Ficetola, G.F. & F. De Bernardi (2006): Is the European „pond“ turtle Emys orbicularis strictly aquatic and carnivorous? – Amphibia-Reptilia 27: 445-447.

Ist die Europäische Sumpfschildkröte, Emys orbicularis als rein aquatisch und karnivor zu bezeichnen?

Diese kurze Übersichtsarbeit hat kein Abstract und beschreibt auch nichts wesentlich neues für all jene, welche die Literatur aufmerksam verfolgt haben (siehe Ottonello et al. 2005: Feeding habits of the European pond terrapin Emys orbicularis in Camargue (Rhone Delta, Southern France, Amphibia & Reptilia 26: 562 ff). Allerdings, und deshalb fand ich diese Arbeit erwähnenswert, macht sie auf einen wesentlichen Punkt aufmerksam, den gerade wir Europäer und vielleicht auch insbesondere wir Deutschen häufig übertreiben. Ich meine die „Schwarz-Weiß-Malerei“!

Die Arbeit beginnt damit, dass Emys orbicularis immer noch die einzige Schildkrötenspezies aus der Unterfamilie der Emydinae ist, deren Lebensweise als rein aquatisch und karnivor beschrieben wird. (Stephens & Wiens 2003). Es wird sogar behauptet, dass sich während ihrer Evolution und Abstammung von omnivoren Vorfahren zwei wesentliche Veränderungen (Anpassungen) eingestellt haben, nämlich die Übergänge zu einer strikt aquatilen und karnivoren Lebensweise. Allerdings, und jetzt kommt der eigentliche Knackpunkt, zeigen die Autoren anhand der verfügbaren Literatur auf, dass Emys orbicularis sich keineswegs nur karnivor ernährt und aquatisch lebt und dass die gemachten Angaben und Hypothesen bezüglich der Veränderungen und Anpassungen falsch bzw. übertrieben sind. Nach Auswertung aller Befunde finden sich in 89 % aller Kotproben von adulten E. orbicularis pflanzliche Nahrungsbestandteile, so dass dieser Prozentsatz viel zu hoch ist, um damit erklärt zu werden, dass es sich dabei um zufällig mitgefressene Pflanzen handelt, und es wurde wie für Trachemys scripta bekannt, beobachtet, dass juvenile E. orbicularis mehr tierische Kost fressen als adulte. Zudem wurde beobachtet, dass weibliche Schildkröten in der postovulatorischen Phase (nach der Eiablage) weniger energiereiches, pflanzliches Futter nutzen.
Nach der Abhandlung der publizierten Arbeiten zur Ernährung wird der Frage nach der aquatischen Lebensweise nachgegangen. Dabei verweisen die Autoren darauf, dass die terrestrischen Habitate für die Eiablage für alle Wasserschildkröten von großer Bedeutung sind und dass die rein aquatische Lebensweise sich eigentlich nur auf zwei Punkte stützt, nämlich dass die Kopulation im oder nahe am Wasser stattfindet und dass die Schildkröten dort auch ihre Sonnenbäder nehmen. Allerdings wertet man die quantitativen Studien, die zur Habitatnutzung für E. orbicularis publiziert wurden aus, stellt man sehr schnell fest, dass E. orbicularis die Art unter den Schildkröten der Unterfamilie Emydinae ist, die sich am weitesten vom Wasser weg bewegt. Vergleicht man die Literatur zu den amerikanischen Emydinae, die alle als semi-aquatisch beschrieben sind, stellt man sehr schnell fest, dass sich keine dieser Arten weiter als 1600 m vom Wasser entfernt, während für E. orbicularis etliche Distanzen zwischen 2300 bis zu 4000 m nachgewiesen sind. Ebenso sind Wanderungen zwischen Gewässern, die mehr als 1 km auseinander liegen, keine Seltenheit und es gibt Beschreibungen, dass das Landhabitat zur Aestivation genutzt wird. Außerdem finden sich sehr viele Insekten und Mollusken aus terrestrischen Habitaten in der Nahrung, so dass es nahe liegt, dass E. orbicularis auch nachts an Land jagt. Sicherlich mag es sein, dass es auch zwischen verschieden Populationen von E. orbicularis Unterschiede gibt, aber dennoch werfen die Autoren die Frage auf, warum wir unsere wesentlich mehr semi-aquatisch lebenden E. orbicularis als rein aquatisch bezeichnen, während die Amerikaner ihre mehr aquatisch lebenden Spezies als semi-aquatisch beschreiben. Gleiches gilt für die Ernährung, bei der die Amerikaner ihre dort heimischen Arten als omnivor beschreiben, wohingegen wir E. orbicularis als rein karnivor bezeichnen. In ihrer Schlussfolgerung erwähnen die Autoren, dass diese Fehlbeschreibungen weit reichende Konsequenzen haben können, denn in den meisten Plänen zum Habitatmanagement für E. orbicularis konzentriert man sich meist nur auf die Erhaltung der Gewässer bzw. der Feuchtgebiete, während nur Semlitsch & Bodie (2003) und Ficetola et al. (2004) auch auf die Wichtigkeit zur Erhaltung der Landhabitate verweisen. Dazu verweisen sie wiederum auf Studien amerikanischer Kollegen, die für die dort lebenden Spezies längst entsprechende terrestrische Pufferzonen um die Gewässer fordern.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun zur Ehrenrettung muss ich sagen, dass auch aus den Arbeiten von Schneeweiss und Mitarbeitern schon auf die Landhabitate verwiesen wird, aber dennoch haben die Argumente dieser Autoren eine gewisse Berechtigung.
Sicher mögen jetzt viele sagen, was soll diese Wortklauberei? Ich möchte aber doch einmal gerade diese Art der anscheinend „falsch-eindeutigen“ Beschreibung oder Zuordnung etwas kritisch betrachten und Sie bitten, darüber nachzudenken. Denn wir wissen doch alle, dass abwechslungsreiche, artgerechte Ernährung und Umgebung zur Gesundheit und zum Wohlbefinden beitragen. Die sprachlich falsche Zuordnung bei der Beschreibung einer Art drückt ihr aber ein Prädikat auf, z. B. heißt „rein karnivor“, „die brauchen und fressen nur tierische Kost“. Und genau an dieser Stelle beginnen wir oder die meisten (zumindest Anfänger), die so etwas lesen bzw. hören den ersten Fehler zu machen. Wir gehen ja meist noch nicht einmal soweit, dass wir sagen, die Tiere ernähren sich überwiegend karnivor oder im anderen Fall überwiegend herbivor. „Nein als guter Deutscher muss man sich schon für eines entscheiden können – also entweder rein karnivor oder rein herbivor“. Wo kämen wir da hin, wenn wir akzeptieren würden, dass sich die Schildkröten nicht so einfach zuordnen lassen? Und überhaupt, was heißt schon „semi-aquatisch“, da muss man sich doch mal für was Eindeutiges entscheiden können! (An dieser Stelle kann ich noch nicht mal jemanden einen Vorwurf machen, denn selbst manche Wissenschaftler, die es eigentlich besser wissen müssten, sind nicht frei von dieser „deutschen Tugend“). Wo kämen wir hin, wenn sich keiner mehr zu einer klaren Aussage durchringen könnte? Aber ist das Leben wirklich immer so eindeutig? Müssen wir nicht zwangsläufig im Interesse unserer Pfleglinge damit beginnen, der Wahrheit ins Auge zu sehen und das Leben so zu akzeptieren, wie es ist und beginnen danach zu handeln, anstatt uns in endlosen, rechthaberischen Diskussionen zu verzetteln. Sollten wir nicht aus „rein“ biologischer Sicht das Wort „optimal“ etwas mehr in den Vordergrund rücken, denn optimal besagt ja, „nicht zu viel und nicht zu wenig – von etwas“? Ich erinnere nur an die emotionalen Forendiskussion über slowenische Farmnachzuchten. Sicher ist es berechtigt, diese Art der Aufzucht zu kritisieren und in Frage zu stellen. Aber wenn ich mich recht erinnere, wurde dort auch Kükenfutter als abzulehnendes Aufzuchtfutter angesprochen. Sicher, das mag berechtigt sein, allerdings eines steht auch fest, Kükenfutter ist das am besten analysierte und zusammengesetzte Futter, was wir aus ernährungsphysiologischer Sicht zur omnivoren (bzw mehr herbivoren Ernährung [Körnerfresser]) verfügbar haben. Da fehlt weder eine essentielle Aminosäure noch ein Vitamin (denn Letzteres wäre ein Geflügel-wirtschaftliches Desaster. Oder glauben Sie Wiesenhof würde mangelernährtes Geflügel zur Vermarktung ankaufen!). Insofern vermisse ich immer etwas die kritische, durchdachte Überlegung – ist Geflügelfutter wirklich so viel schlechter als so manche extreme, „rein“-herbivore, selbst kreierte „Mangelmischung“? (Unterstellen Sie mir nicht, ich würde Geflügelfutter für Schildkröten anpreisen, mitnichten! Ich fordere lediglich beispielhaft mit Extrembeispielen zum kritischen Nachdenken auf!). Hat der Gebrauch der Sprache und Wortwahl doch etwas mit der persönlichen Einstellung und der Sicht der Dinge zu tun? Die Marketingpsychologen der Lebensmittelindustrie behaupten jedenfalls in ihren Marktanalysen, dass Amerikaner im Ausprobieren neuer Nahrungsmittel wesentlich experimentierfreudiger als Deutsche sind. Liegt das vielleicht daran, dass Amerikaner von klein auf mit dieser ambivalenten (oder zweideutigen) Wortwahl wie „semi-aquatisch“ oder „omnivor“ aufgewachsen sind? Ich hoffe, die Zeit zwischen den Jahren ist besinnlich (übrigens auch zweideutig: mit einer durchaus erotischen und einer geistig-religiös/ abendländischen Komponente, da kehrt sich das Blatt um, da Amerikaner öffentlich mit Erotik mehr Probleme haben als Europäer bleibt's dort beim Merry Christmas!) genug auch mal über solche Kleinigkeiten etwas zu philosophieren.

In diesem Sinne möchte ich Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein gesundes, erfolgreiches neues Jahr wünschen.

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