Griffiths, C. J., C. G. Jones, D. M. Hansen, M. Puttoo, R. V. Tatayah, C. B. Mueller & S. Harris (2010): The Use of Extant Non-Indigenous Tortoises as a Restoration Tool to Replace Extinct Ecosystem Engineers. – Restoration Ecology 18(1): 1-7.

Der Gebrauch von außenstehenden, nicht-einheimischen Schildkröten als Ersatz für ausgestorbene Ökosystemingenieure.

DOI: 10.1111/j.1526-100X.2009.00612.x

Wir sammeln Argumente dafür, nicht einheimische Schildkröten als ökologischen Ersatz für ausgestorbene Riesenschildkröten auszuwildern, was eine leicht umsetzbare realistische Möglichkeit für das Restaurationsmanagement darstellt. Wir diskutieren hier, wie sich die kürzlich erfolgte Auslöschung der endemischen Populationen von Riesenschildkröten Cylindraspis auf der Maskarenen Inselkette auswirkt. Denn ihr Verschwinden hat dort zu vielfältigen Störungen im Gesamtökosystem geführt, die die verbliebenen ursprünglichen Reliktbiotope hochgradig gefährden. Dabei fokussieren wir uns auf die Insel Mauritius, denn für diese Region gibt es die meisten Daten bezüglich der Interaktionen zwischen Schildkröten und Pflanzen. Vor Ort besteht kurzfristig die dringende Notwendigkeit zur Erhaltung und Restauration mehrerer für Mauritius typischer Inselhabitate mit ihren endemischen Pflanzengemeinschaften, die in höchstem Maße durch diese Ökosystemstörungen betroffen sind. Wir schildern die derzeit stattfindenden Restaurationsbemühungen auf der Insel Round (kleine an Mauritius grenzende Insel), wo eine Fallstudie zeigt, wie rezente Landschildkröten als Ersatz für ausgerottete Spezies experimentell in einem neu konzipierten hypothesenbasierten Restaurationsprojekt eingesetzt werden. Das vordringlichste Erhaltungsziel bestand darin, die rasch fortschreitende Degradation und das Erlöschen der stark gefährdeten natürlichen Flora und Fauna auf der Insel Round zu stoppen. Langfristig soll die Auswilderung von Landschildkröten auf der Insel Round wertvolle Erkenntnisse für das Restaurationsmanagement erbringen, die konsequenter Weise dazu dienen sollen, auch auf der Hauptinsel großflächigere Erhaltungsmaßnahmen zu realisieren. Diese Fallstudie zeigt jetzt schon Anwendbarkeit, Vielseitigkeit und das geringe Risiko, das mit dem Einsatz von Schildkröten bei Restaurationsprogrammen einhergeht, insbesondere bei ihrer Auswilderung in Ökosysteme von Inseln. Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Ersatz von ausgestorbenen Schildkröten durch ausgewilderte ein gutes Beispiel dafür liefert, wie Konzepte in der Erhaltungs- und Restaurationsbiologie im kleineren Rahmen umgesetzt werden können und wie die Erfahrungen mit diesen Mikrokosmossystemen für die Anwendbarkeit bei weiträumigeren Erhaltungsmaßnahmen genutzt werden können. Zudem zeigen sich dabei viel schneller die Erhaltungsprioritäten als bei Auswilderungen durch Erhaltungsprojekte in weiträumigen Ökosystemen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Ob nun das Auswildern von Schildkröten in jedem Fall zur Restaurierung oder Ökosystemerhaltung sinnvoll ist, bedarf wohl noch einiger Überlegung. Wenn es jedoch wie in diesem Fall ganz klar darum geht, einen Ersatz für ausgestorbene Schildkröten, eventuell auch Dodos zu finden, scheint es angebracht zu sein. Leider fokussiert sich das Abstract hier mehr auf die Methodik als auf die eigentlichen Ursachen.
Worum geht es auf Mauritius? Auf Mauritius und den anderen zugehörigen Inseln der Maskarenen gab es ursprünglich fünf Arten von Riesenschildkröten der Gattung
Cylindraspis (die in der Arbeit auch beschrieben werden) und den Dodo, einen großen Pflanzen fressenden, flugunfähigen Vogel. Diese Großwirbeltiere prägten insbesondere als Pflanzenfresser die Flora der Inseln, wobei sich die Pflanzen sehr stark an diese Großfauna angepasst haben. Man findet hier die meisten Arten mit so genannter Heterophyllie (Eskliden et al. 2004, Hansen et al. 2008), das bedeutet Pflanzen mit zwei unterschiedlich geformten oder gefärbten Blättern, deren junge Blätter ungenießbar oder giftig sind, während die alten Blätter genießbar sind. Viel wichtiger ist aber, dass die hoch wachsenden Pflanzen (Büsche, Bäume) große Früchte ausbildeten, die einen Samen mit einer Schale enthalten, die angedaut werden muss, um die Keimung zu induzieren, d. h. sie müssen gefressen werden. Ebenso können viele dieser Pflanzen nur in einer gewissen Entfernung zur Mutterpflanze aufwachsen, so dass sie vom Ursprungsort weg transportiert werden müssen. Es gibt dort auch Gras und Kräuterarten, die darauf angewiesen sind, auf eine bestimmte Art abgeweidet zu werden, um existieren zu können. Unterbleibt diese Art der Beweidung, werden sie durch andere, meist eingeschleppte invasive Arten verdrängt. Für einige Pflanzenarten hat man deren Bedürfnisse erforscht, aber bei vielen anderen kann man nur vermuten, dass deren Fortbestehen auch von dieser Interaktion mit den Weidetieren abhängt. Seit dem frühen 19. Jahrhundert sind die Großwirbeltiere auf den Inseln durch die Seefahrer ausgerottet, und somit gibt es auch heute nur noch wenige Flecken mit einer annähernd ursprünglichen Vegetation, wo die langlebigen Pflanzenarten überdauert haben. Wie die Autoren hier berichten, hat sich zumindest auf der Insel Round gezeigt, dass ausgewilderte Strahlenschildkröten aus Madagaskar und subadulte Aldabra-Riesenschildkröten dazu beitragen, dass die großen Palmenfrüchte mit ihren Samen wieder gefressen und verbreitet werden, wobei die Autoren besonders darauf verweisen, dass sowohl laut der alten Berichte die ehemaligen Cylindraspis durchaus als bevorzugte Fruchtfresser anzusehen waren, wie auch die beiden derzeit ausgewilderten Arten. Zudem zeigte sich auch hier nach ersten Befunden, dass die Schildkröten erst einmal bevorzugt nicht beweidungsresistente invasive Gras- und Kräuterarten abfressen, wobei sie auch hier dafür sorgen, dass diese keine Samen mehr hervorbringen oder die Samen vor der Reife gefressen werden, so dass diese invasiven Arten ins Hintertreffen geraten und zurückgehen, wodurch die beweidungsresistenteren einheimischen Arten sich wieder ausbreiten können (siehe auch Moolna 2008, Hazard et al. 2009). Da könnte man meinen, dass es auch bald den Schildkröten wieder schlechter geht, wenn nur noch beweidungsresistente Arten übrig bleiben. Aber ich denke auch hier gibt es noch viel zu lernen: Zum einen, ob diese ursprünglichen beweidungsresistenten Arten energiereichen Jungaustrieb liefern und zum anderen, wie die Autoren selbst hervorheben, dass die Schildkröten insbesondere die Trockenzeiten, in denen das Gras minderwertiger ist oder gar fehlt, mit Früchten überbrücken, da diese gerade in dieser Zeit reif sind und von den Bäumen fallen (siehe auch Pemberton & Gilchrist 2009). Auf alle Fälle handelt es sich hier zwar um eine Arbeit, die an den Raubbau an der Natur aus den vergangenen Jahrhunderten erinnert, die aber auch zeigt, wie man unser heutiges, ökologisches Wissen und Verständnis dazu nutzen kann, mit rezenten Arten zumindest im Bereich der Botanik Ökosystemerhaltung zu realisieren. Aber auch wenn man daran denkt, wie sich Feuchtgebiete verändern und Wasserschildkrötenpopulationen erlöschen, sollte man nicht nur an den Menschen und die Landwirtschaft denken. Denn wir kennen alle die Bilder von in Wasserlöchern badenden Riesenschildkröten auf Aldabra, den Seychellen oder den Galapagosinseln, und man kann sich leicht vorstellen, wie die Riesenschildkröten dadurch dafür sorgen, dass diese Wasserstellen nicht verkrauten und offen bleiben, was ja auch zur Lebensraumerhaltung für ans Wasser gebundene Arten beitragen kann. Ein Aspekt, der so von Gerlach (2008) auch noch nicht angesprochen wurde. Das Wort Ökosystem beinhaltet ja schon, dass man zu dessen Verständnis systemisches Denken benötigt, und zur Erhaltung systemische Ansätze notwendig sind. Und dafür liefert uns diese Studie ein gutes Beispiel, das weit über das hinausgeht, was der autökologische Ansatz bietet, der sich oft allein auf die Beziehung Schildkrötenspezies und deren Futterpflanzen beschränkt.

Literatur

Eskildsen, L. I., J. M. Olesen & C. G. Jones (2004): Feeding response of the Aldabra giant tortoise (Geochelone gigantea) to island plants showing heterophylly. – Journal of Biogeography, 31: 1785-1790 oder Abstract-Archiv.

Gerlach, J. (2008): Fragmentation and demography as causes of population decline in Seychelles freshwater turtles (Genus Pelusios). – Chelonian Conservation and Biology 7(1): 78–87 oder Abstract-Archiv.

Hansen, D. M., C. N. Kaiser & C. N. Müller (2008): Seed Dispersal and Establishment of Endangered Plants on Oceanic Islands: The Janzen-Connell Model, and the Use of Ecological Analogues. – PLoS One 3: 5: e2111.

Hazard, L. C., D. R. Shemanski & K. A. Nagy (2009): Nutritional Quality of Natural Foods of juvenile Desert Tortoises (Gopherus agassizii): Energy, Nitrogen, and Fiber Digestibility. – Journal of Herpetology 43(1): 38-48 oder Abstract-Archiv.

Moolna A. (2008): Preliminary observations indicate that giant tortoise ingestion improves seed germination for an endemic ebony species in Mauritius. – African Journal of Ecology 46: 217-219 oder Abstract-Archiv.

Pemberton, J. W. & J. S. Gilchrist (2009): Foraging behavior and diet preferences of a released population of giant tortoises in the Seychelles. – Chelonian Conservation and Biology 8(1): 57-65 oder Abstract-Archiv.

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