Gutnick, T., A. Weissenbacher & M. J. Kuba (2019): The underestimated giants: operant conditioning, visual discrimination and long-term memory in giant tortoises. – Animal Cognition.

Unterschätzte Giganten: Operante Konditionierung, visuelle Diskriminierung und Langzeitgedächtnis bei Riesenschildkröten.

DOI: 10.1007/s10071-019-01326-6

Über Kognition bei Schildkröten ist relativ wenig bekannt und die meisten Studien zu diesem Thema konzentrierten sich auf Wasserschildkröten. So gut wie nichts existiert dazu für Riesenlandschildkröten. Dabei handelt es sich bei diesen um visuelle Tiere, die große Distanzen in freier Wildbahn zurücklegen, dabei interagieren sie untereinander und mit ihrer Umwelt und sie leben extrem lange. Hier zeigen wir, dass sowohl Galapagos- wie auch Seychellen-Riesenschildkröten die in einer Zooumgebung (Umwelt) leben zu operanter Konditionierung befähigt sind und wir liefern Beweise dafür, dass sie innerhalb einer Gruppe, wenn sie trainiert werden schneller lernen als wenn sie einzeln trainiert werden. Die Schildkröten erlernten in einem Zweifarbenauswahlexperiment Farben zu unterscheiden. Allerdings sollte jedes Individuum der Gruppe eine andere (eigene) Farbe auswählen, sodass die Anwesenheit der Gruppe keinen offensichtlichen Einfluss auf die individuelle Geschwindigkeit hatte mit der jedes Individuum seine Farbauswahl erlernte. Wenn die Schildkröten 95 Tage nach der ersten Trainingsphase erneut getestet wurden konnten sich alle Tiere an ihre einmal erlernte Farbauswahl erinnern. Wenn sie anschließend eine neue Unterscheidungsaufgabe erlernen sollten, zeigte sich für die meisten Exemplare, dass sie die neue Aufgabe dreimal schneller erlernten als naive Schildkröten die noch nie einen Auswahltest durchlaufen hatten. Bemerkenswerterweise, Schildkröten die 9 Jahre nach ihrer Trainingsphase nochmals getestet wurden, hatten diese operante Konditionierung immer noch im Gedächtnis. Da die Tiere sich an eine operante Aufgabe erinnern können, aber dennoch in der Lage sind eine neue Unterscheidungsaufgabe zu erlernen (also umzulernen) liefern diese Experimente den ersten Nachweis für das unterschiedliche Vorhandensein von implizitem und explizitem Gedächtnis bei Landschildkröten. Unsere Studie ist ein erster Schritt zu einer verbesserten Anerkennung der vorhandenen kognitiven Fähigkeiten bei diesen einzigartigen Geschöpfen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Die Arbeit beinhaltet schöne farbige Abbildungen und bietet eine gute Literaturauswahl zum Thema auch aus historischer Sicht, geht aber kaum auf die neuere Literatur für Wasserschildkröten und Dosenschildkröten ein (z. B. Roth et al., 2019 oder Leighty et al., 2013). Letzteres finde ich schade, da die Autoren damit auf eine umfassende Gesamtbetrachtung unter Einbezug der auf neuronaler Ebene erarbeiteten Grundlagen und deren Vergleichbarkeit mit anderen phylogenetischen Gruppen verzichten. Hervorzuheben ist auch, dass die Autoren ein klares Sozialverhalten beschreiben, denn wie gezeigt, diese Schildkröten suchen nicht nur gemeinschaftliche Ruheplätze auf, sondern sie lernen in Gemeinschaft sogar besser! Ja und das scheint auch für andere Arten zu zutreffen (Wilkinson et al., 2010). Die Einleitung der Arbeit liefert einen guten historischen Blick auf den menschlichen Umgang mit Vorurteilen und den gesellschaftlichen Zeitgeist, denn es ist nicht so als wäre früheren Naturforschern und Beobachtern völlig entgangen, das Schildkröten und insbesondere Riesenschildkröten bestimmte Orte sowohl in täglichen wie auch größeren Abständen immer wieder aufsuchten. Lediglich die Interpretation dieser Beobachtungen war eine andere, denn es war wohl schwierig den damaligen Zeitgeist zu widersprechen und diese Beobachtungen nicht als reflexartige Instinkthandlungen für lange Zeit abzutun (Bidmon, 2016). Heute wäre das wahrscheinlich unvorstellbar solche Leistungen wie das saisonal wiederholte Aufsuchen eines bestimmten Nistplatzes durch Schildkrötenweibchen ohne das Vorhandensein einer Gedächtnisleistung und kognitiver Fähigkeiten überhaupt zu denken und zu beschreiben. Selbst die neuronalen und neurophysiologischen Grundlagen scheinen dabei über viele Evolutionslinien hinweg oder zumindest von den Quallen bis zu den höchstentwickelten Säugern gleich oder sehr ähnlich geblieben zu sein (Bidmon, 2019). Insofern hat sich – wie ich meine – einiges gewandelt, dennoch lohnt es sich auch heute nochmal darüber nachzudenken, denn das Thema Kognition wird uns zukünftig auch in der Arterhaltungsbiologie wie auch in Bezug auf die Tierhaltung verstärkt beschäftigen. Ja und letztendlich wird dieses Thema auch aus naturschutzrechtlicher Sicht und im Sinne des angemahnten Tierwohls auch zunehmend die institutionalisierte Arterhaltung der Zoos betreffen.

Literatur

BIDMON, H.-J. (2016) Kommentar zu: Renner, S. S. (2016): A Return to Linnaeus's Focus on Diagnosis, Not Description: The Use of DNA Characters in the Formal Naming of Species. – Systematic Biology 65: 1085–1095 oder Abstract-Archiv.

BIDMON, H.-J. (2019) Kommentar zu: Roth II, T. C., A. R. Krochmal & L. D. LaDage (2019): Reptilian Cognition: A More Complex Picture via Integration of Neurological Mechanisms, Behavioral Constraints, and Evolutionary Context. – Bioessays 41(8): e1900033 oder Abstract-Archiv.

Leighty, K. A., A. P. Grand, V. L. Pittman Courte, M. A. Maloney & T. L. Bettinger (2013): Relational Responding by Eastern Box Turtles (Terrapene carolina) in a Series of Color Discrimination Tasks. – Journal of Comparative Psychology 127 (3): 256–264 oder Abstract-Archiv.

Roth II, T. C., A. R. Krochmal & L. D. LaDage (2019): Reptilian Cognition: A More Complex Picture via Integration of Neurological Mechanisms, Behavioral Constraints, and Evolutionary Context. – Bioessays 41(8): e1900033 oder Abstract-Archiv.

Wilkinson, A., I. Mandl, T. Bugnyar & L. Huber (2010): Gaze following in the red-footed tortoise (Geochelone carbonaria). – Animal Cognition 13(5): 765-769 oder Abstract-Archiv.

Seitenanfang