Fritz, U. & O. R. Bininda-Emonds (2007): When genes meet nomenclature: Tortoise phylogeny and the shifting generic concepts of Testudo and Geochelone. – Zoology (Jena) 110 (4): 298-307.

Wenn Gene und Nomenklatur zusammentreffen: Schildkrötenphylogenie und Verschiebungen bei den Gattungskonzepten für Testudo und Geochelone

Wir verwendeten Fünf-Gen-Datensets (mtDNS: 12S rRNS, 16S rRNS, cyt-b; nDNS: Cmos, Rag2), die ungefähr zwei Drittel aller exsistierender testudiniden Spezies und zum erstenmal auch alle fünf Testudo-Arten mit einbezogen, um die Frage zu klären, ob alle westpaläarktischen Testudiniden monophyletisch sind. Zusätzlich untersuchten wir, ob die kürzlich erfolgten Zuordnungen der afrikanischen G. pardalis zu der ansonsten exklusiv auf Südafrika begrenzten Gattung Psammobates und die der madagassischen G. yniphora in die monotypische Gattung Angonoka gerechtfertigt sind, obgleich es erhebliche morphologische Anhaltspunkte gegen diese Zuordnungen gibt. Unsere phylogenetischen Analysen unterstützen die Paraphylie und die Gattungsaufteilung von Testudo nicht, die in den kürzlich vorhergegangenen Publikationen, die kleinere Taxonstichproben (weniger Arten) und ausschließlich mtDNS-Daten benutzen. Wir empfehlen, auch weiterhin den kontinuierlichen Gebrauch der Gattung Testudo für alle fünf westpaläarktischen Schildkrötenspezies. Innerhalb der Gattung Testudo fanden wir zwei monophyletische Unterkladen, eine die T. hermanni + T. horsfieldii umfasst und eine andere, die sich aus (T. kleinmanni + T. marginata) + T. graeca zusammensetzt. Bezüglich der Nomenklatur zeigen wir, dass die Gattung Eurotestudo (Lapparent de Broin et al. 2006), die kürzlich mit der Typusart T. hermanni aufgestellt wurde, sich als Junior-Synonym von Chersine Merrem, 1820 und Medaestia Wussow, 1916 erweist. Die Anerkennung einer monotypischen Gattung Angonoka für G. yniphora ist anhand unserer Nachuntersuchung und der Reanalyse der Sequenzdaten wie auch der morphologischen Daten ebenfalls unangemessen. Unter Berücksichtigung der starken morphologischen Übereinstimmungen, die sich bei G. yniphora und G. radiata finden, schlagen wir vor, beide Spezies in die Gattung Astrochelys zu stellen. Obwohl Sequenzdaten nur für eine der drei Psammobates-Spezies für die Analyse verfügbar waren, gibt es derzeit keine Anhaltspunkte dafür, etwas an der monophyletischen Stellung der Gattung, die anhand morphologischer Nachweise erfolgte, zu ändern. Demzufolge vertreten wir die Hypothese, dass G. pardalis ein Schwestertaxon zu den monophyletischen Psammobates darstellt. Im Hinblick einer klaren morphologischen Abgrenzbarkeit der G. pardalis und Psammobates-Arten, ist die Anerkennung einer distinkten Gattung, Stigmochelys für erstere gerechtfertigt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese weitere Arbeit zur Schildkrötensystematik ist deshalb hervorzuheben, da sie sich nicht mehr nur auf die Analyse einer einzigen Gensequenz stützt, sondern mitochondriale und nukleäre Gene mit einbezieht. Sicher, auch diese Arbeit mag noch nicht den letzten Schlussstrich in Bezug auf die Phylogenie der Landschildkröten darstellen, aber sie klärt doch einige wesentliche Fragen anhand umfassenderer Datensätze. Für die Mehrzahl der hiesigen Landschildkrötenhalter dürfte die Feststellung, dass die umfassenderen molekulargenetischen Datensätze nicht dafür sprechen, die neue Gattung Eurotestudo aufrechtzuerhalten wesentlich sein! Auch wenn dies nur eine kleine ja fast unwissenschaftliche Randbemerkung sein sollte, so scheint diese Namensgebung, die nun durch aller Munde verbreitet wird und auch schon das Titelthema einer jüngst erschienen Ausgabe einer Schildkrötenfachzeitschrift ziert, auch anhand der Nomenklaturregeln ungerechtfertigt, da die Autoren klar belegen, dass anhand morphologischer Kriterien, das, was man heute Eurotestudo nennen will, früher schon mal als Chersine vorgeschlagen worden war. Schade, da hätten doch alle dem Handel sehr nahe stehenden mit der Währungsumstellung auch einmal ’ne „Marken-Gattung“ gehabt. Aber nichtsdestotrotz, Sie brauchen auch zukünftig als Schildkrötenliebhaber keine allzu große Angst vor den Folgen von Alzheimer zu haben, denn bei genauerem Hinschauen haben unsere alten Systematiker gar nicht so schlecht gearbeitet, viele der neu propagierten Artnamen brauchen eigentlich gar nicht verändert werden, so dass Sie sich diese auch weiterhin gut merken können. Man tut immer gut daran, erstens etwas Skepsis an den Tag zu legen und zweitens abzuwarten. Gerade auf diesem Gebiet scheint Karrieredruck, Zeitgeist und etwas unreflektiertes überschätzen bestimmter Methoden dazu zu führen, dass es zu einer derzeit etwas überschwänglichen Artenflut kommt, die, wenn man wirklich umfassendere Analyseverfahren einsetzt, sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurückfinden wird. Ob es neben den wissenschaftlichen Kriterien bezüglich Europäischer Landschildkröten auch noch persönliche oder nationale Interessensschwerpunkte gibt, mag ich hier nicht weiter ausführen, obwohl es auffällt, dass in Bezug auf die neueren Testudo-Arten die Namensgebung oft aus Frankreich kam oder von Franzosen mit beeinflusst wurde. Siehe dazu auch: de Lapparent de Broin et al. (2006): – Comptes Rendus Palevol 5 (6): 803-811 oder Abstract-Archiv; de Lapparent de Broin et al. (2006): – Annales de Paleontologie 92 (3): 255-304 oder Abstract-Archiv; de Lapparent de Broin et al. (2006): – Annales de Paleontologie 92 (4): 325-357 oder Abstract-Archiv; Fritz et al. (2005): – Molecular Phylogenetics and Evolution 37 (2): 389-401 oder Abstract-Archiv; Perez et al. (2006): – Molecular Ecology Notes 6 (4): 1096-1098 oder Abstract-Archiv; Siroky & Fritz (2007):– Biologica Bratislava, 62: 1-4 oder Abstract-Archiv; Spinks & Shaffer (2007): – Conservation Genetics 8 (3): 641-657 Abstract-Archiv; Rieppel & Kearney (2007): – Biology & Philosophy 22 (1): 95-113 oder Abstract-Archiv

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