Luiselli - 2024 - 01

Luiselli, L., G. S. Demaya, J. S. Benansio, S. N. Ajong, M. Behangana, L. Marsili, P. Giovacchini, D. Dendi, J. E. Fa, A. D. Walde & C. Battisti (2024): Searching priorities for a species at the brink of extinction: Threats analysis on the critically endangered Nubian Flapshell Turtle (Cyclanorbis elegans). – African Journal of Ecology 62(2): e13256.

Die Suche nach Prioritäten für eine Art kurz vor deren Ausrottung: Gefährdungsanalyse für die hochgradig gefährdete Nubische Klappenweichschildkröte (Cyclanorbis elegans).

DOI: 10.1111/aje.13256 ➚

Die vom Aussterben bedrohte Nubische Klappenschildkröte (Cyclanorbis elegans) ist im Flusssystem des Weißen Nils im Südsudan und im Norden Ugandas beheimatet. In den letzten Jahrzehnten sind ihre Bestände stark zurückgegangen, vor allem aufgrund von Bedrohungen durch den Menschen, was dazu geführt hat, dass sie in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet fast ausgerottet ist. In diesem Beitrag stellen wir die Ergebnisse einer umfassenden Bedrohungsanalyse vor, die durchgeführt wurde, um die Herausforderungen zu ermitteln, mit denen die Art in ihrem natürlichen Lebensraum konfrontiert ist, insbesondere an den einzigen bekannten Standorten, an denen sie derzeit vorkommt. Unser Ziel war es, einen konzeptionellen Rahmen zu entwickeln, um kausale Beziehungen zwischen treibenden Kräften, Bedrohungen und der Zielart zu verstehen. Dieser Rahmen ermöglicht die Visualisierung und Analyse des Netzes komplizierter Wechselwirkungen, die zum Rückgang und zur Gefährdung der Art beitragen. Wir haben ein Expertengremium einberufen, das drei primäre direkte Bedrohungen für die Nubische Klappenschildkröte identifiziert hat: (1) Sandabbau (IUCN-Code 3.2); (2) Überfischung durch einheimische Fischer und Flüchtlinge (Code 5.4) und (3) Verlust von Lebensraum und Nistplätzen (Code 7.3). Unter diesen Bedrohungen hatte die Überfischung die größte geografische Ausdehnung, die höchste Intensität und den längsten andauernden Fortbestand, während der Verlust von Lebensraum am häufigsten auftrat. Die Intensität und Häufigkeit dieser Bedrohungen variierte erheblich. Bei der Bewertung des Gesamtausmaßes dieser Bedrohungen hatten der Verlust von Lebensräumen und die Überfischung die größten Auswirkungen, mit deutlich höheren Werten als der Sandabbau. Unsere Experten identifizierten auch die treibenden Kräfte hinter diesen Bedrohungen: (1) wirtschaftliche Interessen, die den Sandabbau entlang des Nils vorantreiben; (2) der Einfluss von Bürgerkriegen und Flüchtlingen, die zur Nachfrage nach Buschfleisch beitragen; (3) die chinesischen Auswanderer, die zur Überfischung führen; (4) die Entfernung der Ufervegetation als Katalysator für den Verlust von Lebensraum an Nistplätzen. Der sich daraus ergebende konzeptionelle Rahmen dient als wertvolles Instrument zur Festlegung gezielter Schutzmaßnahmen für jede einzelne Bedrohung.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Es ist schon erstaunlich, dass man erst in jüngster Vergangenheit dazu übergegangen ist Multiexpertenteams zusammenzustellen, um diese multifaktoriellen Gefährdungsanalysen für hochgradig gefährdete Arten zusammenzustellen. Ja, und es wird Zeit, dass man beginnt komplexe, sich verändernde Umweltszenarien so zu analysieren wie man es von der Arbeit an komplexen physikalischen Problemen schon lange kennt. Warum sollten komplexe Leben erhaltende Umweltszenarien leichter zu analysieren sein als physikalische bzw. astrophysikalische bzw. komplexe chemische Prozesse? Allerdings bin ich auch skeptisch in Bezug auf die hier aufgelisteten Gefährdungen, denn letztendlich müssen wir doch weltweit und nicht nur auf Afrika beschränkt erkennen, dass das höchste Gefährdungspotential auf Seiten der Politik anzusiedeln ist. Ohne eine zuverlässige sozioökonomische Politik wird sich auch die Lage der Flüchtlinge nicht ändern, die dann auf solche Ressourcen zur Ernährung zurückgreifen. Letztendlich sehen wir ja heute schon die Verschiebungen der politischen Verhältnisse in einigen der in der Arbeit angesprochenen Staaten, die aktuell selbst die diesbezüglich laufenden Bemühungen dieser Expertenteams drastisch einschränken dürften. Vielleicht könnte man sich, wenn man schon diese Probleme wiederholtermaßen auf Gipfeltreffen diskutiert mal dazu durchringen nicht nur Drohnen mit hochauflösenden Kameras zur Aufklärung in Kriegsgebieten einzusetzen, sondern auch zur großräumigen Erfassung der Vorkommensgebiete solch bedrohter Arten wie dies ansatzweise für Elefanten und Nashörner zum Teil probiert wird. Ich denke die finanziellen Mittel ließen sich leicht generieren, wenn man die Abstände zwischen den oft wirkungslosen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammengeschrumpften Gipfeltreffen verlängern würde und die dadurch eingesparten Reisekosten für praktische Projektarbeit nutzen würde. Es ist doch wohl heute schon absehbar, dass man, wenn die von Murali et al. (2023) aufgezeigten, globalen Klimaszenarien eintreten werden, und danach sieht es aus, gar keine zwei getrennten Gipfel für Klima wie COP28 und Biodiversitätsgipfel mehr benötigt, da beide fast identische Problemstellungen zukünftig behandeln müssten. Siehe dazu auch: Asefa et al., (2020); Luiselli et al., (2021a;b; 2022); Mandimbihasina et al., (2018); Morgan & Chng, (2018); White et al., (2022) und die dortigen Kommentare.

Literatur

Asefa, A., H. Hailu & A. Kebede (2020): Density, Threats, and Conservation of Leopard Tortoises (Stigmochelys pardalis) in Ethiopia. – Herpetological Conservation and Biology 15(3): 512–525 oder Abstract-Archiv.

Luiselli, L., G. S. Demaya, J. S. Benansio, T. F. Lado & S. Jubarah (2022): Nubian flapshell turtle found in northern Uganda. – Oryx 56(1): 10 oder Abstract-Archiv.

Luiselli, L., D. Dendi, J. S. Benansio, G. S. Demaya & C. B. Standord (2021a): An additional threat to the recently rediscovered Nubian flapshell turtle in South Sudan. – Oryx 55(4): 490 oder Abstract-Archiv.

Luiselli, L., T. Diagne & P. Mcgovern (2021b): Prioritizing the next decade of freshwater turtle and tortoise conservation in West Africa. – Journal for Nature Conservation 60(S2): 125977; DOI: 10.1016/j.jnc.2021.125977 ➚.

Mandimbihasina, A. R., L. G. Woolaver, L.E. Concannon, E. J. Milner-Gulland, R. E.Lewis, A. M. R. Terry, N. Filazaha, L. L.Rabetafika & R. P. Young (2018): The illegal pet trade is driving Madagascar‘s ploughshare tortoise to extinction. – Oryx 54(2): 188-196 oder Abstract-Archiv.

Morgan, J. & S. Chng (2018): Rising internet-based trade in the Critically Endangered ploughshare tortoise Astrochelys yniphora in Indonesia highlights need for improved enforcement of CITES. – Oryx 52(4): 744-750 oder Abstract-Archiv.

Murali, G., T. Iwamura, S. Meiri & U.Roll (2023): Future temperature extremes threaten land vertebrates . – Nature 615(7952): 461-467 oder Abstract-Archiv.

White, N. F. D., H. Mennell, G. Power, D. Edwards, L. Chrimes, L. Woolaver, J. Velosoa, Randriamahita, R. Mozavelo, T. H. Rafeliarisoa, G. Kuchling, J. Lopez, E. Bekarany, N. Charles, R. P. Young, R. Lewis, M. W. Bruford & P. Orozco-terWengel (2022): A population genetic analysis of the Critically Endangered Madagascar big-headed turtle, Erymnochelys madagascariensis across captive and wild populations. – Scientific Reports 12(1): 8740 oder Abstract-Archiv.