Europäische Sumpfschildkröte (links), Emys orbicularis, und Westkaspische Schildkröte (rechts), Mauremys rivulata, sonnen gemeinsam – © Hans-Jürgen Bidmon
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Levi - 2025 - 01

Levi, Anat, Omri Meir, Ohad Vilk, Ran Nathan, Sivan Toledo, Oren Kolodny & Yoni Vortman (2025): Homing through ecological barriers in Balkan pond turtles. – Biology Letters 21(3): 20240442.

Orientierung durch ökologische Barrieren bei Kaspischen Bachschildkröten.

DOI: 10.1098/rsbl.2024.0442 ➚

Westkaspische Schildkröte, Mauremys rivulata, – © Hans-Jürgen Bidmon
Europäische Sumpfschildkröte,
Emys orbicularis, (links), und
Westkaspische Schildkröte,
Mauremys rivulata, (rechts),
© Hans-Jürgen Bidmon

Das Homing-Verhalten, d. h. die Tendenz, von einem Ort außerhalb des eigenen Heims nach Hause zurückzukehren, setzt die Fähigkeit voraus, durch die Integration natürlicher Signale zu navigieren. Die Navigation ist zwar umfassend erforscht worden, doch bleibt sie taxonomisch voreingenommen und konzentriert sich hauptsächlich auf Vögel. Wir haben das ATLAS-Trackingsystem verwendet, um das Heimfindeverhalten der Kaspischen Bachschildkröte (Mauremys rivulata), einem semi-aquatischen Reptil, zu testen. Sechsunddreißig Schildkröten wurden bis zu 2,5 km von ihrem Fangplatz entfernt ausgesetzt und geortet, um ihr Heimfindeverhalten zu testen. Weitere fünf Exemplare wurden an ihrem Fangort freigelassen, um die lokale Bewegung zu ermitteln. Es wurde ein korreliertes Random-Walk-Modell entwickelt, das Bewegungsmuster simuliert, die den Bewegungen der Schildkröten entsprechen. Die meisten umgesetzten Schildkröten kehrten innerhalb von 1 bis 3 Tagen erfolgreich in ihr Heimatgebiet zurück oder machten sich auf den Weg dorthin, wobei sie innerhalb dieser Tage deutlich größere Tagesstrecken zurücklegten. Heimkehrende Schildkröten wiesen eine direktere und kürzere Verzögerung auf als simulierte oder nicht umgesiedelte Schildkröten. Unsere hochauflösende Nachverfolgung der Schildkröten zeigte, dass Wasserleitungen als ökohydrologische Barrieren dienten, die erhebliche Verzögerungen verursachten oder die Schildkröten daran hinderten, das Wasser zu durchqueren. Insgesamt zeigen wir die Navigationsfähigkeit der Bachchildkröte und machen diese Art zu einem potenziellen Modellsystem für die Navigationsforschung und Naturschutzbiologie, insbesondere als Indikator für die Vernetzung von Feuchtgebieten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Ob diese Studie nun wirklich ein neues Modelltier für die Navigationsforschung bei Reptilien aufzeigt bleibt etwas fraglich, wenn man es mal mit den nachgewiesenen Navigationsfähigkeiten anderer Arten vergleicht (siehe Roth & Krochmal, 2025; Roth et al., 2016; Xiao et al., 2021; Otten et al., 2023). Zudem wurde schon von Chelazzi et al. (2007) auf solche Fähigkeiten und eine gute Lebensraumkenntnis verwiesen. Auch, wenn wir mal auf die Weibchen von Sumpf- und Wasserschildkröten schauen, wird klar, dass auch sie bei der Nistplatzsuche und in Bezug auf die Nistplatztreue entsprechende Navigationsfähigkeiten alljährlich unter Beweis stellen. Ja, was mich dabei auch immer wieder fasziniert ist auch deren Habitatkenntnis, denn meist findet man bestimmte Individuen immer am selben Sonnenbadeplatz, wobei sich auch zeigt, dass sie wahrscheinlich eine Karte (Map) vom Lebensraum gespeichert haben, denn sie nutzen im Frühjahr und Herbst zwar dieselben Sonnenbadeplätze, aber je nach Tageszeit und Sonnenstand unterschiedlich. Was sich dabei auch zeigt ist eine gewisse Lernfähigkeit, denn selbst hierzulande zeigen selbst die invasiven, hier nicht heimischen Schildkröten diese Fähigkeiten in Bezug auf die Sonnenbadeplatzwahl und vielleicht auch Nistplatzwahl in fremder Umgebung. Letzteres fällt einem auch insbesondere im Frühjahr auf, denn, wenn es nicht zu größeren Überflutungen wie bei der Flut im Ahrtal kommt, findet man dieselben Individuen auch nach der Winterruhe wieder an ihrem angestammten Sonnenbadeplätzen. Insofern liefern solche Studien zwar vielleicht statistisch besser abgesicherte Daten, aber nicht wirklich neue Erkenntnisse, wenn man sich einmal das vor Augen führt was man schon seit „Urzeiten“ beobachten konnte.

Literatur

Chelazzi, G., T. Naziridis, S. Benvenuti, A. Ugolini & A. J. Crivelli (2007): Use of river-wetland habitats in a declining population of the terrapin (Mauremys rivulata) along the Strymon River, northern Greece. – Journal of Zoology 271(2): 154-161 oder Abstract-Archiv.

Otten, J. G., L. Williams & J. M. Refsnider (2023): Assessing translocation success and long-distance homing in riverine turtles 10 years after a freshwater oil spill. – Conservation Science and Practice 5(4): e12922 oder Abstract-Archiv.

Roth, T. C. II & A. R. Krochmal (2015): The Role of Age-Specific Learning and Experience for Turtles Navigating a Changing Landscape. – Current Biology 25(3): 333-337 oder Abstract-Archiv.

Roth, T. C. II, A. R. Krochmal, W. B. Gerwig 4th, S. Rush, N. T. Simmons, J. D. Sullivan & K. Wachter (2016): Using Pharmacological Manipulation and High-precision Radio Telemetry to Study the Spatial Cognition in Free-ranging Animals. – Journal of Visualized Experiments 6(117): 54790 oder Abstract-Archiv.

Xiao, F., R. Bu, L. Lin, J. Wang & H. Shi (2021): Home-site fidelity and homing behavior of the big-headed turtle Platysternon megacephalum. – Ecology and Evolution 11(11): 5803-5808 oder Abstract-Archiv.

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