Fazio E., P. Medica, G. Bruschetta & A. Ferlazzo (2014): Do Handling and Transport Stress Influence Adrenocortical Response in the Tortoises (Testudo hermanni)? – ISRN Veterinary Science 2014: 798273.

Beeinflusst das Einsammeln und der Transportstress die adrenocortikale Reaktion bei Landschildkröten (Testudo hermanni)?

DOI: 10.1155/2014/798273

Das Ziel dieser Studie war eine Analyse der zirkulierenden Cortisolspiegel bei Landschildkröten (Testudo hermanni) um Referenzwerte und Intervalle zu etablieren die zur Aufstellung von Richtlinien die zur Interpretation der Auswirkungen die sich durch das Einsammeln und den Transportstress bei den Tieren zeigen vorzugeben. Blutproben wurden aus der Schwanzvene bei 23 gesunden juvenilen Landschildkröten (9 Männchen und 14 Weibchen) im Alter von 8-20 Jahren unter basalen Kontrollbedingungen vier Wochen vor dem Transport und vier Wochen nach dem Einsammeln und Transport entnommen. Die Studie wurde bei einer experimentellen Gruppe aus 10 Tieren (4 Männchen und 6 Weibchen) und bei einer Kontrollgruppe aus 13 Landschildkröten (5 Männchen und 8 Weibchen) durchgeführt. Im Vergleich zu den Basalwerten lagen die zirkulierenden Cortisolkonzentrationen nachdem Einsammeln und Transport wesentlich höher (+286%; P < 0.001), mit einem Anstieg von +246% (P < 0.001) bei den Männchen und +236% (P < 0.005) bei den Weibchen sowie +370% (P < 0.005) bei den Tieren im Alter von 8-12 Jahren und +240% (P < 0.001) bei der Altersgruppe von 13-20 Jahren. Diese Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass Cortisol die Auswirkungen von Einsammel- und Transportstress bei dieser Schildkrötenspezies beeinflusst und das eine Zeitspanne von vier Wochen nicht ausreichend war um die Cortisolspiegel zurück auf die Ausgangswerte abzusenken und die hormonelle Homöostase wieder herzustellen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit lässt aufhorchen, denn wenn es hier zu keinen Messfehlern gekommen ist sind das dramatische Werte die vor allem sehr lange anhalten. Leider gibt es dazu noch sehr wenige Vergleichswerte aus anderen Spezies wie den Gopherschildkröten. Sollten diese Werte aber stimmen, dann könnte das einige Probleme erklären und würde gleichzeitig andeuten, dass sich Schildkröten relativ schnell an artifizielle Haltungsbedingen gewöhnen, denn sonst müsste es zu viel gravierenderen Problemen bei der Haltung, dem Transport zur Vermarktung oder bei der Umsetzung von Tieren kommen. Was wären die Probleme? Nun sehr hohe Cortisolspiegel können laut Tracy et al.,(2006) Geschlechtshormone im Blut von ihren Bindungs- und Transportproteinen verdrängen was dazu führen kann, dass es zu gravierenden Reproduktionsproblemen kommen kann. Etwas das insbesondere für Gopherschildkröten unter dem Begriff „ökologische Stressfaktoren“ in Bezug zu Habitatverschlechterung und bei Umsiedlungsaktionen beziehungsweise bei zu hoher Populationsdichte diskutiert werden. Gerade bei der Freilandhaltung tropischer Arten die ja meist einmal pro Jahr oder auch öfter vom Außengehege ins Innengehege umgesiedelt werden könnte das zu Problemen führen zumindest solange sich die Tiere an diesen Zyklus nicht gewöhnt haben. Hier bin ich aber eher zuversichtlich, denn gerade weil wir es schaffen mit solchen Schildkröten oft auch regelmäßig nachzuziehen deutet das ja gerade an, dass sie sich wahrscheinlich relativ schnell sprich bin in zwei bis drei Jahren daran anpassen obwohl es aber auch durchaus interessant wäre auch bei solchen Umsetzaktionen mal die hormonelle Stressreaktion zu messen, denn gerade bei seltenen Arten mit Problemen bei der Nachzucht könnte das neue Erkenntnisse erbringen und vielleicht erklären warum manche Gelege sich nicht normal entwickeln oder unbefruchtet sind wenn man solche Beobachtungen mit eventuellen Umsetzungsmaßnahmen oder anderen Gehegeveränderungen und Stress in Beziehung setzen kann, denn daraus lassen sich sicherlich brauchbare Schlussfolgerungen für die Haltungs- und Zuchtverbesserung ziehen. Steroidhormone sind ja Zellmembran-gängig und Steroidhormone wie Östrogene werden auch von den Müttern in die Eier abgegeben. Welche Auswirkungen es haben könne wenn neben diesen Sexualhormonen auch erhöhte Stresshormonspiegel in die Eier gelangen ist bislang für Schildkröten noch völlig unbekannt.
Wenn sich aber Schildkröten wie ich aufgrund der Zuchterfolge schließe doch an diese artifiziellen Haltungsbedingungen so gut anpassen, dass sie wahrscheinlich in Gefangenschaft keine solche dramatischen Stressreaktionen auf hormoneller Ebene zeigen, dann spricht das aber auch dafür, dass solche Individuen und deren Nachkommen nur sehr schlecht für zukünftige Auswilderungsprogramme geeignet wären, da sie eben auf Gefahrensituation im natürlichen Lebensraum nur noch unzureichend reagieren, denn dazu sind ja gerade solche Stressmechanismen da, um angemessen mit solchen „stressenden Gefahrensituationen“ umzugehen. Hier zieht man dann wenn man es so ausdrücken will schon aus hormoneller Sicht gesehen eine na nennen wir es mal Haustierpopulation heran.
Zu guter Letzt sollten uns aber solche Beobachtungen auch daran erinnern warum es so schwerfällt und oft solange Zeit dauert um Wildfangimporte einzugewöhnen und warum die Ausfälle dabei oft hoch sind. Cortisol treibt den Metabolismus also Stoffwechsel sehr hoch was dazu führt, dass lange Transporte unter solchen Bedingungen sehr auszehren. Letzteres kann sogar zu Schäden insbesondere in sehr anfälligen Geweben wie Nervengewebe und Nieren führen die wenn wir es mal unter dem Aspekt den wir für Säugetiere kennen nur durch Glukoseinfusionen abmildern könnten um schlimmeres zu verhindern. Wie sich so etwas bei Schildkröten auswirkt ist bislang unbekannt würde aber durchaus erklären warum es bei Wildfangimporten nicht selten zu hohen Ausfällen kommt und es selbst nach mehreren Wochen bei solchen Tieren trotz bester Bemühungen immer noch zu Todesfällen kommen kann. Letzteres sollte uns wie ich meine auch davon Abstand nehmen lassen solche Wildfangimporte weiterhin zu tolerieren, denn wie so oft diskutiert siehe Abstract-Archiv sind sie nicht wirklich erforderlich.

Literatur

Tracy, C. R., K. E. Nussear, T. C. Esque, K. Dean-Bradley, C. R. Tracy, L. A. DeFalco, K. T. Castle, L. C. Zimmerman, R. E. Espinoza & A. M. Barber (2006): The importance of physiological ecology in conservation biology. – Integrative and Comparative Biology 46(6): 1191–1205 oder Abstract-Archiv.

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