Hawkins, S., T. H. Worthy, S. Bedford, M. Spriggs, G. Clark, G. Irwin, S. Best & P. Kirch (2016): Ancient tortoise hunting in the southwest Pacific. – Scientific Reports 6: 38317.

Lange zurückliegende Schildkrötenjagd im südwestlichen Pazifik.

DOI: 10.1038/srep38317

Wir berichten hier über eine beispiellose Ausbeutung von Lapita einhergehend mit der Ausrottung der großen Schildkröten-Megafauna (Meiolania damelipi) auf den tropischen Inseln im späten Holozän in einer 281.000 km2 umfassenden Region im südwestlichen Pazifik von dem Vanuatu Archipel bis nach Viti Levu auf Fiji. Zooarchäologische Analysen identifizierten sieben frühe archäologische Orte mit den Überresten von diesen großen einzigartigen hornlosen Schildkröten, die sich ungleich der behornten Gondwanaland Meiolanidae nach Südwesten ausgebreitet hatten. Diese weiträumige Ausbreitung dieser großen Schildkröten im pazifischen Raum ermöglichte es sehr wahrscheinlich erst den frühen neolithischen Jägern das südwestliche Melanesien und das westliche Polynesien zu besiedeln. Die daraufhin erfolgende schnelle Ausrottung dieser großen terrestrischen, herbivoren Megafauna verursachte sehr wahrscheinlich bedeutende Veränderungen in den Ökosystemen, die uns heute helfen die Veränderungen, die wir in den archäologischen Mustern finden, zu verstehen, so dass wir auch die derzeit vorherrschenden Bedingungen aus dem Post-Lapita-Kontext, die in dieser Region zu finden sind, interpretieren können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Sicher, jeder der sich heute mit der Haltung und Erhaltung rezenter Schildkröten privat beschäftigt wird diese archäologische Feststellung nur am Rande interessieren. Dennoch habe ich gerade in diesem Kontext diese Arbeit ausgewählt, weil sie uns ganz klar zwei wesentliche Dinge vor Augen führt. Nämlich zum einen, dass es unter bestimmten Umweltvoraussetzungen auch Schildkröten waren, die die menschliche Ausbreitung und Neubesiedlung bestimmter Lebensräume erst ermöglichten, und zum zweiten, dass diese frühen neolithischen Jäger es noch nicht anders wussten und somit einen wichtigen Bestandteil ihrer Nahrungsgrundlage vernichteten – sprich im wahrsten Sinne des Wortes aufaßen. Für Teile der damaligen Bevölkerung mag das durchaus katastrophale Folgen gehabt haben und es mag ihnen etliche Umstellungen und Anpassungen in Bezug auf andere Lebens- und Ernährungsweisen abverlangt haben. Aber dennoch blieb es relativ gesehen ein lokales Phänomen, das die Welt oder besser gesagt die „Schildkrötenwelt“ nicht aus den Angeln warf.
Heute sieht das mit Ausnahme der Ozeane ganz anders aus, weil wir fast jeden Landteil besiedelt und sehr stark verändert haben. Dadurch sind wir – wenn wir überlebenssichernde Natur erhalten wollen (und Artenvielfalt ist ein wesentlicher Bestandteil der Ökosystem und damit Lebensraumstabilität (siehe Kommentar zu Blumberg 2016)) – dazu aufgerufen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Um letzteres aber erfolgreich tun zu können kommt es meiner Meinung nach nicht so sehr auf die Feststellung an, dass wir das was wir erhalten und schützen wollen kennen müssen (gängige Meinung der Taxonomen, siehe auch Kommentar zu Boero 2010), sondern eher darauf, dass wir lernen wie in der Natur wirklich DNA-Erhalt und Evolution von statten gehen! Denn diese nennen wir es mal natürlichen Vorgänge, die schon vor dem Auftreten des modernen Menschen diese Entwicklungen anscheinend so gut ablaufen ließen, dass wir heute noch darauf bauen können, sind es die wir verstehen und berücksichtigen müssen wenn wir systemimmanente Fehler vermeiden wollen, die eher zum Zusammenbruch des Ganzen führen als zur „Pseudo“-Erhaltung einer Zielart aus irgendeiner der vermeintlichen Prioritätenlisten. Wir müssen lernen die neuen biologischen Erkenntnisse wie sie Pennisi (2016) hervorhebt wirklich in unsere Denk- und Managementschemata zu integrieren, um sinnvoll handeln zu können (siehe auch Bidmon 2016). Denn tun wir es nicht, wird – wenn es mal eine Geschichte über uns geben sollte – uns diese die gleiche Perspektivlosigkeit zuschreiben wie wir sie heute für unsere Vorfahren die Jäger des Neolithikums empfinden, wenn wir die oben angeführte archäologische Arbeit lesen.

Ja und somit denke ich, dass uns gerade diese Themen durchaus auch noch im neuen Jahr Desöfteren begleiten werden.

Literatur

Bidmon, H.-J. (2016): Kommentar zu: Renner, S. S. (2016): A Return to Linnaeus's Focus on Diagnosis, Not Description: The Use of DNA Characters in the Formal Naming of Species. – Systematic Biology 65(6): 1085–1095 oder Abstract-Archiv.

Blumberg, M. S. (2016): Development evolving: the origins and meanings of instinct. – Wiley Interdisciplinary Reviews: Cognitive Science 8(1-2): e1371 oder Abstract-Archiv.

Boero, F. (2010): The Study of Species in the Era of Biodiversity – A Tale of Stupidity. – Diversity (2): 115–126 oder Abstract-Archiv.

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