Crawford, N. G., J. F. Parham, A. B. Sellas, B. C. Faircloth, T. C. Glenn, T. J. Papenfuss, J. B. Henderson, M. H. Hansen & W. B. Simison (2015): A phylogenomic analysis of turtles. – Mol Phylogenet Evol. 83: 250–257.

Eine phylogenetische Analyse der Schildkröten.

Die molekularen Analysen der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Schildkröten revidierten die vorherrschenden morphologischen Hypothesen und verlangten nach der Einführung einer neuen Taxonomie. Hier berichten wir über die erste Genom-skalierte Analyse zur Phylogenie der Schildkröten. Wir sequenzierten dazu 2.381 sehr konservierte Element-(UCE)-Loci, die insgesamt 1.718.154 bp von linear abgeglichenen Sequenzen umfassen. Unsere Proben beinhalten 32 Schildkrötentaxa aus allen 14 anerkannten Schildkrötenfamilien sowie zusätzliche sechs Außengruppen. Die Maximum-Wahrscheinlichkeitsmethode, die Bayesian–Zuordnung und die Spezies-Stammbaummethode lieferten alle nur eine aufgelöste Phylogenie (Stammbaum). Diese gut abgesicherte Phylogenie zeigt, dass die vorgeschlagenen phylogenetischen Namen gut mit den entsprechenden Kladen übereinstimmen. Zudem ist diese Phylogenie in Übereinstimmung mit dem zeitlichen Auftreten der Kladen in der Paleobiogeographie. Zukünftige Studien zur Schildkrötenphylogenie, die fossile Schildkröten miteinbeziehen, sollten diese Topologie als Vorlage für ihre morphologisch-basierten phylogenetischen Analysen nutzen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hierbei handelt es sich sicher um eine gut abgesicherte molekulargenetische Einordnung der Schildkröten in ein taxonomisches System. Dennoch muss man auch hier anmerken, dass man nicht unbedingt erwarten kann, dass morphologische Studien an vereinzelten Fossilfunden eine gleiche Zuordnung liefern würden. Bei der morphologischen Beschreibung handelt es sich immer auch um die Beschreibung eines exemplarischen (individuellen) Phänotyps der im Fall von Fossilien aus einem ganz bestimmten individuellen Lebensraum stammt. Wir wissen heute aus etlichen Studien wie sich veränderte Umweltbedingungen auf die davon betroffenen Individuen ein und derselben Spezies auswirken und zu unterschiedlichen Phänotypen führen. Deshalb ist es fast schon vorhersagbar, dass insbesondere für Fossilfunde aus längst vergangener Zeit (zu denen wir keine wirklichen Daten über deren mikroökologische Einnischung haben) auch abweichende Daten beschrieben werden. Hier gäbe es eigentlich – nur wenn noch möglich – die Möglichkeit DNS aus Knochen zu gewinnen und diese mit den Daten von rezenten Individuen zu vergleichen. Siehe auch Kommentar zu Renner (2016) und die dort zitierte Literatur.

Literatur

Renner, S. S. (2016): A Return to Linnaeus's Focus on Diagnosis, Not Description: The Use of DNA Characters in the Formal Naming of Species. – Systematic Biology, 65: 1085–1095 oder Abstract-Archiv.

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