Iftime, A. & O. Iftime (2012): Long term observations on the alimentation of wild Eastern Greek Tortoises Testudo graeca ibera (Reptilia: Testudines: Testudinidae) in Dobrogea, Romania. – Acta Herpetologica 7(1): 105–110.

Langzeituntersuchung der Nahrung Maurischer Landschildkröten Testudo graeca ibera (Reptilia: Testudines: Testudinidae) in Dobrogea, Rumänien.

DOI: 10.13128/Acta_Herpetol-9800

Maurische Landschildkröte, Testudo graeca – © Hans-Jürgen Bidmon
Maurische Landschildkröte,
Testudo graeca
© Hans-Jürgen Bidmon

Mittels direkter Beobachtung wurde die natürliche Nahrung wild lebender Testudo graeca ibera in der Region Dobrogea, in Rumänien untersucht. Es ließ sich eine klare Vorliebe (über 95 %) für Pflanzen erkennen, wobei vorwiegend 25 Pflanzenarten gefressen wurden. Zudem wurde beobachtet, dass tierisches Aas und kalkhaltiges Substrat aufgenommen wurde.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dieses Abstrakt ist sehr kurz gehalten, aber die Arbeit selbst geht eigentlich auf alles ein, was man sich an Informationen wünschen kann, und enthält auch einige schöne farbige Abbildungen (z. B. Schildkröte am Kadaver einer Wildkatze), zumal sie sich auch auf eine wirklich längerfristig angelegte Beobachtungsstudie bezieht, die von 2000 bis 2010 durchgeführt worden ist. Insgesamt sind 500 Schildkröten erfasst worden. Die Befunde weisen zwar Lokalspezifika auf, liefern aber ein ähnliches Gesamtbild wie vorhergehende Untersuchungen auch (siehe Kommentar zu El Mouden et al. 2006, Roug et al. 2008). Bei den bevorzugten Pflanzen, deren Arten in einer Tabelle gelistet sind, handelt es sich um Vertreter der Gattungen: Ficaria, Taraxacum, Lotus, Trifolium, Medicago, Fragaria, Polygonum, Poaceae, Sonchus und Teucrium, wobei auch hier die Pflanzen aus der Familie der proteinreichen Schmetterlingsblüter die am häufigsten gefressenen waren. Pflanzen aus den Gattungen Artemisia, Rosa, Rubiaceae und Chenopodiaceae wurden nur in sehr geringem Umfang gefressen und solche aus der Familie der Lamiaceae und Apiaceae nur in sehr jungem Zustand (Keimlinge) aufgenommen. Es wurden auch Früchte wie Birne, Pyrus spec. und pflaumenartige Prunus spec. Zwetschgen, Mirabellen etc. sowie Cornus mas (Kornellkirsche) sowie insbesondere die Blüten von Löwenzahn, diversen Schmetterlingsblütlern und Hahnenfuß gefressen. Hier wird wieder für Europäische Landschildkröten im natürlichen Habitat bestätigt, dass sie auch Früchte fressen. Sollte man dann nicht, wenn man die Schildkröten schon so naturnah wie möglich halten will, unter bestimmten klimatischen Voraussetzungen auch den Nutzen von Früchten und proteinreichen Schmetterlingsblütlern als Nahrungsbestandteil bei der Schildkrötenhaltung anerkennen (siehe Bidmon 2009)? Die Pflanze Artemisia cf. pontica wurde nur selten gefressen und könnte wie die Autoren selbst diskutieren ein natürliches Entwurmungsmittel darstellen, da sie auch als Römisches Wurmholz mit antihelminthischer Wirkung unter Botanikern bekannt ist. Wenn man sich die wirklich wissenschaftlichen Arbeiten wie diese, die hier zitierten Arbeiten oder die von Walde et al. (2006) ansieht, wundert man sich schon, warum im Gegensatz dazu manche Autoren in ihren schriftlichen Beiträgen und bei ihren Vorträgen immer so tun, als gäbe es das Fressen von Aas, Früchten und proteinreichen Pflanzen etc. nicht. Ebenso wie sie mit regelmäßiger Wiederholung behaupten, Schildkröten kann man nur auf ausgezehrten, mageren Böden beobachten, wo doch jeder weiß und auch alten Verbreitungskarten leicht entnehmen kann, dass das daran liegt, dass die guten Habitate längst einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung unterliegen und die dortigen Bestände dementsprechend ausgerottet worden sind. Viel besser wäre es doch, dies zu beschreiben und darauf zu verweisen, dass solches Land im Sinne des Naturschutzes zur Bestandserholung den Tieren zurückgegeben wird. Dass zum Beispiel Testudo graeca dem nicht abgeneigt ist, kann man schon den Situationsschilderungen von Anadon et al. (2006) entnehmen. Solch einseitige offensichtlich nur der allgemeinen Stimmung angepassten Situationsschilderungen (denn zu schnelles Wachstum in der Tierhaltung muss ja vom Futter kommen und kann ja gar nicht durch zu kurze oder ganz fehlende Ruhephasen wie Hibernation und Aestivation bedingt sein, siehe auch Kommentar zu: Ritz et al., 2012) erinnern mich immer etwas an unser literarisch überliefertes Weltkulturerbe mit den Worten (Gleichnis) des chinesischen Philosophen Chuang-Tzu (oder besser Kuo Hsiang), der ca. 300 vor Chr. schon schrieb, wie der Übersetzung von Watson (1964) zu entnehmen ist: „Jo of the North Sea said, You can’t discuss the ocean with a well frog – he’s limited by the space he lives in. You can’t discuss ice with a summer insect – he’s bound to a single season. You can’t discuss the Way with a cramped scholar – he’s shackled by his doctrines.” (Jo vom Nordmeer sagte: Du kannst nicht über den Ozean mit einem in einer Quelle lebenden Frosch diskutieren – Er ist durch den Platz, in dem er lebt, zu beschränkt. Du kannst nicht über das Eis mit einem Sommerinsekt diskutieren – es kennt nur eine einzige Jahreszeit. Du kannst nicht über den „Rechten Weg“ mit einem beengt denkenden Schüler diskutieren – Er ist zu gefesselt in seinen Doktrinen). Wie ich meine, kommt dieses taoistische Gedankengut dem Verständnis biologischer und ökologischer Zusammenhänge wesentlich näher, als es fälschlicherweise indoktrinierte Fehlinterpretationen von subjektiven Einzel- oder Urlaubsbeobachtungen je könnten.

Literatur

Anadon, J. D., A. Gimenez, I. Perez, M. Martinez & M. A. Esteve (2006): Habitat selection by the spur-thighed tortoise Testudo graeca in a multisuccessional landscape: Implications for habitat management. – Biodiversity and Conservation 15(7): 2287–2299 oder Abstract-Archiv.

Bidmon, H.-J. (2009): Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht. – Schildkröten im Fokus 6(1): 3–26.

El Mouden, E. H., T. Slimani, K. B. Kaddour, F. Lagarde, A. Ouhammou & X. Bonnet (2006): Testudo graeca graeca feeding ecology in an arid and overgrazed zone in Morocco. – Journal of Arid Environments 64(3): 422–435 oder Schildkröten im Fokus 3(4), 2006.

Ritz, J., M. Clauss, W. J. Streich & M. Hatt (2012): Variation in Growth and Potentially Associated Health Status in Hermann’s and Spur-Thighed Tortoise (Testudo hermanni and Testudo graeca). – Zoo Biology 31(6): 705–717 oder Abstract-Archiv.

Rouag, R., C. Ferrah, L. Luiselli, G. Tiar, S. Benyacoub, N. Ziane & E. H. El Mouden (2008): Food choice of an Algerian population of the spur-thighed tortoise, Testudo graeca. – African Journal of Herpetology 57(2): 103–113 oder Schildkröten im Fokus 6(3), 2009.

Walde A., M. L. Harless, D. K. Delaney & L. L. Pater (2006): Gopherus agassizii (Desert Tortoise) diet. – Herpetological Review 37(1): 77–78 oder Abstract-Archiv.

Watson, B. (1964): Chuang Tzu. Basic writings of Mo Tzu, Hsün Tzu, and Han Fei Tzu translated by Burton Watson. – Columbia University Press 1964. UNESCO Collection of representative works. Chinese Series.

Galerien

 

Seitenanfang