Herrel, A. & J. C. O'Reilly (2006): Ontogenetic scaling of bite force in lizards and turtles. – Physiological and Biochemical Zoology 79(1): 31-42.

Entwicklungsbedingte Bestimmung der Beißkraft bei Echsen und Schildkröten

DOI: 10.1086/498193

Jungtiere unterliegen einer besonders starken Selektion, die ihnen oft überproportionale Leistungen im Überlebenskampf abverlangt beispielsweise in Bezug auf Sprintgeschwindigkeit und Ausdauer. Letzteres ist in vielen Untersuchungen gezeigt worden, allerdings sind Untersuchungen bezüglich des Fressverhaltens selten. In dieser Studie untersuchten wir die Beziehungen zwischen bestimmten Körpermaßen und der Beißkraft während des Wachstums bei Echsen und Schildkröten. Ebenso analysierten wir, ob entwicklungsbedingte Veränderungen in der Beißkraft auch mit einem Wechsel der Nahrung in Zusammenhang stehen. Unsere Analysen zeigen, dass bei Schildkröten die Kopfdimensionen allgemein mit einer negativen Allometrie zunehmen (Körper wächst wesentlich mehr als der Kopf). Bei Echsen gibt es eher eine geometrische Zunahme der Kopfgröße. Die Beißkraft nahm bei Schildkröten isometrisch mit der Carapaxlänge zu, im Gegensatz dazu nahm die Beißkraft bei Echsen positiv allometrisch in Relation zu den Körpermaßen zu. Trotzdem zeigen insgesamt sowohl Echsen als auch Schildkröten eine positiv allometrische Zunahme der Beißkraft in Abhängigkeit von einigen Kopfmaßen während der gesamten Entwicklung, was vermuten lässt, dass es (1) eine strenge Selektion für eine relative Zunahme der Beißkraft bei zunehmender Kopfgröße gibt und (2) dass es deutliche innere Veränderungen während der Entwicklung in der Geometrie oder der Masse bei den Schließmuskeln der Kiefer gibt. Obwohl unsere Daten keine deutlichen Hinweise dafür geben, dass sich daraus schon Vorteile für das Überleben ergeben, so zeigen sie doch eindeutig, dass es eine sehr strenge Beziehungen zwischen Morphologie, Beißkraft und der Entwicklungsstadien spezifischen Nahrung gibt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine weitere Studie, die zeigt, durch welche körperlichen Voraussetzungen ein Wechsel in der Ernährung bei verschiedenen Entwicklungsstadien abhängt. Etwas, dass eigentlich jedem auch so schon aufgefallen sein müsste. Worüber wir aber nachdenken sollten, ist, ob es beim Beißkraft bedingten Nahrungswechsel während der Entwicklung nur auf die biomechanischen Eigenschaften des Futters ankommt, oder ob es dabei auch noch um andere wichtige ernährungsphysiologische Parameter geht. Ein Beispiel: Käme es nur auf die biomechanischen Eigenschaften der Nahrung an, dann würde es Sinn machen, die Nahrung der Adulten für Jungtiere nur zu zerkleinern. Kommt es aber dabei auch auf Unterschiede in der Zusammensetzung der Nahrung zwischen Adulten und Jungtieren an, dann nützt es wenig, das Futter der Adulten für die Jungtiere zu zerkleinern, denn dann muss man den Jungtieren ein ganz anders Futterspektrum anbieten. Eines der extremsten Beispiele, das Letzteres verdeutlicht, ist die Ernährung der Froschlurche, deren Kaulquappen ja Algen und Pflanzen fressen, während die Adulten Insekten fressen, und mit pflanzlicher Nahrung dem sicheren Hungertod entgegen gehen würden.

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