Clapham, P. & K. Van Waerebeek (2007): Bushmeat and bycatch: the sum of the parts. – Molecular Ecology 16(13): 2607-2609.

Wildtierfleisch und Beifang: Die Summe aller Teile

DOI: 10.1111/j.1365-294X.2007.03378.x

In vielen Entwicklungsländern trägt die Tötung wild lebender Tiere zur kommerziellen Vermarktung (der Buschfleischhandel) signifikant zum Rückgang der Biodiversität bei und spielt vermutlich die bedeutendste Rolle für die Bedrohung und das Überleben vieler uns bekannter Populationen. Davon betroffen sind maritime Spezies wie die Cetaceen (Wale), Meeresschildkröten und Sirenen (maritimes Buschfleisch), was bei der Diskussion über diese Problemstellungen oft vergessen wird. Die Erfassung des Buschfleischhandels und die Einschätzung seiner Auswirkungen sind überall schwierig, denn selbst die besten visuellen Inspektionen der Fleischmärkte erlauben es nicht, die gefundenen Fleischmengen einer bestimmten Menge an Individuen (quantitativ) zuzuordnen. In dieser Ausgabe von Molecular Ecology, beschreiben Baker et al. eine äußerst zuverlässige Methode zur Erfassung: Die molekulare Identifikation der kommerziell angebotenen Produkte, die von einer stark ausgedünnten Population von Minkwalen vor Südkorea stammen, durch eine Kombination von Genotypisierung und Fang-Wiederfang-Methode. Mit dieser Methodenkombination lässt sich nicht nur die Anzahl der Individuen, sondern auch die Dauer für die Produkte von diesen Individuen im Handel sind erfassen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dieses Editorial hat das Ziel, die Vorzüge dieser neuen Methode hervorzuheben und klar zu machen, dass die Methode nicht nur für Wale und Meerstiere einsetzbar ist, wobei sich die Editoren hier auf die Arbeit von Baker, C. S., J. G. Cooke, S. Lavery, M. L. Dalebout, Y. Ma, N. Funahashi, C. Carraher & R. L. Brownell (2007): Estimating the number of whales entering trade using DNA profiling and capture-recapture analysis of market products. Molecular Ecology 16(13): 2617-2626 beziehen. Da sich diese Arbeit ausschließlich mit dem legalen und illegalen Fang von Minkwalen beschäftigt, werde ich hier das Abstract nicht wiedergeben, jedoch etwas zur Methode schreiben. Die Autoren dieser Arbeit haben über 5 Jahre hinweg in regelmäßigen Abständen auf den Fleischmärkten Walfleisch sowie andere Walprodukte gekauft (dieser Teil der Methode wird hier als Fang-Wiederfang-Methode bezeichnet). Aus den gekauften Produkten haben sie die mitochondriale DNS isoliert und anhand der Genotypisierung die Anzahl der unterschiedlichen Individuen (Wale) bestimmt, von denen das angebotene Fleisch und die sonstigen Produkte stammten. Sie fanden dabei z. B. in einer Untersuchungsphase 205 distinkte DNS Profile in 289 verschieden Produkten (Fleisch, Souvenirs, etc) die aus Walen gewonnen und angeboten werden. Sie errechneten daraus auch, für wie lange Produkte, die von einem einzelnen Individuum stammen, durchschnittlich angeboten werden, und ermittelten eine Halbwertszeit von 1,82 Monaten. Allerdings was noch bedeutender ist, die Anzahl der ermittelten Individuen lag bedeutend höher als die offiziellen Handelszahlen, denn offiziell waren während 1999-2003 458 Minkwale erlegt worden, wobei die Wissenschaftler aber zeigen konnten, dass sie in ihren frisch gesammelten Proben Produkte von 827 Walen identifizieren konnten. Insofern scheint die Methode wirklich zu weitreichenderen Erkenntnissen zu führen, um die wahren Ausmaße von Bestandsbedrohungen zu erfassen. Die Autoren verweisen selbst darauf, dass man mit dieser Nicht-invasiven-Genotypisierung auch den Handel mit lebenden Tieren besser kontrollieren kann (Blut- bzw. Speichelproben genügen; siehe dazu auch Bulté et al. (2006): An improved blood sampling technique for hatchling emydid turtles. – Herpetological Reviews 37: 318-319 oder Abstract-Archiv). Mit dieser Methode ließen sich auch Schildkrötenprodukte auf den verschiedensten Märkten Asiens und anderswo ermitteln, um genauere Zahlen gerade für die großen Fluss- und Meeresschildkröten zu erfassen, die vermutlich auch in Einzelteile zerlegt feil geboten werden. Allerdings wenn man mal davon ausgeht, dass man dazu kein Fleisch braucht, sondern ein wenig Blut von noch lebenden Tieren genügt, könnte man damit auch den Handel mit lebenden Tieren überwachen, ja sogar feststellen, ob angebliche Nachzuchten wirklich von bestimmten Eltern abstammen oder ob angebliche Geschwister oder Halbgeschwister tatsächlich miteinander verwandt sind oder aus einer bestimmten Population oder Zuchtlinie stammen. Hier tun sich Möglichkeiten auf, die wirklich für den Naturschutz und das Artenschutzmanagement einen Schritt vorwärts bedeuten, um zu verlässlicheren Daten zu kommen, obwohl ich mir auch vorstellen kann, dass die Zukunftsaussichten, die sich daraus ergeben können, noch so manchem oder gar so mancher Institution Kopfzerbrechen und Erklärungsnöte bereiten könnten. Aber wie die Arbeit zeigt, lässt sich die Zukunft nicht aufhalten und wenn die Herausgeber solcher Journale die Bedeutung dieser Methoden durch entsprechende Editorials würdigen, darf man sicher sein, dass darauf auch zukünftig verstärkt zurückgegriffen wird.
Solche genetischen zum Teil nicht-invasiven (selbst Kotproben genügen) Untersuchungen sind heute schon Standardverfahren, die relativ preiswert sind (siehe Berorelle et al. (2007) Genetische Studien an Westlichen Landschildkröten. – Marginata 4(3): 49-53) und somit durchaus auch Schwellenländern eingesetzt werden können. Bedenkt man, dass man Blut oder Speichelproben nehmen kann und einfach auf einem Filterpapier trocknen kann, um sie nicht unter Feldarbeitsbedingungen kühlen zu müssen, so kann jeder Feldherpetologe haltbare Proben von bedrohten Individuen z.B. in einem Gebiet oder Naturschutzreservat sammeln und später zur Genotypisierung weiterleiten. Dieser genetische Fingerabdruck würde auch den Transponder, wie er z. B. von den Amerikanern in den wild lebenden
Glyptemys muhlenbergii eingesetzt wird, und die damit verbundenen Risiken erübrigen. Diese genetischen Fingerabdrücke kann man in nationalen oder gar internationalen Datenbanken (Vielleicht CITES-Datenbank, EMBL-Datenbank etc.) speichern (genauso wie die Polizei genetische Fingerabdrücke in Straftäterdateien speichert). Führt ein Händler nun geschützte Arten ein, oder will ein Privatmann ein Exemplar einer geschützten Art anmelden, bräuchte man bei der Anmeldung nur um eine Speichel- bzw. Blutprobe bitten. Etwa drei Tage später wüsste man, ob der genetische Fingerabdruck zu einer aus einem Zoo entwendeten Schildkröte passt oder ob es sich um ein Schmuggeltier handelt, dass zwei Jahre zuvor schon mal in einem südostasiatischen oder madagassischen Naturschutzgebiet erfasst worden war. Anhand der mitochondrialen DNS könnte man sehr wahrscheinlich selbst legale oder illegale Jungtiere einem bestimmten Elterntier zuordnen, wenn es in der Datenbank erfasst ist (Gaur et al. (2006): The origin of Indian Star tortoises (Geochelone elegans) based on nuclear and mitochondrial DNA analysis: A story of rescue and repatriation. Conservation Genetics 7(2): 231-240 oder Abstract Schildkröten im Fokus 3(3), 2006). Für Arten wie Astrochelys yniphora, Heosemys depressa und etliche andere könnte sich der Aufwand lohnen, und es lägen eindeutige Daten vor, die belegen würden, als wie wirkungsvoll sich so manche Schutzmaßnahme in welchem Land erweist. Auch bei Bestandserfassungen könnte man auf aufwändige Dokumentationen verzichten, denn bei Bedarf würde die Überprüfung der Speichelproben der vorhandenen Tiere zuverlässigere Daten liefern, als ganze Bilderstapel aus diversen Fotodokumentationen. Sicherlich will niemand den totalen Überwachungsstaat, aber dennoch sollte man sich darüber im Klaren sein, welch neue Möglichkeiten die für ein modernes, zeitgemäßes Artenschutzmanagement entwickelten wissenschaftlichen Methoden bieten.

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