Wendland - 2010 - 01

Wendland, L. D ., J. Wooding, C. L. White, D. Demcovitz, R. Littell, J. D. Berish, A. Ozgul, M. K. Oli, P. A. Klein, M. C. Christman & M. B. Brown (2010): Social behavior drives the dynamics of respiratory disease in threatened tortoises. – Ecology 91(5): 1257-1262.

Das Sozialverhalten beeinflusst die Ausbreitungsdynamik für Atemwegserkrankungen bei gefährdeten Schildkröten.

DOI: 10.1890/09-1414.1 ➚

Georgia-Gopherschildkröte, Gopherus polyphemus, – © Tracey D. Tuberville
Georgia-Gopherschildkröte,
Gopherus polyphemus,
© Tracey D. Tuberville

Seit den frühen Neunzigerjahren (1990) Sind Erkrankungsrate und Sterblichkeit in Landschildkrötenpopulationen mit einer übertragbaren Mykoplasmeninfektion assoziiert, die als Obere-Atemwegserkrankung (upper respiratory tract disease, URTD) bekannt ist. Obwohl die Ätiologie, die Übertragbarkeit und die Diagnose von URTD intensiv untersucht wurden, ist bis heute wenig über die Dynamik der Krankheitsübertragung für frei lebende Schildkrötenpopulationen bekannt. Um nun die Übertragungsdynamiken für Mycoplasma agassizii, die bedeutendste Mykoplasme für URTD bei wild lebenden Schildkrötenpopulationen, besser zu verstehen, untersuchten wir 11 Populationen von frei lebenden Gopherschildkröten (Gopherus polyphemus; n=1667 Individuen) über einen Zeitraum von fünf Jahren und erfassten deren Kontakt mit dem Pathogen mittels serologischer Analysen, anhand der klinischen Symptome und durch den Nachweis des Erregers in den Proben von Nasenspülungen. Adulte Landschildkröten (n=759) hatten ein 11-mal höheres Risiko seropositiv zu sein als subadulte Schildkröten (n=242) (odds ratio = 10,6, 95 % CI=5,7-20; P<0,0001). Nasenausfluss wurde nur bei 1,4 % (4 von 296) der juvenilen Landschildkröten gefunden, während 8,6 % (120 von 1399) der Adulten dieses Symptom zeigten. Die Nasenspülproben von allen juvenilen Schildkröten (n=283) waren in der PCR negativ für Mykoplasmen, die mit URTD assoziiert sind. Wir testeten auch in Bezug auf die räumliche Verteilung zwischen den Schildkrötenhöhlen und in Abhängigkeit zur Größenklasse der Tiere und fanden keine Hinweise für eine Clusterbildung für juvenile und adulte Schildkröten. Wir vermuten, dass das Sozialverhalten der Landschildkröten eine kritische Rolle für die Ausbreitung von URTD bei wild lebenden Populationen darstellt, wobei die geringe Interaktion subadulter Schildkröten mit adulten Schildkröten dazu beiträgt, dass subadulte Tiere weniger mit dem Pathogen in Kontakt kommen. Diese Befunde haben weit reichende Konsequenzen für die Modellierung solch horizontal übertragbarer Erkrankungen für Arten mit minimaler elterlicher Fürsorge für den Nachwuchs, was zeigt, wie wichtig es ist die Verhaltensparameter der Tiere mit in die Studien zur Krankheitsübertragung mit einzubeziehen, um die Wirtstier-Pathogen-Dynamik zu charakterisieren.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Studie bestätigt eigentlich schon frühere Vermutungen, die auch schon kommentiert sind (Johnson et al. 2006, Karlin 2008, Hunter et al. 2008) und zeigt, dass juvenile bis subadulte Schildkröten einen gewissen Schutz gegenüber der Krankheitsübertragung haben. Rein praktisch betrifft das auch die Tierhaltung, und auch dort beobachtet man dieses Phänomen. Denn viele ratsuchende Halter von Breitrandschildkröten oder Sternschildkröten berichten darüber, dass ihre Jungtiere jahrelang frei von Nasenausfluss waren, und plötzlich ist er da. Wie ich meine, tritt beim Vorhandensein von infizierten Adulttieren die Symptomatik zunehmend erst ab einem Alter auf, wenn z. B. adulte Männchen beginnen junge Subadulte anzupaaren. Nur bei zu dichter gemeinsamer Haltung, Fütterung und Trinkwassernutzung kann es auch schon früher zur Übertragung durch oral aufgenommene Erreger kommen. Die Daten liefern aber auch die Grundlange für den Aufbau von gesunden Zuchtgruppen, die nur aus Erreger freien Jungtieren herangezogen werden, ohne dass sie Kontakt zu möglicherweise infizierten adulten Schildkröten bekommen. Hier deutet sich ganz klar eine Abhilfemaßnahme an, die jeder, wenn er oder sie den nötigen Platz hat, realisieren kann. Wie konsequent Sie selbst sich in Bezug auf den separaten Aufbau gesunder Gruppen verhalten wollen, können Sie selbst entscheiden. Was mir an dieser Arbeit noch auffällt, dass die Autoren hier von Sozialverhalten bei Gopherschildkröten sprechen, während die Wiener Wissenschaftler eines Lehrstuhls für Lerntheorien den wesentlich sozialeren Köhlerschildkröten ein Sozialverhalten absprechen, obwohl das durch ihre eigenen Befunde zur Lernfähigkeit nicht unbedingt untermauert wird (siehe Anmerkung zu Wilkinson et al. 2010) Vielleicht sollten sich die Akademiker einmal zusammensetzen und eine klare Definition für den anscheinend abstrakten und willkürlich benutzen Begriff „Sozialverhalten“ erarbeiten. Andernfalls würde ich vorschlagen, davon auszugehen, das jedes Lebewesen, das sich zweigeschlechtlich fortpflanzt und dazu mit einen Partner des anderen Geschlechts in Kontakt treten muss, eine gewisse Form von Sozialverhalten realisieren muss. Letzteres ist ja auch genau, was wir selbst bei Schildkröten, die wir bezogen auf die Haltung wohl einzeln zuhaltender „Einzelgänger“ beobachten, da auch diese Schildkröten beim Zusammentreffen mit einem potentiellen Geschlechtspartner ein durchaus ausgefeiltes (Kommunikation-) Balzverhalten zeigen. Ist Letzteres nicht auch sozial? Ja selbst eine weibliche Breitrandschildkröte verhält sich ihrem werdenden Nachwuchs gegenüber sozial, denn sie merken sich sehr genau, wo sie auf dem Ablagehügel das erste Gelege der Saison abgelegt haben, und sowohl ich wie sicherlich kein anderer wird je beobachtet haben, dass sie das Zweitgelege bzw. Drittgelege an der selben Stelle abzulegen versuchen. Selbst wenn dort die Eier längst entfernt sind kann man sie bestenfalls durch eine komplette Umgestaltung des Hügels dazu bewegen im selben Jahr an selber Stelle ein weiteres Gelege abzusetzen. Allein das sollte einem aber auch schon etwas über die Gedächtnisleistung in Bezug auf die räumliche Orientierungsfähigkeit dieser Tiere verraten.

Literatur

Hunter, K. W. Jr., S. A. Dupré, T. Sharp, F. C. Sandmeier & C. R. Tracy (2008): Western blot can distinguish natural and acquired antibodies to Mycoplasma agassizii in the desert tortoise (Gopherus agassizii). – Journal of Microbiological Methods 75(3): 464-471 oder Abstract-Archiv.

Johnson, A. J., D. J. Morafka & E. R. Jacobson (2006): Seroprevalence of Mycoplasma agassizii and tortoise herpesvirus in captive desert tortoises (Gopherus agassizii) from the Greater Barstow Area, Mojave Desert, California. – Journal of Arid Environments 67: 192-201 Suppl. S oder Abstract-Archiv.

Karlin, M. (2008): Distribution of Mycoplasma agassizi in a Gopher Tortoise population in south Florida. – Southeastern Naturalist 7(1): 145-158 oder Abstract-Archiv.

Wilkinson, A., K. Kuenstner, J. Mueller & L. Huber (2010): Social learning in a non-social reptile (Geochelone carbonaria). – Biology Letters 6(5): 614-616 oder Abstract-Archiv.

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