Rotwangen-Schmuckschildkröte, Trachemys scripta elegans, sitzt sonnend am Ufer – © Hans-Jürgen Bidmon

Nekrasova - 2022 - 01

Nekrasova, O., V. Tytar, M. Pupins & A. Čeirāns (2022): Range expansion of the alien red-eared slider Trachemys scripta (Thunberg in Schoepff, 1792) (Reptilia, Testudines) in Eastern Europe, with special reference to Latvia and Ukraine. – BioInvasions Records 11(1): 287-295.

Die Verbreitungsgebietsexpansion der fremden Rotwangen-Schmuckschildkröte Trachemys scripta (Thunberg in Schoepff, 1792) (Reptilia, Testudines) in Osteuropa, mit speziellen Verweisen für Litauen und die Ukraine.

DOI: 10.3391/bir.2022.11.1.29 ➚

Rotwangen-Schmuckschildkröte,
Trachemys scripta elegans,
© Hans-Jürgen Bidmon

Eine zunehmende Anzahl an thermophilen, invasiven Spezies verbreiten sich als Zugehörige zur Natur in Osteuropa, was zum Teil an dem derzeitig fortschreitenden Klimawandel liegen mag. Das lässt sich exemplarisch anhand der derzeitigen Verbreitung der Rotwangen-Schmuckschildkröte, Trachemys scripta elegans in Litauen und der Ukraine zeigen. Wir sammelten dazu 44 Nachweise für diese Spezies in Litauen und 79 Nachweise der Spezies in der Ukraine. Es wurden dabei zwei der drei bekannten Unterarten gefunden – T. s. elegans und T. s. scripta. Für beide Länder wurden Paarungsverhalten und Eiablagen beobachtet. Diese Individuen überleben die Winter im Freiland (Wildnis) erfolgreich. Aufgrund des Klimawandels ist es wahrscheinlich, dass sich diese Spezies in Litauen und der Ukraine etabliert.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Da diese Spezies langlebig ist dürften ihr auch langanhaltende sommerliche Warmphasen wie sie vielleicht wie hier in Deutschland ein bis zweimal in einem Jahrzehnt auftreten durchaus ausreichen, um sich auch dort erfolgreich zu reproduzieren, wobei sogar die Überlebensfähigkeit der Schlüpflinge relativ hoch liegen könnte, da sie noch nicht zum direkten Beuteschema der heimischen Beutegreifer zählen dürften. Ob und in welchen Lokalitäten sie dabei eine wirkliche Konkurrenz für die einheimischen Sumpfschildkröten, Emys orbicularis darstellen hängt wohl auch sehr von den durch den Menschen verursachten Landschafts- und Gewässerveränderungen ab. Allerdings, wenn sich einige dieser Vorkommen wirklich etablieren, dann hätten wir hier ein schönes Beispiel für eine „Kommerziell unterstütze Gründung von Metapopulationen“ (zu Neudeutsch: Commercially Assited Colonization) durch den Menschen. Letztendlich könnte so etwas sogar eine Kompensation für den Verlust ihrer natürlichen Heimathabitate durch den Klimawandel darstellen. Wir Menschen gehören auch zu den Vertebraten zählenden Spezies und damit zum gleichen taxonomischen Stamm wie diese Schildkröten und wenn wir den Schildkröten anlasten sich invasiv zu verhalten, dann stehen wir ihnen auch diesbezüglich recht nahe (siehe dazu z. B. Santos & Fiori, 2020). Da wir aber den Klimawandel wohl kaum stoppen werden, weil uns zumindest aktuell militärische Auseinandersetzungen und in vielen Fällen Profit und Reisen wichtiger sind, werden wir den Verlust von Arten einschließlich von jenen die zu den Chelonia zählen in Kauf nehmen müssen (siehe dazu auch die unten angeführten Links). Aber vielleicht sind es dann ja diese von uns als invasiv bezeichneten Arten die den 260 Millionen Jahre andauernden Fossilrekord (Cordero, 2023) der Chelonia vorsetzen können. Unsere eigenen Nachfolgegenerationen freuen sich vielleicht darüber und bezeichnen die überdauernden Spezies oder gar Hybridspezies als die anpassungsfähigen „Modernen“. Wie oft mag so etwas im Laufe der Evolution schon passiert sein? Langfristig vorausschauend denken, heißt ja auch zu sehen, dass wenn die Berechnungen einigermaßen genau sind, zu erkennen, dass die auf einer fast kugelförmigen Ellipse treibenden Kontinente sich nicht nur weiter auftrennen, sondern in circa 250-300 Millionen Jahren auch wieder einen Superkontinent bilden werden (Mitchell et al., 2021). Wir sollten also heute nicht so tun als hätten wir unser und das Schicksal anderer Spezies wirklich in der Hand. Deshalb ist es sicherlich gut und gerechtfertigt, wenn wir versuchen die Biodiversität hoch zu halten, da sie dann schon rein statistisch mehr Evolutionsmöglichkeiten für die Zukunft bietet, aber es hängt dann immer noch davon ab welche unserer Maßnahmen wirklich wo auf der Welt einen Beitrag zum Fortbestand einer Art geleistet haben mag!

Literatur

Cordero, G. A. (2023): The turtle’s shell. – Current Biology 27(5): R163-R171; DOI: 10.1016/j.cub.2016.12.040 ➚.

Mitchell, R. N., N. Zhang, J. Salminen, Y. Liu, C. J. Spencer, B. Steinberger, J. B. Murphy & Z.-X. Li (2023): The supercontinent cycle. – Nature Reviews Earth & Environment 2(5): 358–374; DOI: 10.1038/s43017-021-00160-0 ➚.

Santos, C. F. M. dos & M. M. Fiori (2020): Turtles, indians and settlers: Podocnemis expansa exploitation and the Portuguese settlement in eighteenth-century Amazonia. – Topoi Revista de História 21(44): 350-373 oder Abstract-Archiv.


Weitere lesenswerte Quellen (Alle Verweise mit Stand: 06.11.2023)
Hört auf mit dem #Klimawandel. Der Begriff „Klimawandel“ ist zu einem Allerweltsbegriff geworden, zu einer leeren Chiffre. Wer „Klimawandel“ sagt, verschleiert Machtverhältnisse und kaschiert die Verursacher. https://geschichtedergegenwart.ch/hoert-auf-mit-dem-klimawandel/?utm_source=pocket-newtab-de-de ➚.
https://www.zeit.de/wissen/2023-11/erderwaermung-amazonas-abholzung-duerre-klimawandel?utm_source=pocket-newtab-de-de ➚.
https://www.arte.tv/de/videos/095731-001-A/klima-im-wuergegriff-der-oelkonzerne-1-2/?utm_source=pocket-newtab-de-de ➚.
Jahresrückblick 2023: https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x ➚.
https://www.nzz.ch/wissenschaft/lachszucht-in-island-bedrohen-entflohene-fische-den-bestand-der-wildlachse-ld.1767074?utm_source=pocket-newtab-de-de ➚.
Grossmann, D. (2023): Trouble in the Amazon: The rainforest is starting to release its carbon. Is it heading towards a tipping point? – Nature: https://www.nature.com/immersive/d41586-023-02599-1/index.html ➚.

Galerien