Tsanga wie auch den Wancho benutzt um damit Magen- Kopf- und Zahnschmerzen zu lindern aber auch um Wehenschmerzen bei der Geburt zu mildern. Der Gebrauch von Blutegeln zur Entfernung von Blutgerinnseln sowie das Essen von Regenwürmern um Malariaschübe zu behandeln wird nur von den Wancho praktiziert, während die Tsanga an Malaria Erkrankte mit Extrakten aus Schildkrötenpanzern behandeln. Das Fleisch von gebratenen Fledermausflügeln wird bei Kindern die älter als 4 Jahre sind gegen Bettnässen nur bei den Tsanga eingesetzt. Das Wissen über diese volksmedizinischen Traditionen ist wichtig in Bezug auf den Schutz der betroffenen Tiere, aber auch in Bezug auf die Einführung möglicher alternativer Behandlungsmethoden die eben nicht auf Wildtierprodukten basieren.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Ohne erstmal näher auf den Inhalt dieser interessanten Arbeit einzugehen finde ich den letzten Satz zwar sinnvoll aber völlig unvollendet. Warum? Nun, weil es sicher medizinisch-therapeutisch wirksame Alternativen gibt, aber die Frage ist doch sind die auch für diese Personen zu bezahlbaren Preisen verfügbar? Wenn wir uns mal anschauen wie wir Medikamente und auch Lebensmittel verteilen oder wie wir selbst mit Flüchtlingen an den Grenzen eines im Vergleich zu Nordostindien wohlhabenden Europas umgehen, kann ich mich über solche gut gemeinten aber naiv formulierten Abschlusssätze oder Schlussfolgerungen nur wundern. Allerdings gehen die Autoren dann doch in ihrer Diskussion auf diese Problematik ein siehe auch Kommentare zu Pantoja-Lima, et al., 2014; Thompson & Henshilwood, 2014). Insgesamt liefert die Arbeit in großangelegten Tabellen Auskunft über die genutzten Tierarten und auch gegen welche Beschwerden die einzelnen Produkte daraus eingesetzt werden. Die Diskussion liefert diesbezüglich dann auch eine interessante Abwägung zum einen über die Verwendung verschiedenster Spezies zur Behandlung derselben Beschwerden, wie auch darüber warum ein Produkt wie z. B. Galle gegen mehrere Beschwerden helfen kann und sie heben hervor, dass diese Praktiken auf, ja, über Jahrtausende zurückreichenden Überlieferungen und Erkenntnissen basieren, die man nicht so einfach außeracht lassen sollte. Wie von Campell et al., (2020) dargelegt scheint es dafür sogar eine für das Immunsystem wichtige Funktion zu geben, sodass die therapeutische Nutzung von Galle nicht unbedingt als „medizinisches Hokuspokus“ abgetan werden sollte. Im Anschluss daran folgt dann die Diskussion über die Bestandsbedrohung bestimmter Arten, deren Wert dann auch für diese traditionellen Heilpraktiken zunimmt oder dass sie irgendwann dafür gar nicht mehr nutzbar sind, weil sie ausgerottet sind. Hier muss man aber ganz klar erkennen, dass das was diese traditionell lebenden Stämme dort tun nicht die wirkliche Ursache für die Artenrückgänge darstellen, denn etwas das seit Jahrtausenden anscheinend praktiziert wurde ohne dass es dabei zum Verschwinden von Arten kam, kann fast schon logischer Weise nicht der Grund dafür sein warum diese Artenrückgänge erst während der letzten 3-4 Jahrzehnte so bestandsbedrohend wurden. Hier muss man ganz klar die gesellschaftliche Entwicklung andern Orts auf diesem Planeten dafür verantwortlich machen, dass sowohl der Handel mit Tieren und Pflanzen wie auch der Handel mit traditionell genutzten Medizinprodukten zu dieser Situation geführt hat (siehe dazu auch Bidmon, 2004).

Literatur

Bidmon, H.-J. (2015): Vorwort zu: Vinke, T. & S. Vinke (2004): Vermehrung von Landschildkröten: Grundlagen, Anleitungen und Erfahrungen zur erfolgreichen Zucht. – Offenbach (Herpeton Verlag Elke Köhler), 189 S.

Campbell, C., P. T. McKenney, D. Konstantinovsky, O. I. Isaeva, M. Schizas, J. Verter, C. Mai, W.-B. Jin, C.-J. Guo, S. Violante, R. J. Ramos, J. R. Cross, K. Kadaveru, J. Hambor & A. Y. Rudensky (2020): Bacterial metabolism of bile acids promotes generation of peripheral regulatory T cells. – Nature 581: 475–479.

Pantoja-Lima, J., P. H. Aride, A. T. de Oliveira, D. Félix-Silva, J. C. Pezzuti & G. H. Rebêlo (2014): Chain of commercialization of Podocnemis spp. turtles (Testudines: Podocnemididae) in the Purus River, Amazon basin, Brazil: current status and perspectives. – Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine 10 (8): doi:10.1186/1746-4269-10-8 oder Abstract-Archiv.

Thompson, J. C. & C. S. Henshilwood (2014): Nutritional values of tortoises relative to ungulates from the Middle Stone Age levels at Blombos Cave, South Africa: Implications for foraging and social behaviour. – Journal of Human Evolution 67: 33–47 oder Abstract-Archiv.

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