Carolina-Dosenschildkröte, Terrapene carolina, – © Hans-Jürgen Bidmon

Leighty - 2013 - 01

Leighty, K. A., A. P. Grand, V. L. Pittman Courte, M. A. Maloney & T. L. Bettinger (2013): Relational Responding by Eastern Box Turtles (Terrapene carolina) in a Series of Color Discrimination Tasks. – Journal of Comparative Psychology 127(3): 256-264.

Die Reaktionen von Carolina-Dosenschildkröten (Terrapene carolina) in einer Serie von Farbunterscheidungstests.

DOI: 10.1037/a0030942 ➚

Carolina-Dosenschildkröte, Terrapene carolina, – © Hans-Jürgen Bidmon
Carolina-Dosenschildkröte,
Terrapene carolina,
© Hans-Jürgen Bidmon

Frühere Arbeiten mit Schildkröten zeigten deren Fähigkeit zur erfolgreichen Absolvierung kognitiver Tests, einschließlich solcher, die eine Farbunterscheidung erforderten. Hier bauten wir auf diese historischen Befunde auf und bestimmten, ob Carolina-Dosenschildkröten (Terrapene carolina) in der Lage sind, nicht nur einfache Farbunterschiede festzustellen, sondern ob sie auch eine abstrakte Konzeptbildung durchführen können, indem sie einen rationalen Reaktionsablauf im Zusammenhang mit der Farbunterscheidung zeigen müssen. Zwei östliche Dosenschildkröten wurden relativ schnell und erfolgreich dahingehend trainiert, einen Schwarz-Weiß-Unterscheidungstest (Zweiauswahlmöglichkeiten) zu durchlaufen, wobei gefärbte Blätter sowie eine Futterbelohnung eingesetzt wurden. Nachdem sie das gelernt hatten, wurde ein grau gefärbtes drittes Blatt als Auswahlstimulus hinzugefügt und die Schildkröte namens „Flippy“ wurde belohnt, wenn sie in jedem der Tests das dunkelste Blatt von den zwei Auswahlmöglichkeiten auswählte, während die andere Schildkröte namens „Mario“ immer belohnt wurde, wenn sie das hellere Blatt von den zwei angebotenen selektierte. Nicht belohnte Versuchstests mit angebotenen hellgrauen und dunkelgrauen Stimuli gepaart mit allen anderen Farboptionen wurden in jede Testreihe eingebaut, um die Fähigkeit der Schildkröten zu erfassen, wie sie die Beziehung zwischen den zwei Auswahlstimuli nutzen, um ihre Verhaltensreaktion zu steuern. Beide Schildkröten wählten entsprechend ihrer rationalen Reaktionsnorm und wählten entweder immer das dunkelste (Flippy) oder hellste (Mario) Blatt und zwar signifikant höher als es per Zufallsentscheidung möglich wäre. Die Schildkröten waren im Anschluss daran auch sofort in der Lage, ihre rationale Entscheidungsfindungsrolle zu generalisieren, wenn man ihnen die Blätter in einem anderen Farbton z. B. Blau zur Auswahl anbot. Zum Schluss waren sie auch in der Lage, ihre rationale Entscheidungsrolle auf einen neu präsentierten Farbtest mit grünen Blättern zu übertragen. Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse das Vermögen der Schildkröten zu höheren kognitiven Leistungen, als es bisher aus früheren Studien bekannt war.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Studie belegt, dass diese Dosenschildkröten ihr erlerntes Auswahlverhalten auf andere Farbtöne und Abstufungen eines Farbtons (grau/schwarz) übertragen können, was für sich genommen schon mal bemerkenswert ist! Es stellt sich mir jedoch die Frage, warum können sie das so gut? Liegt es etwa daran, dass – wie ich aus eigener Erfahrung in North Carolina weiß – ihr Aktivitätszeitraum weit mehr in der Nacht liegt als bei manch anderer Landschildkrötenart, und hier das Sprichwort „nachts sind alle Katzen grau“ besonders zutreffend ist und sie dementsprechend per se daran angepasst sind, in ihrem Lebensraum Nahrung und Strukturen des Nachts nicht an ihrer eigentlichen Farbe, sondern an ihren Nuancen an Unterschieden in der Graustufe zu erkennen?
Wie schon des Öfteren angesprochen, sollten wir uns sehr wohl überlegen, woran welche Spezies oder Lebensform angepasst ist, und was für sie ein angepasstes adäquates Testsignal sein könnte. Denn letztendlich würden wir wahrscheinlich auch einen äußerst intelligenten rot-grün-blinden Mitbürger mangelnde kognitive Leistungsfähigkeit bescheinigen, wenn wir ihn in einem Farbspektrum testen würden, das nur Rotgrünabstufungen zeigt. Es ist also durchaus hilfreich, erst einmal die ökologischen Nischen zu analysieren, die ein Lebewesen besiedelt und zu bestimmten Tageszeiten nutzt, um sich dann entsprechende Tests und Testabläufe auszudenken, als einfach drauf los zu testen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass beispielsweise
Geoemyda spengleri bei bestimmten Tests, die auf ein ausgeprägtes Sozialverhalten ausgerichtet sind, nicht gerade gut abschneidet, es sei denn man gestaltet den Test so, dass man Agressionsvermeidungsverhalten testen will. Denn die Jungtiere sind darauf geprägt sich möglichst aus dem Weg zu gehen und sich nicht in einen aktuellen Kampf einzulassen. Denn letztendlich ist das auch eine Form von Sozialverhalten, die eben zum Leben eines so genannten „Einzelgängers“ dazu gehört (siehe Kommentar zu Crews et al. 2006). Allerdings wäre sie wohl bei visuellen Erkennungsaufgaben wesentlich effektiver als manch andere nicht aktiv jagende Schildkrötenart. Eigentlich würde ich davon ausgehen, dass man als jemand, der solche Tests kreiert, sich auch immer selber testet, nämlich dahingehend „wie intelligent bin ich selbst, ein für dieses Tier geeignetes Testverfahren zu etablieren?“. Ich denke diesbezüglich werden heute die meisten wissenschaftlichen Fehler gemacht, da man solche Tests oft an Bachelorstudenten überträgt, die in sehr kurzer Zeit, sprich in wenigen Wochen zu Ergebnissen kommen sollen (da die Zeit für solche Arbeiten ja meist formell vorgegeben ist), ohne sich mit der Lebensweise der Versuchsobjekte wirklich auszukennen oder die Zeit zu haben sich damit vertraut zu machen. Letzteres wird auch gerade durch den aktuell vertretenen Tierschutz und die damit politisch zu verantwortenden Vorgaben nur verschlimmert als verbessert, denn Studenten dürfen heute trotz Studiums und Betreuung, ohne vorher zeitaufwändige und platzlimitierte Spezialkurse absolviert zu haben, kein Wirbeltier in einem offiziellen Versuchsvorhaben auch nur anfassen; eine Voraussetzung, die sich meist aufgrund der Zeitlimitierung für solche Arbeiten gar nicht legal, planmäßig realisieren ließe. Es ist also kein Wunder, wenn es hier auch weiterhin selbst zu wissenschaftlich motivierten Fehlinterpretationen kommt. Gerade in Bezug auf die als Exoten bezeichneten Tiergruppen würde ich heute schon eher den Beobachtungen von erfahrenen privaten Terrarianern mehr trauen, als den Daten, die in solchen wissenschaftlichen Kurzarbeiten angeblich erarbeitet wurden. Siehe zur Problematik auch Doody et al. (2013).

Literatur

Crews, D., W. Lou, A. Fleming & S. Ogawa (2006): From gene networks underlying sex determination and gonadal differentiation to the development of neural networks regulating sociosexual behavior. – Brain Research 1126(1): 109-121 oder Abstract-Archiv.

Doody, J. S., G. M. Burghardt, & V. Dinets (2013): Breaking the Social-Non-social Dichotomy: A Role for Reptiles in Vertebrate Social Behavior Research? – Ethology 119(2): 95-103 oder Abstract-Archiv.

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