Manire, C. A., L. Byrd, C. L. Therrien, & K. Martin (2008): Mating-induced ovulation in loggerhead sea turtles, Caretta caretta. – Zoo Biology 27(3): 213-225.

Paarungsinduzierte Ovulation bei der Unechten Karettschildkröte, Caretta caretta.

DOI: 10.1002/zoo.20171 ➚

Unechte Karettschildkröte, Caretta caretta – © Hans-Jürgen Bidmon
Unechte Karettschildkröte,
Caretta caretta
© Hans-Jürgen Bidmon

Ein paarungsinduzierter Eisprung (Ovulation) ist bei Säugetieren sehr verbreitet, wurde bislang aber nur selten für andere Taxa beschrieben. Beobachtungen an einigen adulten Unechten Karettschildkrötenweibchen, Caretta caretta, die in Gefangenschaft ohne Männchen gehalten wurden, ließen vermuten, dass auch bei diesen eine Paarungsinduktion notwendig ist. Somit wurde diese Studie durchgeführt, um zu überprüfen, ob das Ausbleiben einer Ovulation durch die Haltungsbedingungen oder durch das Fehlen der Männchen verursacht wurde. Dazu wurden zwei geschlechtsreife weibliche Schildkröten über sechs jährliche Reproduktionszyklen hinweg beobachtet, wobei ungefähr alle 2 Wochen eine Ultraschalluntersuchung den Entwicklungszustand der Follikel (Eizellen) überprüfte. Während der ersten beiden Zyklen war kein Männchen anwesend, in den folgenden zwei Zyklen war ein geschlechtsreifes Männchen anwesend, konnte aber nicht paaren, während des fünften Zyklus durfte sich dieses Männchen mit einem der beiden Weibchen paaren und während des sechsten Zyklus konnte es sich mit beiden Weibchen paaren. Die Ultraschalluntersuchungen ergaben, dass sich ohne Männchen und ohne Paarung die Follikel im Eierstock zur vollen Größe entwickelten und dass diese anschließend schrittweise wieder abgebaut und resorbiert wurden. In der fünften Saison, wo sich nur ein Weibchen gepaart hatte, legte auch nur dieses etwa eine Woche später die ersten 2 Eier ab. Bei diesem Weibchen setzten sich die Eiablagen während der nächsten Monate fort, und es wurden insgesamt 275 Eier abgelegt. Das nicht paarende Weibchen zeigte den gleichen Follikelverlauf wie in den Vorjahren. Im letzten Zyklus, wo beide Weibchen paarten und ovulierten, wurden von beiden während der folgenden 4 Monate insgesamt 539 Eier abgelegt. Im anschließenden Folgejahr war wieder kein Männchen anwesend und keines der Weibchen zeigte einen Eisprung. Diese Studie zeigt eindeutig, dass Unechte Karettschildkröten einen durch die Paarung induzierten Eisprung aufweisen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine eindeutige und klare Studie, die zeigt, dass Unechte Karettschildkröten zum einen einen paarungsinduzierten Eisprung haben und dass sie Sperma nur für eine Nistsaison speichern. Für wie viele andere Schildkrötenarten könnte das auch zutreffend sein? Ja selbst bei einigen Landschildkröten ist es schwer nach der Ablagesaison noch histologisch Spermien in den Rezeptakuli nachzuweisen. Also scheint die Natur hier sehr sparsam und energieeffizient vorzugehen, denn die Resorption der reifen Follikel dürfte den Weibchen in der Natur die Energiespeicher für eine nächste Ablagesaison mit vorheriger Paarung füllen. Daraus könnte sich für die Haltung die Konsequenz ergeben, dass ohne Geschlechtspartner gehaltene geschlechtsreife Weibchen bei optimaler Futterversorgung leichter auf Dauer zur Verfettung neigen, weil sie die Zyklus bedingt aufgenommene Energie aus den Follikeln eben auch rückresorbieren, und da die Natur von Natur aus auf Energieeffizienz eingerichtet ist, diese auch speichern. Ebenso ergibt sich hier die interessante Frage, wie unterschiedlich sind die Reproduktionsstrategien der verschiedenen Schildkrötengattungen bzw. Arten überhaupt, und gibt es bei manchen so etwas wie Parthenogenese? Siehe auch Whitaker (2006), Xiangkun et al. (2008). Insgesamt stellt sich hier schon die Frage, ob nicht auch die Spermaspeicherung bei den meisten Schildkröten, die ja in der Regel meist nur durch das Vorhandensein mehrer Väter innerhalb eines Geleges nachgewiesen wird, nur für die jeweilige Ablagesaison zutrifft? Oder für die Spermaspeicherung von der Herbstpaarung bis zur nächsten Ablagesaison? Die Klärung dieser Fragen wäre sicher auch in Bezug auf die Zucht und Zusammenstellung von Zuchtgruppen von besonderem Interesse. Oder kennt jemand wirklich harte, belegbare Daten, die zeigen dass Sperma tatsächlich über Jahre gespeichert wird? Sicher, die Arbeit von Whitaker legt das nahe, aber auch hier ist das Vorhandensein eines Männchens oder eines Männchens einer anderen Art (Hybridisierung ist häufig) nicht ausgeschlossen. Sollte sich nämlich herausstellen, dass es eine Langzeitspeicherung (über mehrere Jahre) von Sperma gar nicht gibt, hätte das auch Konsequenzen für die Erhaltungsmaßnahmen und Strategien für manche Arten.

Literatur

Whitaker, N. (2006): Immaculate conception, incubation protocols, and egg characteristics of the Ganges softshell turtle (Aspideretes gangeticus). – Contemporary Herpetology 2006(1): 1-6 oder Abstract-Archiv.

Xiangkun, H., Z. Li, L. Meiying, B. Huijun, H. Nainan & C. Qiusheng (2007): Seasonal changes of sperm storage and correlative structures in male and female soft-shelled turtles, Trionyx sinensis. – Animal Reproduction Science 108(3-4): 435-445 oder Abstract-Archiv.

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