Pike - 2013 - 01

Pike, D. A. & J. C. Mitchell (2013): Burrow-dwelling ecosystem engineers provide thermal refugia throughout the landscape. – Animal Conservation 16(6): 694-703.

Höhlengrabende Ökosystemingenieure bauen thermale Rückzugsrefugien verteilt über die Landschaft.

DOI: 10.1111/acv.12049 ➚

Georgia-Gopherschildkröte, Gopherus polyphemus, – © Tracey D. Tuberville
Georgia-Gopherschildkröte,
Gopherus polyphemus,
© Tracey D. Tuberville

Ökosystemingenieure spielen eine fundamentale ökologische Rolle, da sie Habitate dahingehend modifizieren, dass diese für eine Vielzahl anderer Lebewesen dadurch bewohnbar werden, weil jene dann auf Orte zurückgreifen können, die besondere mikroklimatische Bedingungen bieten. Wir stellen die Hypothese auf, dass höhlenbauende Organismen dazu beitragen, die Anpassung an den Klimawandel dahingehend zu beschleunigen, indem sie schützende Rückzugsmöglichkeiten vor den an der Erdoberfläche auftretenden extremen Temperaturschwankungen bieten. Wir stützen diese Hypothese, indem wir zeigen, dass große höhlenbewohnende Schildkröten wie Gopherus polyphemus diese zur Thermoregulation benötigen. Indem wir die verschiedenen Temperaturbedingungen in diesen Höhlen untersuchten, konnten wir zeigen, dass die Schildkröten damit letale Temperaturen und extreme Schwankungen ihrer Körpertemperatur verhindern und dadurch erreichen, dass ihre Körpertemperatur an heißen Tagen moderat und relativ stabil bleibt, während ebenso eine zu starke nächtliche Auskühlung verhindert wird. Die Vorhersagen zum Klimawandel sagen voraus, dass die maximalen Umgebungstemperaturen im gesamten Verbreitungsgebiet der Art ansteigen werden, was besonders deutlich in Florida auftreten wird, wo die höchsten Temperaturmaxima zu erwarten sind. Letzteres bedeutet, dass die Umgebungstemperaturen wesentlich häufiger die für die Art letalen Temperaturmaxima überschreiten werden, als dies heute schon der Fall ist. Große höhlengrabende Tiere wie Erdferkel, Taschenratten, Kaninchen, einige Seevögel und Landschildkröten sowie Plumpbeuteltiere, die global sehr weit verbreitet sind, könnten daher für unzählige Taxa ähnlich schützende Rückzugsmöglichkeiten schaffen. Daher sind insbesondere höhlengrabende Tiere besonders schützenswert und sollten in den Erhaltungsplänen eine höhere Priorität erhalten, da sie dabei helfen, diese schützenden Rückzugsmöglichkeiten großflächig verteilt zur Verfügung zu stellen, und damit anderen Lebensformen die Möglichkeit bieten, den mit dem Klimawandel einhergehenden Temperaturextremen auszuweichen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Neben der etwas zum Schmunzeln anmutenden Vorstellung, ein Kaninchen, nur weil es Höhlen gräbt, neuerdings als Ökosystemingeneur oder gar als „dreidimensionalen Ökosystemingenieur“ (Kinlaw & Grasmueck 2012) zu bezeichnen, möchte ich doch anmerken, dass diese Arbeit auf einen wesentlichen Aspekt einer synökologischen Umweltbetrachtung aufmerksam macht. Hier wird deutlich ein ganz bestimmter überlebenssichernder Aspekt der Interaktion zwischen verschiedenen Tierarten angesprochen, den es zu berücksichtigen gilt. Ja und das trifft wohl mit Ausnahme der Antarktis sogar für alle Erdteile zu. Gerade auch für Schildkröten, die selbst keine Höhlen graben, die aber in ihren Lebensräumen auf deren Mitbenutzung angewiesen sind, scheint das zuzutreffen, siehe Vinke & Vinke (2003), Vinke et al. (2008), Keswick & Hofmeyr (2013), Noss et al. (2013). Neben den von Säugetieren gegrabenen Höhlen zeigte ja gerade die Arbeit von Kinlaw & Grasmueck (2012) für die Höhlen der Wüstengopherschildkröten, dass sie durch die Einbindung alter, verschlossener Gänge sehr wahrscheinlich ein ganz besonders Mikroklima schaffen. Ein Aspekt der allerdings bislang bei all diesen Arbeiten nicht angesprochen wird, ist dass diese Höhlen nicht nur Schutz vor extremen Temperaturen bieten, sondern, dass sich ganz bestimmte Luftfeuchten einstellen, die es den höhlenbewohnenden Tieren auch ermöglichen, ihren Wasserhaushalt besser zu regeln.

Literatur

Keswick, T. & M. Hofmeyr (2014): Refuge characteristics and preferences of Psammobates oculifer in semi-arid savanna. – Amphibia-Reptilia 35(1): 41-51 oder Abstract-Archiv.

Kinlaw, A. & M. Grasmueck (2012): Evidence for and geomorphologic consequences of a reptilian ecosystem engineer: The burrowing cascade initiated by the Gopher Tortoise. – Geomorphology 157-158: 108-121 oder Abstract-Archiv.

Noss, A. J., R. R. Montaño F., F. Soria, S. L. Deem, C. V. Fiorello & L. A. Fitzgerald (2013): Chelonoidis carbonaria (Testudines: Testudinidae) activity patterns and burrow use in the Bolivian Chaco. – South American Journal of Herpetology 8(1): 19-28 oder Abstract-Archiv.

Vinke, T. & S. Vinke (2003): Eine ungewöhnliche Überlebensstrategie der Köhlerschildkröte Geochelone carbonaria im Chaco Boreal Paraguays. – Radiata, Lingenfeld 12(3): 21-31.

Vinke, S., H. Vetter, T. Vinke & S. Vetter (2008): Südamerikanische Landschildkröten. – Schildkrötenbibliothek Band 3. – Frankfurt am Main (Edition Chimaira), 360 S.

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